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Große Player wie das Leipziger Bachfest und auch kleinere Literatur-, Film- und Musik-Festivals wie Yiddish Summer in Weimar sind Teil des MDR Kulturnetzwerks. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR Nezzwerk-Buch

Festivals und ihre Visionen für die Zeit nach Corona

von Rebekka Adler, MDR KULTUR

Stand: 29. April 2021, 04:00 Uhr

Viele Festivals, die Kulturpartner des MDR sind, haben 2021 ihre coronabedingte Absage verkünden müssen. Doch die Zwangspause schafft zumindest Raum für Utopien: Welche Zukunftsvisionen haben Musik-, Film- und Literaturfestivals in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen für die Zeit nach der Pandemie vor Augen? Knapp 100 Kulturpartner des MDR, u.a. die Erfurter Herbstlese, der Leipziger Jazzclub, die Thüringer Bachwochen und das Neiße Filmfestival haben im MDR Nezzwerk-Buch ihre Zukunftsvisionen geteilt.

Kaum ein Veranstaltungsformat wird während der Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden Verbot von Großveranstaltungen von vielen Menschen so schmerzlich vermisst wie das Festival. Die Erinnerung, in einer bunten Masse von Menschen verschiedener Herkunft und kultureller Prägung zu stehen und sich gemeinsam für ein Thema – ob Literatur, Film oder Musik – zu begeistern, ist in Zeiten von Hygieneschutz- und Abstandsregelungen in weite Ferne gerückt.

Viele große und kleine Festivals haben in diesem Jahr bereits ihre Absage verkündet, darunter das "Women in Jazz"-Festival und die Händel-Festspiele in Halle, das Rudolstadt-Festival sowie das Domplatz-Open-Air in Magdeburg. Doch die coronabedingte Zwangspause gibt Anlass, darüber nachzudenken, wie die Zeit nach Corona aussehen könnte?

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Making ofDas MDR-Nezzwerkbuch entsteht

Utopien vom fröhlichen Streiten

Dirk Löhr vom Literaturfestival "Erfurter Herbstlese" formuliert seine Idealvorstellung so: "Die Menschen haben gelernt, fröhlich zu streiten. Inklusion ist kein fernes Ziel, sondern gelebte Wirklichkeit. Eintrittsgelder werden nicht mehr fällig. Die Haustechnik ist tiefgrün, die Programme werden auf wunderschönem Recycling-Papier gedruckt. Alle haben sich auf eine achtsame Sprache geeinigt, die allen Geschlechtern gerecht wird – und die alle verstehen. Meinungen prallen ohne Scheu aufeinander. Aus Fremden werden Freunde." Obgleich vieles davon, leider auch die ressourcenschonende und umweltneutrale Gestaltung von Festivals, vorerst keine Chance auf direkte Verwirklichung hat, lässt Löhrs Zukunftsvision Hoffnung schöpfen.

Im MDR Nezzwerk-Buch formuliert u.a. der Leipziger Jazzclub seine Visionen für eine ideale Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Utopie des Leipziger Jazzclubs dreht sich um Gleichberechtigung: "In einer idealen Welt müssten wir nicht mehr in die Unterstützung, Förderung und Sichtbarkeit weiblicher Musiker*innen investieren". Eine Vision, die zugleich Gesellschaftskritik ist: Denn das Musikgeschäft und insbesondere der Jazz, seien nach wie vor überwiegend von Männern geprägt, erklärt der Jazzclub, der sich deshalb in einer idealen Welt mehr rein weibliche Bands oder zumindest Besetzungen mit ausgeglicheneren Geschlechterverhältnissen wünscht.

Kultur ist ein 'Lebensmittel' und keine schöne Beigabe zum Leben.

Ann-Elisabeth Wolff, ehemalige Direktorin von euro-scene Leipzig

Das experimentelle Tanz- und Theaterfestival hätte 2020 sein 30. Jubiläum feiern sollen. Corona-bedingt wurden die Feierlichkeiten auf 2021 verschoben. Bildrechte: dpa

Mehr Vielfalt sehnt sich auch das europäische Theater- und Tanzfestival euro-scene Leipzig herbei. Um auch weiterhin freie und experimentelle Formate zeigen zu können, müsste, laut Wolff, deren Amt mittlerweile vom neuen Direktor Christian Watty übernommen wurde, in Zukunft ein Umdenken stattfinden. Kultur wäre in ihren Vorstellungen einer idealen Welt nicht nur "schöne Beigabe", sondern würde unabhängig von wirtschaftlichen Faktoren existieren. Finanzielle Absicherung sei zwar im Hinblick auf mehr Eigenproduktionen auch in Zukunft unerlässlich, doch steht im Zentrum von Wolffs Utopie etwas anderes: "In einer idealen Welt wäre mehr Offenheit auch für fremde Ansichten, größere Vielfalt und spezielle Formate möglich."

Schön wäre ein höherer Anteil an Diversität und Akzeptanz von Diversität.

Kathrin Müller-Beck, akkordeon akut!

Auch das Programm des "global music festivals - akkordeon akut!" hat sich der Mission nach mehr Vielfalt in der Festival-Szene verschrieben. Trotz hochklassiger regionaler Akkordeon-Ensembles strebt Festivalgründerin Kathrin Müller-Beck in Zukunft mehr Diversität an: "Schön wäre ein höherer Anteil an Diversität und Akzeptanz von Diversität. Dies versuchen wir einerseits durch ein möglichst vielfältiges, neugieriges und neugierig machendes Programm zu erreichen – andererseits aber auch ganz konkret durch das Bereitstellen möglichst bezahlbarer Tickets. In einer idealen Welt müsste man sich über beides wenig Gedanken machen."

In einer idealen Welt ist Kultur kein Luxusgut

Neben einem vollkommen barrierefreien Zugang zu Kultur, träumt die Kulturarena Jena von einem Zukunftsszenario, in dem "nicht der Geldbeutel, sondern das Herz" die Hauptrolle spielt: "Egal, ob ein bedürftiger Obdachloser oder der erfolgreiche Bankier – jeder sollte dieselben Möglichkeiten haben, Kultur zu erleben".

Der Wunsch nach kostenlosen Tickets – oder zumindest Eintrittspreisen, die für jede und jeden bezahlbar sind – bewegt auch Antje Schadow vom Neiße Filmfestival (NFF) in Großhennersdorf bei Görlitz: "Kultur ist kein Luxusgut, sondern ein Recht für alle." Neben uneingeschränkter kultureller Teilhabe, spielt in ihrem Entwurf einer idealen Welt aber vor allem der ländliche Raum eine größere Rolle: "Die ländlichen Kulturräume sind so attraktiv, dass ein Ausweichen auf die nächste größere Stadt nicht mehr zwingend notwendig ist."

Neue Perspektiven für die Gegenwart

Die Visionen der Fesivalmacherinnen und -macher zeigen vor allem eins: Eine perfekte Welt scheint in Corona-Zeiten weiter entfernt denn je. Doch die Visionen zeigen neue Perspektiven für die Gegenwart auf. Und sie dienen als Quelle der Inspiration, um sich von alten Denkmustern zu lösen. Bei diesem Prozess spielen Festivals und nicht zuletzt auch die Musik eine entscheidende Rolle, meint Silvius von Kessel von den Thüringer Bachwochen: "Musik verbindet, über die Grenzen von Sprache, Nationalität und Kultur hinweg. Diese Kraft kann helfen, Verständnis auf- und Vorurteile abzubauen. So sollte die Kunst denn auch Verantwortung übernehmen, sich engagieren, politisch sein: für eine tolerante Welt, die gemeinsam für Werte einsteht und ihre Umwelt schützt."

Die Thüringer Bachwochen im MDR Nezzwerk-Buch. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK