Musikerinnen Biografien
Musikerinnen-Biografien gibt es viele. Wir haben fünf spannende Biografien ausgewählt. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Von Hildegard Knef bis Patti Smith Rock ’n’ Roll und Feminismus: Fünf spannende Musikerinnen-Biografien

Ganz neu in den Buchläden: Debbie Harry hat ihre Autobiografie "Face It" veröffentlicht. Die Sängerin der Band Blondie zeichnet darin ein wildes Porträt von sich, den 70er-Jahren in New York und der Entwicklung bis heute. Mit vielen Fotos, Fan-Art-Bildern und Illustrationen wird hier die Geschichte einer femininen Frontfrau in einer männlichen Rockband erzählt, die als Vorreiterin für viele nachfolgende Künstlerinnen zählt. Auch andere Musikerinnen wie Patti Smith oder Viv Albertine haben längt ihre Geschichte aufgeschrieben, die sich von denen der Männer unterscheiden, weil sie nicht nur vom exzessiven Rock ’n’ Roll-Leben erzählen, sondern auch von Selbstzweifeln, Liebesgeschichten und vom Kinderkriegen. Wir stellen die fünf interessantesten Biografien vor.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Musikerinnen Biografien
Musikerinnen-Biografien gibt es viele. Wir haben fünf spannende Biografien ausgewählt. Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Viv Albertine: "A Typical Girl"

Viv Albertine "A typical girl"
"A typical girl" von Viv Albertine ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Bildrechte: Suhrkamp

Punk-Biografien sind die wildesten, das ist klar. Wilder jedoch als die Geschichten von The Clash und den Sex Pistols sind die von den Slits, der ersten weiblichen Punkband, die mit den oben genannten zwar auf Tour gingen, aber nicht im selben Hotel schlafen durften. Also drehten sie die Musik auf und pinkelten in die Schuhe auf dem Flur.

Viv Albertine ist die Gitarristin der Slits, obwohl sie kaum Gitarre spielen kann, und hat herrliche Anekdoten zu erzählen: Von einem gescheiterten Blowjob mit Johnny Rotten, von Prügeleien auf Konzerten, von Shopping-Erfahrungen mit Vivienne Westwood. Doch die wilde Zeit hat ihren Preis. Es wird offensichtlich, dass die weiblichen Punks weit mehr unter Beschimpfen und Bespucken, körperlicher Gewalt und Vergewaltigungsversuchen zu leiden haben als ihre männlichen Kollegen.

Spannend an dieser Autobiografie ist auch, wie es nach dem wilden Punkleben weitergeht. In der zweiten Hälfte des Buches, der sogenannten B-Seite wird Viv Albertine Hausfrau und Mutter, finanziell abhängig vom Ehemann, der für ihre Musik- und Kunstkarriere kein Interesse zeigt. Sie erzählt von einer Fehlgeburt, einer künstlichen Befruchtung und einer Krebserkrankung. Dramen, wie sie in Punk-Biografien sonst keine Rolle spielen. Ein ehrliches, persönliches Buch über Selbstermächtigung, Scheitern und humorvollen Feminismus.

Angaben zum Buch Viv Albertine: "A Typical Girl"
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
480 Seiten, 18 Euro

Hildegard Knef: "Der geschenkte Gaul"

Hildegard Knef "Der Geschenkte Gaul"
Cover der Biografie von Hildegard Knef Bildrechte: Ullstein Verlag

Hildegard Knefs Autobiografie "Der geschenkte Gaul" kann man getrost ein Jahrhundertwerk nennen. Zum einen wegen des Erfolgs: Es wurde in 17 Sprachen übersetzt und über drei Millionen Mal verkauft. Zum anderen, weil es so viele Facetten des letzten Jahrhunderts beleuchtet: Die berühmte Chansonsängerin und Schauspielerin, die 1925 geboren wurde, erzählt darin im rotzigen Ton mit trockenem Humor und selbstironischer Offenheit über eine einsame Kindheit, den Krieg, über ihre ersten Erfolge in Amerika, über das Film- und Musikbusiness. Detailreich beschreibt sie Menschen und Situationen, ihr "Bericht aus einem Leben" liest sich mehr wie ein Roman, wodurch manchmal auch berechtigte Zweifel aufkommen, ob das alles nun wirklich haargenauso stattgefunden hat. Doch ein rasantes Leben darf rasant erzählt werden.

Besonders bemerkenswert sind die kleinen Anekdoten, die sich auch eine Frau wie Hildegard Knef eben ihr ganzes Leben lang merkt. Zum Beispiel, wie ihre Verwandten über das Aussehen der kleinen Hilde sprachen: "Und Mutter sagte zum Stiefvater so nachts in die Finsternis hinein: Ein Jammer, dass Hilde nicht hübscher ist. Und Stiefvater murmelte gestört verschlafen: Na ja, aber ganz interessant sieht sie aus …"  Ein hoffnungsvolles, unterhaltsames Buch über ein erfolgreiches Leben trotz vieler Krisen.

Angaben zum Buch Hildegard Knef: "Der geschenkte Gaul. Bericht aus einem Leben"
Ullstein Taschenbuch, 2009
448 Seiten, 9,95 Euro

Patti Smith: "Just Kids"

Patti Smith "Just Kids"
Patti Smith und Robert Mapplethorpe auf der Autobiografie von Smith verewigt Bildrechte: Fischer Verlag

Patti Smiths Autobiografie "Just Kids" ist weniger eine Autobiografie, sondern vielmehr "Die Geschichte einer Freundschaft", wie es im Untertitel heißt. Patti Smith ist gerade 20 Jahre alt, also wirklich fast noch ein Kind, als sie im Sommer 1967 alleine nach New York geht, ohne Geld und ohne Plan. Nachdem sie dort auf den jungen Fotografen Robert Mapplethorpe trifft, kämpfen sie sich zu zweit durch: Ein Liebespaar, aber vor allem zwei Freunde, die zusammen Kunst machen.

Patti Smith, die zu dem Zeitpunkt eher Dichterin als Musikerin ist, erzählt zwar von Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll im New York der 60er und 70er, aber ohne dabei einen auf Rockstar zu machen: Sie hängt im legendären Chelsea Hotel ab, sie trifft berühmte Leute wie Jimi Hendrix und Janis Joplin, alle nehmen Drogen. Und doch ist es eine leise Geschichte voller Zweifel und voller Rückschläge, die zeigt, dass das Rock 'n' Roll-Leben so toll gar nicht ist. Ein poetisches romantisches Buch über Liebe, Freundschaft und cooles Aussehen.

Angaben zum Buch Patti Smith: "Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft"
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010
304 Seiten, 19,95 Euro

Kim Gordon: "Girl in a Band“

Kim Gordon "Girl In A Band"
Cover der Autobiografie von Kim Gordon Bildrechte: KiWi Verlag

Kim Gordon beginnt ihre Geschichte mit einem Ende: dem Ende ihrer Ehe mit Thurston Moore und damit auch ihrer gemeinsamen Band Sonic Youth. Sie wurde von ihm betrogen, ist nun diejenige, die wie in einem schlechten Klischee für eine Jüngere verlassen wurde. Das ist schwer zu ertragen, auch oder gerade wenn man eine der coolsten Musikerinnen des Gitarrenrocks ist.

Kein Wunder also, dass sie nicht nur mit Dankbarkeit, sondern auch voll Schmerz auf die Bandgeschichte zurückschaut. Gordon erzählt aber auch, wie sie sich in der männerdominierten Musikszene fühlt, wie die besten Sonic Youth-Songs entstanden sind, über ihren schizophrenen Bruder und von ihrer Freundschaft mit Kurt Cobain. Ein privates, offenes Buch über Trennungsschmerz, Rockmusik und Mutterliebe.

Angaben zum Buch Kim Gordon: "Girl in a Band“
Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger
Kiepenheuer & Witsch
352 Seiten, 19,99 Euro

Almut Klotz: "Fotzenfenderschweine"

Almut Klotz "Fotzenfenderschweine"
Almut Klotz hat ihrer Autobiografie einen ungewöhnlichen Titel gegeben Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum Almut Klotz ihre Autobiografie "Fotzenfenderschweine" nennt, bleibt bis zum Schluss unklar. Denn der Schluss kam zu früh. Almut Klotz starb mit 51 Jahren an Krebs. Ihr Buch bleibt unvollendet, doch auch als Fragment zieht es einen sofort hinein. Es geht vor allem um die Beziehung mit Rev. Christian Dabeler – auch er ist Musiker, ein saufender schimpfender Underdog mit Stil. Bevor sie mit ihm zusammen Platten aufnimmt, war Almut Klotz Mitglied der Berliner Band Lassie Singers.

In ihrem Buch rechnet sie auch mit den Frauenrollen in der Indie-Pop-Szene ab, aber vor allem beschreibt sie auf wirklich witzige und berührende Art, was für Macken ihr späterer Mann hat und was für seltsam-bekloppte Dialoge sie führten und wieso sie sich trotz lauter Widersprüchen liebten. Ein mitreißendes Buch über ein Künstlerinnenleben und eine Liebesgeschichte, wie man sie leider viel zu selten zu lesen bekommt – und bei der am Ende zumindest noch erklärt wird, dass Fender mit Luft gefüllte Polster sind, die zwischen Kai und Boot den Aufprall abmindern, und wenn sie unter Deck landen, nennt Dabeler sie Fotzenfenderschweine.

Angaben zum Buch Almut Klotz: "Fotzenfenderschweine"
Verbrecher Verlag, Berlin 2016
200 Seiten, 19 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2019, 12:40 Uhr

Abonnieren