Trotz Corona Musik vom Kirchturm: Wie Zeulenroda in der Pandemie Konzerte ermöglicht

Zu Beginn der Corona-Pandemie tauchten in den sozialen Medien immer wieder Videos auf, wie Musikerinnen und Musiker den Balkon zur Bühne umfunktionierten. So ähnlich macht es seit Monaten auch die Dreieinigkeitskirche in Zeulenroda. Lokale Künstlerinnen und Künstler musizieren allein in der Kirche, aber ihre Lieder sind über Boxen auf dem Kirchturm im gesamten Ort zu hören und begeistern die Einwohnerinnen und Einwohner. MDR KULTUR-Autor Julian Theilen war bei einem Kirchturmkonzert dabei.

Wie immer und überall ist Corona das erste Gesprächsthema. Auch dann, als mich Pfarrer Ingolf Herbst im regnerischen Zeulenroda vom Bahnhof abholt. Corona hat die Idee zur Kirchturmmusik überhaupt erst geboren, sie ist seitdem im Chaos der Pandemie so etwas wie eine Konstante. Wie war das Feedback von den Leuten bisher? "Wir haben noch nichts Negatives gehört. Im Gegenteil, wir kriegen auch viele Spenden", sagt Ingolf Herbst.

Über die Aktion will er aber erst weiterreden, wenn seine Frau dabei ist, schließlich hat er die Idee mit ihr zusammen entworfen. Aus der Wohnküche im Pfarrhaus ist die Dreieinigkeitskirche gut zu sehen, höchstens hundert Meter weg. Im März 2020 fing die Familie an, dort pandemiegerechte Konzerte zu organisieren – damals inspiriert von einem Aufruf der Theologin Margot Käßmann, erinnert sich Doreen Herbst.

Wir hatten das dann einfach mitgemacht, weil sowas lieben wir ja. So verrückte Sachen. Und das Fenster aufmachen und musizieren, das ist richtig schön. Und der Ingolf hatte dann noch die Idee aus meinem kleinen Denken: Lass uns das doch gleich vom Kirchturm singen.

Doreen Herbst, Dreieinigkeitskirche Zeulenroda

Mit Musik wieder ein Zusammensein spüren

Pfarrer Ingolf Herbst regelt die Technik für die Corona-Konzerte in der Dreieinigkeitskirche in Zeulenroda.
Pfarrer Ingolf Herbst regelt die Technik für die Pandemie-Konzerte in der Dreieinigkeitskirche. Bildrechte: Julian Theilen

Ein Jugendchor stellte kurzerhand die Boxen, musiziert wurde auf dem Kirchturm danach täglich, nun nur noch am Wochenende. Die Künstlerinnen und Künstler für heute sind schon im Pfarrhaus angekommen. Wie weit die Musikboxen auf dem Kirchturm ihre Klänge tragen, hängt auch immer vom Wetter ab. Wind sei natürlich ungünstig. Oben auf der Empore im Kirchinneren angekommen, arbeitet Ingolf Herbst noch an den Kabeln, er regelt die Technik während der Auftritte.

Balladig wollen sie heute sein, das verraten Amelie und Pauline Funke schon mal. Die zwei Schwestern starten deshalb mit "Heal The World" von Michael Jackson, werden dabei von Freund Lukas am Klavier begleitet. Kennengelernt haben sie sich während des Konfirmationsunterrichts in der Kirchgemeinde, erzählt Pauline, die mittlerweile in Leipzig Medizin studiert, aber noch oft nach Zeulenroda kommt. Sie sagt, sie singen in erster Linie für die Menschen, die zuhören.

Es war mal wieder einne schöne Abwechslung! Weil, was macht man momentan noch? Man sitzt zu Hause, kann nicht raus, und das ist eine Möglichkeit, wieder etwas Zusammensein zu spüren.

Pauline Funk, Studentin und Sängerin

Wer die Konzerte gibt, bleibt eine Überraschung

Die Schwestern Amelie und Pauline Funke singen in der Dreieinigkeitskirche in Zeulenroda und werden dabei von Freund Lukas am Klavier begleitet.
Die Schwestern Amelie und Pauline Funke singen in der Kirche in Zeulenroda und werden dabei von Freund Lukas am Klavier begleitet. Bildrechte: Julian Theilen

Ihre Eltern, Onkel und Partner trudeln so langsam am Fuße der Kirche ein. Das ist aus dem Fenster oben zu sehen. Wenn der Wind gleich doch gut steht, haben sie knapp 13.000 Zuhörerinnen und Zuhörer, so viele Einwohner hat Zeulenroda. Pfarrer Ingolf Herbst hat nicht zu viel versprochen: Die Boxen auf dem Glockenturm haben ordentlich Wumms. 30 bis 40 Menschen stehen jetzt um die Kirche herum, auch die Mutter von Pauline, selbst Musiklehrerin. Sie legt den Kopf in den Nacken, schaut hoch, wohlwissend, dass es hinter den Gemäuern ihre Töchter sind, die gerade singen. Für sie ist es ein Erlebnis, das ihr momentan nirgendwo sonst geboten werden kann.

Man hat viele Leute gehört und gesehen, die man auch sonst so kennt, wenn man hier in der Region Musik macht, die sich dann alle hier wieder getroffen haben. Und dann warte ich immer gespannt: Wer wird denn heute auftreten?

Mutter von Amelie und Pauline Funk

Zum Abschluss jedes Konzertes läuft immer das Abendlied "Der Mond ist aufgegangen", geschrieben von Matthias Claudius im 18. Jahrhundert. "Und laß uns ruhig schlafen und unsre kranken Nachbarn auch", heißt es dort. Etwas, das Pfarrer Herbst, wie er sagt, auch den Menschen in Zeulenroda wünscht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2021 | 07:45 Uhr

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