Architektur-Mythen des Bauhauses Wohnen in Bauhaus-Architektur – wirklich schön und bezahlbar?

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet. Wie kaum eine andere Kunstschule der Moderne hat das Bauhaus Architektur und Design nachhaltig geprägt. Ohne dabei die historische Leistung dieser Avantgardebewegung schmälern zu wollen, gab es aber auch Widersprüche: Die oft hochgesteckten Design-Ideale trafen in der Realität nicht immer auf Begeisterung. So wollte das Bauhaus durch eine Rationalisierung des Bauens preis- und lebenswerten Wohnraum für alle schaffen. Doch bei wichtigen Vorzeigeprojekten, wie der Wohnsiedlung in Dessau-Törten, waren die Baukosten deutlich höher, und es gab massive bauliche Mängel – mit gravierenden politischen Folgen.

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Redakteur für Bildende Kunst und Architektur

Das Bauhaus hatte propagiert, preiswerten Wohnraum für alle zu schaffen. Und so bekam Walter Gropius den Auftrag von der Stadt Dessau, eine Siedlung in Törten zu bauen. Gropius hatte versprochen, billiger zu sein als die Konkurrenz – und schneller. Deshalb ließ er sich von der amerikanischen Autoindustrie inspirieren und setzte auf modernste Fertigungsprozesse.

Das war das Versuchsfeld des Bauhauses, hier wie am Fließband zu bauen, also wie Henry Ford ab 1913 seine berühmten Ford-T-Autos gebaut hat, sollten die Häuser quasi am Fließband entstehen.

Werner Möller, Architekturhistoriker vom Bauhaus Dessau

Baumängel und extravagante Fenster

Das Tempo war atemberaubend – doch es gab massive bauliche Mängel. Die Wärmedämmung war miserabel und die Wände waren viel zu dünn. Architekturhistoriker Werner Möller erklärt: "Es war nur eine einfache 15er-Wand nach draußen, es wurden sehr, sehr bald danach Vormauern errichtet, um Dämmung und auch das Eindringen von Witterung von außen nach innen wegzubekommen." Das habe zu Rissbildung zwischen den Deckenbalken und den Fenstern geführt, so Möller weiter.

Die experimentelle Bauweise erwies sich deshalb als ziemlich teuer. Doch nicht nur Baumängel waren dafür verantwortlich, sondern auch die extravaganten Fenster. Sie sollten schick aussehen und modern – eingehängt am Deckenbalken und ohne Fenstersturz. Doch diese Konstruktion hatte einen gravierenden Nachteil, wie der Bauhaus-Experte Werner Möller erklärt: "Man hat dadurch andersrum den Effekt, dass man, wenn man im Raum sitzt, nicht direkt rausgucken kann, was man im Siedlungsbau kennt."

Man möchte sein kleines Kissen auf die Fensterbank legen, rausgucken, sich mit dem Nachbarn unterhalten, das funktioniert in diesen Häusern nur im Stehen.

Werner Möller, Architekturhistoriker vom Bauhaus Dessau

Schwierigkeiten beim Rausgucken und ein Zimmer mit beschränkter Aussicht – so bauten die Bewohner später eigene Holzfenster ein und versetzten sie nach unten.

Bürgerinitiative wehrt sich gegen hohe Umbau-Kosten

Das alles kostete zusätzlich Geld – und das mussten sie selbst aufbringen – denn es waren ihre Eigenheime. Und letztlich summierte sich das Ganze zu einer existentiellen Bedrohung. Philipp Oswalt, Architekturprofessor in Kassel und ehemaliger Direktor am Bauhaus in Dessau, erklärt: "Dann stellte sich bald heraus, dass die Häuser einiges teurer waren, zehn bis 20 Prozent teurer, als das versprochen war, es gab einen Riesenaufstand, es gab eine Bürgerversammlung mit tausenden Bürgern, die davon betroffen waren, weil es damit auch für viele unerschwinglich wurde."

Man muss sehen, die Leute hatten natürlich wenig Eigenkapital, die mussten Kredite aufnehmen, die monatliche Belastung stieg noch exorbitant, und das war ein soziales Problem. Das war für die Sozialdemokratie wahrlich ein Drama.

Philipp Oswalt, Architekturprofessor

Entfernung zwischen Bauhaus und Sozialdemokraten

Dr. Walter Gropius
Walter Gropius (re) hinter einem Architektur-Modell. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Bezahlbarer Wohnraum für alle - das war ein wichtiger Grund gewesen, warum sozialdemokratische Politiker wie Heinrich Peus und der damalige Oberbürgermeister Fritz Hesse, das Bauhaus nach Dessau geholt hatten. Doch weil diese Hoffnungen enttäuscht wurden, kam es zu einer schleichenden Entfremdung zwischen dem Bauhaus und den Sozialdemokraten – und das hatte schlimme Folgen.

Letztendlich führte das dazu, dass sich Peus, der sozialdemokratische Führer, dass sich die Sozialdemokratie vom Bauhaus abgewendet hat, und Gropius hat nicht auch ohne Grund Dessau verlassen und das Bauhaus.

Philipp Oswalt, Architekturprofessor

Und weiter beschreibt Oswalt: "Und man muss auch sagen, es war die fehlenden Zustimmung der Sozialdemokratie für das Bauhaus, die ja dann den Wegzug des Bauhauses zur Folge hatte. Es gab einen Antrag der NSDAP, und die Sozialdemokratie hat sich nur enthalten und hat nicht dagegen gestimmt und damit ging der dann damals durch."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 04:00 Uhr

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