Musikgeschichte Dilettantisch, aber innovativ: So begann die Neue Deutsche Welle

Der Begriff "Neue Deutsche Welle" tauchte erstmals 1979 in der Presse auf – vom Punk beeinflusst, experimentierten Bands wie DAF, Abwärts, Wirtschaftswunder, Geisterfahrer, Die Krupps oder Neonbabies mit neuen Klängen und vor allem mit der deutschen Sprache. Auf die NDW-Hochzeit in den Jahren 1982/83 folgte der kommerzielle Hype mit Nena, Hubert Kah oder Peter Schilling, und schon bald darauf das Ende.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Inga Humpe und die Neonbabies
Inga und Annette Humpe gründeten 1979 die Neonbabies, eine der einflussreichsten Bands der Neuen Deutschen Welle. Bildrechte: imago/Future Image

Ein Song aus den frühen 1980er Jahren: Ein schöner junger Prinz verirrt sich im Wald, da packen ihn die Räuber, doch einer von den Räubern liebt diesen Prinzen. Durchaus provokant dieses Stück damals, denn in dieser Zeit sind schwule Liebeslieder keine Selbstverständlichkeit, auch nicht, wenn sie als gesungenes Märchen daherkommen. Dennoch wird "Der Räuber und der Prinz" von der Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft, kurz DAF, im Zuge der Neuen Deutschen Welle zum veritablen Hit.

Sie kamen aus dem Punk

Doch wieso kommt die Welle eigentlich so ins Rollen? Die musikalischen Wurzeln der Neuen Deutschen Welle liegen in Großbritannien. Im Punk. Alfred Hilsberg, Gründer des Labels "ZickZack" und als solcher Partner von einflussreichen Bands wie Abwärts, Wirtschaftswunder, Geisterfahrer oder den Krupps, erklärt:

Deutsche Gruppen haben sich dann im Gefolge dieser Punkgeschichte in England hier gegründet. Viele haben anfangs englisch gesungen, aber es gab doch hier und da auch Versuche, zum ersten Mal mit einer neuen Musik neue deutsche Texte zu machen.

Alfred Hilsberg, Musikproduzent

Neuer Ansatz: Einfach machen!

Schnapp' Dir einen Synthesizer! Oder eine Gitarre! Oder irgendwas anderes, mit dem man Musik machen kann – und dann mach!  Diese Haltung wird auf einmal in der Bundesrepublik auf breiter Fläche gelebt. Was dabei herauskommt, ist oft befreiend, nicht selten dilettantisch und dennoch innovativ und spannend. Thomas Fehlmann von der Band Palais Schaumburg begeistert es:

... dass Leute sich eben mit Musik beschäftigt haben, die jetzt von der technischen Beherrschung eines Instruments weit entfernt waren und trotzdem Klänge durch ein sensibles Umgehen mit Klängen zustande brachten, was eben Bisheriges für mich in den Schatten stellte und einfach irgendwie neu war und Entwicklungsmöglichkeiten bot.

Thomas Fehlmann, Musiker

Für diese Musik bürgert sich schließlich der Begriff Neue Deutsche Welle ein. Ungeschickt ist der nicht. Zum einen dockt er am englischen Begriff New Wave an, zum anderen taugt er als Sammelbegriff für unterschiedlichste Stile, solange – Ausnahmen bestätigen die Regel – auf deutsch gesungen wird. Die avantgardistischen Dadalieder von "Der Plan", Punkorientiertes á la "Hans-A-Plast", die düsteren Werke von Xmal Deutschland, Bands wie Extrabreit, Fehlfarben, Kosmonautentraum, Ideal und selbst die Einstürzenden Neubauten – alles läuft unter dem Siegel Neue Deutsche Welle.

Ich glaub einfach, dass es unheimlich wichtig war, dass Leute überhaupt angefangen haben, irgendwie wieder ihre Phantasie zu entdecken und die kreativ zu nutzen.

Alfred Hilsberg, Musikproduzent

Mit Nena und Peter Schilling in die Hitparade

Sängerin Nena auf der Bühne im Mai 1985
Die Sängerin Nena 1985 – als die Neue Deutsche Welle massenkompatibler war Bildrechte: dpa

Der Erfolg dieser Bands weckt Begehrlichkeiten. Seitens von Musikern, die nicht nur eine Subkultur beliefern wollen, seitens großer Plattenfirmen, die sich große Umsatzzahlen wünschen. Die Neue Deutsche Welle, die NDW, wird massenkompatibler, kommerzieller, hitparadenfreundlicher, ihre Aushängeschilder heißen Nena, Peter Schilling, Hubert Kah oder Frl. Menke. 1982 ist der Hype um NDW gigantisch, doch hält er nicht lang an, weil zu viel auf den Markt geworfen wird. Schon bald darauf hat das zahlende Publikum die Nase voll von NDW, und die Welle ist vorüber.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 27. September 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2019, 04:00 Uhr

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