Olivia Delauré (Eliza), Christian Grygas (Pickering), Johannes Strauß (Freddy), Damen udn Herren des Chores in "My Fair Lady" an der Staatsoperette Dresden.
Olivia Delauré (Eliza), Christian Grygas (Pickering, links), Johannes Strauß (Freddy, rechts) sowie Damen und Herren des Chores in "My Fair Lady" an der Staatsoperette Dresden Bildrechte: Staatsoperette Dresden / Stephan Floß

Musical-Klassiker "My Fair Lady" an der Staatsoperette Dresden ist grandios

In Dresden feierte der Broadway-Klassiker "My Fair Lady" 1965 seine DDR-Erstaufführung. Musikalisch ist es eine Abfolge von Dauerbrennern wie "Es grünt so grün …". Nun kommt das Stück in zeitgemäßer Inszenierung erneut auf die Bühne der Elbestadt. Unser Kritiker ist begeistert.

von Boris Michael Gruhl, MDR KULTUR-Kritiker

Olivia Delauré (Eliza), Christian Grygas (Pickering), Johannes Strauß (Freddy), Damen udn Herren des Chores in "My Fair Lady" an der Staatsoperette Dresden.
Olivia Delauré (Eliza), Christian Grygas (Pickering, links), Johannes Strauß (Freddy, rechts) sowie Damen und Herren des Chores in "My Fair Lady" an der Staatsoperette Dresden Bildrechte: Staatsoperette Dresden / Stephan Floß

Das Musical "My Fair Lady" ist auf besondere Weise mit der Geschichte der Dresdner Staatsoperette verbunden. Zehn Jahre nach der New Yorker Uraufführung fand 1965 an der Staatsoperette in Dresden Leuben die DDR-Erstaufführung mit Marita Böhme als Blumenverkäuferin Eliza Doolittlle und Peter Herden als Phonetikprofessor Henry Higgins statt. Ein Riesenerfolg. Sogar in den Kinos sangen die Leute mit, wenn im DEFA-Augenzeugen Ausschnitte des "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blüh'n" erklangen. 446 Vorstellungen gab es und für Karl-Heinz Hanicke, der alle dirigierte, gab es den goldenen Taktstock, er kam ins Guiness-Buch der Rekorde.

My-Fair-Lady-Aufführung an der Staatosperette Dresden
Eine der Kulissen der Aufführung Bildrechte: Stephan Floß

Das Publikum war wild nach dieser Geschichte des Aufstieges eines armen Blumenmädchens, das vermittelte, dass den Menschen die Sprache des Herzens ausmacht und nicht etwa genormte Formen diktierter Anpassung. Dass Individualität über der Norm steht und dass man Menschen nicht formen kann als wären sie Experimentiermasse, wie das der Phonetikprofessor Henry Higgins sieht.

Im Jahr 2000 gab es dann eine weitere Inszenierung an der Staatsoperette, im alten Theater, in Dresden-Leuben, Jessica Glatte, Marita Böhmes Tochter war die Eliza, Tom Pauls war Prof. Higgins.

Zeitgemäße Inszenierung

Für die zeitgemäße Neuinszenierung dieses Musical-Klassikers wünschte sich Wolfgang Schaller den Regisseur Sebastian Ritschel. Dass Ritschel es versteht, sogenannte Klassiker zeitgemäß auf die Bühne zu bringen, hat er mehrfach gezeigt, an der Staatsoperette zum Beispiel mit "Die Lustige Witwe" oder im Kraftwerk Mitte mit "Die Dreigroschenoper". Gerade wurde er mit dem Operetten-Frosch des Bayerischen Rundfunks ausgezeichnet für seine Inszenierung der Operette "Die Polnische Hochzeit" an der Oper in Graz.

Ich möchte versuchen, eine Erzählweise zu finden, die sich heutiger Bilder bedient, ohne jedoch das Stück zu verbiegen.

Regisseur Sebastian Ritschel zu "My Fair Lady" in Dresden

Neonprinzessin

My-Fair-Lady-Aufführung an der Staatosperette Dresden
Olivia Delauré verwandelt sich als Eliza vom Aschenputtel zur Prinzessin Bildrechte: Stephan Floß

Ritschel, der auch gemeinsam mit Barbara Blaschke die Ausstattung entworfen hat, nutzt die Möglichkeiten des Theaters bestens: im Nu sind wir von der Straße im Londoner Nobelviertel im überdimensionierten Arbeitsraum des Professors, der da auf einem beleuchteten Stufenpodest auf dem Gipfel eitler Selbsterhöhung residiert, ohne jede Bodenhaftung. Dann wandelt sich der Raum mit weiten Dimensionen zur Pferderennbahn in Ascot, wo ja Eliza noch mal so herrlich aus der Rolle fällt: "Loof Dover" ruft sie dem Pferd zu, "Loof, oder ick streu Dir Pfeffer in'Arsch".

Und schon glänzen die Roben auf dem Botschaftsball, wo Eliza alle Blicke auf sich lenkt: eine überirdische Prinzessin, ein Kunstwerk im Fantasiekleid, deren Reifrock aus leuchtenden Neonröhren besteht. Die Wette ist gewonnen, Higgins hat aus der Blumenverkäuferin eine Prinzessin gemacht, ein Kunstwerk nach seinem Bilde – von der Kunst aber, ein Mensch zu sein, ist er weit entfernt.

Dem Regisseur ist diese, wie er sagt 'zeitlose Lesart dieser Geschichte zwischen Eliza und Higgins - irgendwo zwischen Pygmalion, Aschenputtel und Pretty Woman' ohne wenn und aber grandios gelungen!

MDR KULTUR-Kritiker Boris Gruhl

Exzellente Besetzung

Die Besetzung der Hauptrollen ist herausragend: Olivia Delauré hat als Dresdner Eliza von Beginn an die Töne des Herzens, diesen brecht'schen Ton der Wahrheit. Axel Köhler ist als Professor Higgins ein exzellenter Darsteller.

Ritschel inszeniert, und hier muss auch Christian Grygas als vermittelnder Oberst Pickering genannt sein, was es bedeutet das Alphabet der Menschlichkeit durchzubuchstabieren. Die Dialoge sind glaubwürdig inszeniert, sie gehen über in die Musik, das Spiel ist immer choreografisch grundiert, natürlich ein großes Verdienst des Choreografen Radek Stopka und des Balletts der Staatsoperette im tänzerischen und bewegungsmäßig verblüffend gut gelungenen Zusammenspiel mit dem Chor und dem großen Ensemble. Dazu gehört natürlich Markus Liske als Elizas versoffener Vater: Einfach zum Mitsingen: "Mit 'nem kleenen Stückchen Glück …"

Musikalisch kein Absturz ins Klischee

Am Pult des Orchesters der Staatsoperette steht Christian Garbosnik, Thomas Runge hat die Chöre einstudiert. Und das ist nicht nur ein "kleenet Stückchen Glück", das ist großes Glück! Garbosnik ist ja ein Mann des Tempos. Unglaublich, wie er schon im Vorspiel loslegt, dann aber auch zu sensibler Schmeichelmelodik findet. Die Sängerinnen und Sänger finden alle ihren individuellen Ton des Genres, keine Abstürze ins Klischee, die Musikalität ist von tänzerischer Kraft. Viel Zwischenapplaus und am Ende stürmische Begeisterung in der Staatsoperette, im Dresdner Kraftwerk Mitte, das mit dieser Inszenierung zum Kraftwerk der Gefühle wird.

Zur Aufführung "My Fair Lady"

Nach Bernard Shaws "Pygmalion" und dem Film von Gabriel Pascal
Buch von Alan Jay Lerner
Musik von Frederick Loewe | Deutsch von Robert Gilbert

Musikalische Leitung: Christian Garbosnik
Inszenierung, Licht-Design, Ausstattung: Sebastian Ritschel
Ausstattung: Barbara Blaschke
Staatsoperette Dresden im Kraftwerk Mitte

Nächste Aufführungen:
- 27, 29., 30., 31. Januar
- 16. Februar, jeweils um 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2019, 13:15 Uhr

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