Yiddish Summer Weimar 2022 Mit offenem Herzen: Orchester in Weimar verbindet jiddische und arabische Musik

2017 wurde das Orchesterprojekt Caravan Orchestra in Weimar gegründet. Seitdem hat es einen großen Fankreis und 2018 den renommierten Shimon-Peres-Preis gewonnen. Das Konzept: Junge Menschen aus Israel – ob jüdisch, christlich oder muslimisch – treffen sich mit Musikstudierenden aus Deutschland, um für zwei Wochen Musik zu machen und Konzerte zu geben. Beim Yiddish Summer Weimar 2022 kommt das Orchester wieder in einer neuen Konstellation zusammen – trotz politischer Differenzen.

Wassim Odeh, 43 Jahre alt, sitzt tief in Gedanken versunken vor dem jungen Orchester. Er spielt seit vielen Jahren das arabische Zupfinstrument Oud. Seine Heimat ist Israel, die Stadt Nazareth, ein Ort in den Bergen mit großem biblischen Bezug. Für den arabischen Israeli, der Musiker, Komponist, und Arrangeur ist, eine Stadt, die seit der Kindheit sein Zuhause ist. In Weimar sei er zum ersten Mal, erzählt er. Mit den knapp 40 anderen Musikern – jeder zweite kommt aus Israel – probt er seit einigen Tagen für die Konzerte. Zuvor waren alle gemeinsam in Israel. 

Orchester verbindet musikalische Traditionen aus dem Nahen Osten

Nur einmal mussten – aufgrund der Pandemie – alle Vorhaben abgesagt werden, das war 2020. Ansonsten hat das Orchester-Projekt seit 2017 nicht nur einen großen Fankreis gewonnen, sondern 2018 auch den renommierten Shimon-Peres-Preis. Die Idee dahinter: arabische Christen und Muslime, Juden, Drusen und Nichtchristen kommen zusammen, Europäer und Israelis – Menschen aus vielen Ländern und ebenso vielen Kulturen.  

Wir wollen mehr Tiefe. Und wir wollen vermitteln und verstehen, worum es in musikalischen Kulturen geht, die man noch nicht kennt.

Luise Fackler, Managerin des Orchesterprojektes 2022

Dass ausgerechnet in diesem Jahr zum Start des Orchesters wieder die politischen Wogen in Israel hochschlagen, dürfte manchen die Notwendigkeit solch eines Projektes verdeutlichen, anderen hingegen Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Denn das Miteinander der Musiker hat immer auch einen politischen Kontext.

Gemeinsames Musizieren trotz politischer Konflikte

Wassim Odeh atmet tief ein bei dieser Frage, wie er die aktuelle Situation in seinem Land reflektiert und ob ein Musizieren jenseits der Politik überhaupt machbar ist? "Wir sind in erster Linie Musiker und keine Politiker. Wir sind für Frieden, können auch miteinander musizieren. Doch die Regierungen sehen das oftmals anders."

Auch Polina Shepherd weiß um die Schwierigkeiten, die plötzlich innerhalb eines Orchesters auftreten können, wenn arabische und israelische Konflikte in einem Land neu aufflammen. Sie gehört – wie Wassim Odeh – zum Team der Dirigent*innen, stammt aus Russland und lebt als Musikerin und Künstlerin seit 19 Jahren in Großbritannien.

"Leicht ist das gerade nicht. Und wir können nicht so tun, als sei alles prima, wenn wir gemeinsam spielen. Jeder bringt seine eigene Meinung ein. Das birgt auch Konfrontationen", erklärt Shepherd.

Orchester 2017 beim Yiddish Summer Weimar gegründet

Und damit scheint der Auftrag und auch die Idee des Projektes beschrieben zu sein: Unterschiedliche Menschen kommen zusammen, in dem Fall junge Musiker*innen – die meisten sind jünger als 26 Jahre. Sie arbeiten zusammen, lernen sich kennen und stehen auf der Bühne. Das Projekt des Yiddish Summer Weimar ist vor allem auch dem langjährigen Freund des Festivals Ilya Shneyveys zu verdanken.

Er ist seit Beginn des Festivals immer wieder in Weimar zu Gast und gehört heute selbst zu den renommierten Musikern, die jiddische Musik, Kultur, Klezmer aber auch Jazz und andere Musikstile damit kombinieren. Er hat das Orchester stark gemacht, ihm Form und Schwung verliehen. Genau darauf bauen jetzt die nächsten Generationen auf. Auch Polina Shepherd.

Das Caravan Orchester spielt bei einem Konzert auf der Bühne.
Gemeinsames Musizieren beim Caravan Orchestra – trotz politischer Konflikte. Bildrechte: Shendl Copitman

Jedes Jahr gibt es neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen, auch wenn manche davon bereits zum zweiten oder dritten Mal dabei sind. "Wer bei diesem Orchester mitmacht, betrachtet alles mit einem offenen Herzen. Auch wenn Konflikte die Welt bedrohen. Das hilft uns, gibt Sicherheit und damit können wir gemeinsam Musik machen, einander zuhören – nicht nur in der Musik, auch von Mensch zu Mensch", so Shepherd. In Großbritannien leitet sie Chöre, ist selbst weltweit unterwegs und liebt die Kombination aus Musik und jiddischer Kultur. 

Mit Musik die Welt retten?

Kann Musik – angesichts der neuen Konflikte in Israel – die Welt retten? "Ich denke, Musik kann die Welt nicht retten, wenn das die Welt nicht selbst tun will! Aber sie hilft. In unseren kleinen Welten – jener der Musik – können wir Gutes schaffen. Ein Freund von mir, er lebt in Lwiw, der Ukraine, sagte kürzlich – weil auch wir beide Probleme hatten, ich bin ja russisch: 'Alle diese Projekte der Zusammenarbeit haben doch nicht geholfen!' – Und meine Antwort war: Sie haben geholfen! Vielleicht haben wir auf diesem Planeten Dinge verhindert, weil wir diese Projekte hatten. Also ich finde, es gibt immer Hoffnung!"

In diesem Jahr liegt der musikalische Schwerpunkt des Caravan Orchestra bei Musik mit jiddischen, arabischen Wurzeln in Kombination mit griechischer und türkischer Musik.

Angaben zu Konzerten

Konzerte vom Caravan Orchestra & Choir im August 2022:

  • 10. August, 20 Uhr: Eisenach, Wandelhalle
  • 11. August, 17 Uhr: Leipzig, Marktplatz (Open-Air)
  • 12. August, 20 Uhr: Erfurt, Zughafen
  • 13. August, 19 Uhr: Als Teil des YSW-Open-Airs auf dem Weimarer Herderplatz


Tickets sind über den Yiddish Summer Weimar oder die Touristeninformation in Erfurt und Eisenach erhältlich.

(Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2022 | 10:15 Uhr