Trotz Erfolgen Warum wird Musiktherapie nicht von der Krankenkasse übernommen?

Kann Musik heilen? Insbesondere im Bereich der seelischen Erkrankungen kann die Musik wertvolle Dienste leisten, so die Meinung vieler Forscher. Diese Ansicht stützt nun auch eine Studie des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiK), das von den Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung finanziert wird. In der Studie wurden Krebspatienten untersucht, die während ihrer Behandlung Musiktherapie erhalten haben. Das Ergebnis: Die Therapie hat den Patienten eindeutig geholfen, mit den psychischen Belastungen ihrer Krankheit und der Behandlung fertig zu werden. Also ein klares "Ja" zur Musiktherapie von einer renommierten Forschungseinrichtung. Trotzdem wird Musiktherapie häufig nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Warum ist das so?

von Felicitas Förster, MDR Kultur

Ein Stethoskop liegt auf einem Notenblatt der 4. Sinfonie in d-Moll von Robert Schumann.
Kann Musik heilen? Einige Studien belegen das Bildrechte: dpa

Das Helios-Parkklinikum in Leipzig, Abteilung Psychiatrie. Der Raum für Musiktherapie ist voller Instrumente. Fünf davon tragen die Anwesenden nun in ihren Sitzkreis, für eine freie Improvisation. Angeleitet wird die Sitzung von Swaantje Paetzolt, einer diplomierten Musiktherapeutin: "Ich sag auch nicht, wer beginnt. Es beginnt der-, diejenige, die als erstes den Impuls hat, hier einen Ton zu setzen", erklärt sie, "ganz frei, heute in dieser Konstellation, wie es ist, zu dem Tag, zu der Zeit, wie wir hier grade sind. Und lassen uns überraschen von dem, was kommt."

Wirksame Therapieform

Susan steckte in einer akuten depressiven Phase, als sie beschloss, Hilfe zu suchen. "Ich hab einfach gespürt, dass ich’s allein nicht mehr schaffe", sagt sie. Es folgte ein mehrwöchiger Aufenthalt in der Helios-Klinik. Die Musiktherapie war Teil des Behandlungsplans. "Für mich war das zunächst ehrlich gesagt sehr befremdlich, genauso wie die Gestaltungstherapie", gibt sie lachend zu. Aber als sie an den Punkt gekommen sei, an dem sie sich wirklich darauf einzulassen habe, hätten am Ende die beiden Therapiearten am meisten bei ihr gewirkt haben. "Die haben mich wirklich ganz tief berührt", sagt sie. Die Musiktherapie wurde von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Allerdings nur solange Susann in der Klinik war. Als sie danach weitermachen wollte, musste sie aus eigener Tasche zahlen.

Stationär ja, ambulant nein

Welche Maßnahmen erstattet werden und welche nicht, legt die sogenannte Heilmittel-Richtlinie fest. "Im stationären Kontext ist Musiktherapie erstattungsfähig und hat da auch gute wissenschaftliche Ergebnisse erzielt", erklärt Lutz Neugebauer, Vorstand der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft. "Wir sind in Leitlinien verankert zum Beispiel zur Behandlung von Schlaganfallpatienten oder in der Behandlung von Patienten mit Altersdemenz."

Anders ist das im ambulanten Bereich. Dort ist die Musiktherapie explizit ausgeschlossen von den erstattungsfähigen Maßnahmen. "Obwohl es in Deutschland ja die Regelung gibt, dass die ambulante Versorgung vor der stationären Versorgung stattfinden soll", betont Neugebauer. Bei dem Bereits sei es daher "nicht so ganz verständlich", warum er immer noch ausgeschlossen werde.

Langzeitstudien fehlen

Verständlicher wird das, wenn man in die Geschichte der Heilmittel-Richtlinie schaut, die 1992 in Kraft getreten ist. Damals gab es zur Wirksamkeit von Musiktherapie nur wenige Studien. Seitdem hat sich die Studienlage verbessert, ist aber noch nicht optimal. Es fehlt vor allem an Langzeitstudien. "Das hat aber damit zu tun, dass wir aufgrund dieses Heilmittelauschlusses zum Beispiel gar nicht in der Lage sind, Studien bei öffentlichen Forschungsgebern zu beantragen", sagt Lutz Neugebauer. Jetzt hoffe er, an dieser Stelle weiterzukommen.

Die Hoffnung ist berechtigt, denn neuerdings spricht sich auch das IQWiG für die Musiktherapie aus, also das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Es empfiehlt, die Musiktherapie in der Heilmittelrichtlinie nicht mehr auszuschließen, um eine erneute Bewertung möglich zu machen. Dafür wäre der Gemeinsame Bundesausschuss zuständig.

Keine einheitliche Ausbildung

Doch Doktor Monika Lelgemann, unparteiisches Mitglied des Ausschusses sowie Vorsitzende des Unterausschusses für Psychotherapie, äußert sich vorsichtig: "Bevor wir etwas als verordnungsfähig einstufen können, müssten wir die jeweilige Leistung einer Nutzenbewertung unterziehen." Das könne man tun, sagt Lelgemann. "Allerdings wäre im Vorfeld zunächst einmal zu klären, was verstehen wir denn eigentlich unter Musiktherapie und wer wären denn die Erbringer dieser Musiktherapie?" Denn zur Zeit gäbe es keine einheitliche Ausbildung für Musiktherapeuten. Eine weitere Hürde, findet Monika Lelgemann. Immerhin: Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft und der Gemeinsame Bundesausschuss befinden sich im Gespräch.

Acht Sitzungen: 200 Euro

Zu der Sitzung mit Swaantje Paetzolt kommen sowohl stationäre als auch ambulante Patienten. Acht Gruppensitzungen kosten 200 Euro. Zu teuer für manche. Notfalls lasse sich der Preis drücken, sagt sie. "Da kommen wir auch entgegen, weil das unsere Haltung ist und weil wir hier im Krankenhaus  arbeiten – und das ist unser erster Broterwerb. Wenn jemand das wirklich haben möchte und so begeistert davon ist, dann soll der mit dazu kommen." Weggeschickt habe man noch niemanden.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2019, 04:00 Uhr

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