Clubkultur Ein Juwel des Leipziger Südens: das UT Connewitz

Das Leipziger "UT Connewitz" zählt zu den ältesten erhaltenen Filmtheatern in Deutschland und wurde für sein besonderes Programm bereits ausgezeichnet. Doch schon von Beginn an war es mehr als ein Kino, sondern auch ein Konzertraum. Heute ist es vor allem ein Kulturort für das Abseitige und Experimentelle.

UT Connewitz
Blick auf die Bühne des UT Connewitz in Leipzig Bildrechte: Felicitas Förster

Häufig gehen Gäste aus Versehen daran vorbei: Kein Wunder, denn das UT Connewitz verbirgt sich hinter der ergrauten Fassade eines Mietshauses im Leipziger Süden, mit Graffiti und einer Buchhandlung im Erdgeschoss. Der Durchgang ist kalt und modrig, aber nach der zweiten Tür eröffnet sich dem Publikum eine neue Welt: Dunkles Parkett, ein eleganter Zuschauerrang, eine Leinwand umrahmt von zwei Säulen. Die Wände: rot, grün, beige – fleckig. Es sind verschiedene Schichten von Putz und Farbe. Sie erzählen von einem über hundertjährigen Kino-Leben.

"Boah, hier darf ich spielen?"

"Ich glaube, dass die Atmosphäre ganz viel ausmacht", sagt eine Frau mit wildem grauen Haar, die einfach nur Mischka genannt werden will. Das mit der Atmosphäre höre man oft von Gästen, aber auch von Künstlern: "Die kommen ja dann, wenn das normale Arbeitslicht noch an ist und stehen ganz oft im Saal und sagen: 'Boah, hier darf ich heute spielen? Krass, das sieht toll aus!'"

Lieber konservieren als restaurieren

Mischka ist eines von rund 250 Mitgliedern jenes Vereins, der das UT Connewitz größtenteils ehrenamtlich betreibt. Dieser will lieber konservieren als restaurieren. Risse im Gemäuer, erzählt Mischka, dürfen sichtbar sein.

Man kann dem Gebäude ansehen, dass es über hundert Jahre alt ist, dass hier Zeit ins Land gegangen ist. Es soll nicht herausgeputzt werden wie eine kleine Goldschachtel.

Mischka, Mitglied im UT Connewitz e. V.

Es regnete auf die Bühne

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Bühne des UT Connewitz Bildrechte: Felicitas Förster

1912 wurde der Saal eröffnet mit dem Stummfilm "Die schwarze Katze, 2. Teil", einem Krimi. Bald wurde der Raum auch für andere Dinge genutzt, vor allem für Konzerte: ein Kino mit Bühne. Mit diesem Konzept hielt sich das Haus erfolgreich bis zur Wende. Danach stand es fast zehn Jahre lang leer. Bis der Kunsthistoriker Thomas Noack eher zufällig einen Blick hineinwarf – in das damals vollkommen zugemüllte Kino – und kurzerhand einen Verein gründete. 2001 dann die Wiedereröffnung: Eines der ersten Konzerte spielte die Big Band der Leipziger Musikhochschule. Lachend erinnert sich Thomas Noack an "29 junge Musikerinnen und Musiker, ergänzt allerdings nicht nur durch ein begeisterungsfähiges Publikum, sondern auch durch 17 Eimer, denn es regnete und tropfte auf die Bühne."

Ein Haus für Subkulturen

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Booker Sebastian Gebeler Bildrechte: Felicitas Förster

Mittlerweile ist das UT schon lange wieder dicht. Seit Kurzem steht hier sogar eine brandneue Bühne. Wer darauf spielen wird? Wahrscheinlich jene wilde Mischung, für die das Haus bekannt ist: Von Jazz über Rock bis zu hartem Techno, ja sogar Klassik wurde hier schon gehört. "Es gibt eine große Offenheit für viele Genres und auch für die entsprechenden Szenen und Subkulturen", berichtet der Booker Sebastian Gebeler. Hier treffe man "den Kutte tragenden Metaller genauso wie den Hipster mit seinem Beutel."

Wenn man eine Konstante im Programm sucht, dann ist es wohl das "Interesse für das Abseitige", wie Sebastian Gebeler sagt. Experimente sind willkommen – und das gilt auch fürs Kino. In diesem Jahr wurde das UT Connewitz mit dem Lotte-Eisner-Preis ausgezeichnet, gemeinsam mit der Leipziger Cinemathéque. Jury-Mitglied Doris Kuhn lobte in einem Video zur Preisverleihung: "Beide suchen den marginalisierten Film, die eigenwillige Form, die Utopie." Sie würden es sich zur Aufgabe machen, ihrem Publikum eins zu zeigen: "Dass Film weder ausschließlich Kommerz, noch ausschließlich Unterhaltung ist, sondern Kunst."

Das lästige Krawall-Image

Das UT Connewitz, das sagt der Name schon, liegt natürlich in Connewitz, jenem Stadtteil von Leipzig, der in den Medien vor allem mit linken Krawallen präsent ist.

Das ist wirklich schade, dass ein Stadtteil in seiner Vielfalt, in seiner Offenheit, Buntheit, in seiner sehr guten Situation auch, was die Verkehrsanbindung, den Grünanteil, die Wohnsituation, die kulturellen Angebote betrifft, dass der stigmatisiert wird und reduziert wird auf diesen Punkt: "Da ist immer was los!"

Thomas Noack, Vorstandsmitglied des UT Connewitz e. V.

In ganz Leipzig habe man eine Zeit lang brennende Autos gehabt. Was Thomas Noack dabei aufregt: "Richtig berichtet, mit dicken Fotos und erste Seite, wird nur aus Connewitz!"

Die Corona-Krise? Keine Panik!

Die Corona-Krise hat die Vereinsarbeit natürlich gebremst, aber es gab auch Hilfe, berichtet Thomas Noack. Zum Beispiel konnten Mitarbeiter in Kurzarbeit gehen und man habe 30.000 Euro eingenommen, durch eine Crowdfunding-Aktion. Außerdem gehöre das Haus dem Verein, weshalb Thomas Noack beruhigt: Das UT sei im Bestand nie gefährdet gewesen, obwohl die Gelder kritisch seien, könne man positiv in die Zukunft gucken.

UT Connewitz
Eingang zum UT Connewitz Bildrechte: Felicitas Förster

Die Zukunft: Das ist zum Beispiel ein historisches Vordach, das bald den Eingang des Kinos zieren soll, direkt auf dem Gehweg. Wenn es soweit ist, dürften wohl auch weniger Leute an diesem Juwel von Connewitz vorbeigehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2020 | 07:40 Uhr

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