Plácido Domingo, Opernsänger
Plácido Domingo, Opernsänger Bildrechte: dpa

Rezension Startenor Plácido Domingo als "Nabucco" an der Semperoper: Auftritt mit Hindernissen

Er zählt zu den ganz Großen im Opernbetrieb: Plácido Domingo. Der "Löwe von Madrid" und "Marathonmann der Tenöre" ist inzwischen 78 Jahre alt, und er debütierte nun an der Semperoper Dresden. Domingo übernahm für drei Vorstellungen die Titelpartie in Verdis "Nabucco" – eine Sternstunde mit Hindernissen, sagt die MDR KULTUR-Opernkritikerin.

von Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernredakteurin

Plácido Domingo, Opernsänger
Plácido Domingo, Opernsänger Bildrechte: dpa

Die Vorstellung begann bereits mit der Ansage des Intendanten Peter Theiler, Plácido Domingo bitte um Verständnis, er sei von einer Erkältung noch nicht gänzlich genesen, würde aber singen. Das tat er dann auch bis zur Pause, danach folgte die nächste Intendantenansage: Domingo solle auf ärztliches Anraten hin lieber nicht weiter singen, wurde da verkündet. Dafür sang Ensemblemitglied Markus Marquardt den Nabucco vom Pult an der Seite ein und der Spielleiter der Produktion agierte auf der Bühne.

Übernimmt sich Plácido Domingo?

Plácido Domingo ist einer der berühmtesten Tenöre des 20. Jahrhunderts. Anlässlich der Fußball-WM 1990 trat er erstmals gemeinsam mit Luciano Pavarotti und Jose Carreras als "Die drei Tenöre" auf, wurde dann zum ausgewiesenen Publikumsliebling und ein durchaus charismatischer Künstler. Auch mit 78 Jahren klingt er noch erstaunlich gut. Er hat ein Stimm-Timbre mit Wiedererkennungswert, das ist warm und tenoral-hell geblieben, gleichwohl Domingo vor sechs Jahren beschloss, Bariton-Partien zu singen, weil er im Tenor-Fach vieles nur noch mit Mühe bewältigen konnte. Und da ist nun so wie in den vergangenen Jahrzehnten viel Verdi dabei: Früher war er ein grandioser Alfredo, jetzt Germont in "La Traviata", früher Otello und Radames, inzwischen Simon Boccanegra oder Nabucco.

Und was lädt diese Sänger-Legende sich mit Ende 70 noch auf: Er erhielt erst knappe zwei Stunden vor der Vorstellung eine szenische Einweisung in die Dresdner Inszenierung, für den nächsten Tag ist bereits wieder ein Konzert mit ihm in Madrid geplant, am Pfingstsonntag die zweite Vorstellung "Nabucco" an der Semperoper – und das sind nur zwei von etlichen Terminen im Juni. Ich bin gespannt, ob er sie wird halten können oder ob er sich nicht schlicht zu viel zumutet. Die Leute jedenfalls wollen diesen einst exzellenten Sänger-Darsteller erleben. 

Anmerkung der Redaktion In der ursprünglichen Version dieses Artikels hatte es geheißen, Plácido Domingo sei erst am Tag der Aufführung in Dresden eingetroffen. Diese Information basierte auf einem Missverständnis zwischen der Autorin und der Semperoper. Deshalb haben wir die Passage im Text entfernt. Außerdem haben wir in dem betroffenen Absatz präzisiert: "Er erhielt erst knappe zwei Stunden vor der Vorstellung eine SZENISCHE Einweisung in die Dresdner Inszenierung."

Plácido Domingo (Nabucco)
Plácido Domingo als Nabucco Bildrechte: Semperoper Dresden / Daniel Koch

Chor und Sopranistin Saioa Hernández gesanglich überragend

Diese musikalische Interpretation, das war Verdi con brio, den sollte man gehört haben, weil er viel zu selten so gesungen und gespielt wird. In Dresden kommen da mehrere Faktoren zusammen: Einerseits kann die Staatskapelle auf eine jahrzehntelange Verdi-Tradition seit Fritz Busch bauen. Andererseits ist "Nabucco" eine Chor-Oper und die Leistung des Staatsopern-, Extra- und Sinfoniechors Dresden ist klanglich überragend. Zudem wurden Sängerinnen und Sänger für die Hauptrollen verpflichtet, die Verdi mit der geforderten Flexibilität und Power singen können, aber auch dem Belcanto, dem "Schöngesang", gerecht werden: Mezzosopranistin Christa Mayer beispielsweise bot als Fenena ein wunderbar differenziertes Rollenporträt jener Frau, die Anspruch auf den Thron ihres Vaters Nabucco hat, aber von ihrer Halbschwester Abigaille verdrängt wird. Dass Abigaille als erster Sopran bei Verdi das böse Prinzip verkörpert, das war damals mit Blick auf die Figurenkonstellation eine Novität, und was die junge Spanierin Saioa Hernández daraus macht, ist schlicht phänomenal.

Christa Mayer (Fenena), Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Christa Mayer (Fenena), Sächsischer Staatsopernchor Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Abigaille ist in der Oper Tochter einer Sklavin und entwickelt einen martialischen Machthunger, das heißt, sie schreckt nicht davor zurück, die eigene Schwester und in dieser Inszenierung das Volk der Hebräer töten zu wollen, indem sie die Menschen mit Benzin übergießt und anschließend ein Feuerzeug in die Menge wirft. Diese Partie ist extrem fordernd, denn als sogenannter Spinto-Sopran braucht man quasi alles: Das Lyrische für die wenigen psychologischen Momente, die Attacke, die Höhe und die Tiefe. Über all das verfügt diese Sängerin. Da konnten Vitalij Kowaljow als Hohepriester Zaccaria und Massimo Giordano als Fenenas Geliebter Ismaele zwar überzeugen, mit der mühelosen stimmlichen Wucht dieser Spanierin aber doch nicht ganz mithalten.

Dirigent Omer Meir Welber macht Oper zur Sternstunde

Vitalij Kowaljow (Zaccaria)
Vitalij Kowaljow (Zaccaria) Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Der erste Gast-Dirigent am Haus, Omer Meir Welber, ist in Dresden kein Unbekannter, hat dort u.a. schon Strauss und Mozart dirigiert. "Nabucco" allerdings ist seine erste Verdi-Oper an der Semperoper. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass man von einer Sternstunde der Oper sprechen kann: Er hat diese Musik zum Glühen gebracht, hat sie ausbalanciert zwischen kraftvoll-auftrumpfender, zuweilen auch militanter, dann wieder zutiefst menschlich-zurückhaltender Geste, wenn ich an die feinen musikalischen Linien, zum Beispiel der Solo-Flöte oder des Solo-Cellos denke. Zudem begegnet Welber diesen typischen Verdi-Rhythmen und Tempi mit einer Freiheit in der Gestaltung. Das ist große Kunst. Es vibriert vor Energie und scheint diesem Dirigenten ebenso viel Spaß zu machen, wie den exzellent aufspielenden Damen und Herren der Staatskapelle Dresden.

Die Regie von David Bösch hat mich im Vergleich zur Musik nicht wirklich überzeugt. Das liegt vor allem daran, dass doch häufig in Richtung Rampe gestanden und gesungen wird. Es gibt einige szenisch eher unbeholfene Lösungen, wobei ich den zweiten Teil szenisch auch nur in der beschriebenen Behelfs-Variante erlebt habe. Aber: Die Aktualisierung über die beeindruckenden Bühnenbilder von Patrick Bannwart, der im Kern ein quasi skelettiertes, kriegs-zerstörtes Haus zeigt und das mehrfach abwandelt, die griff schon. Denn ob dieses Haus samt seinen Bewohnern nun in Syrien, der Ukraine oder einem afrikanischen Land steht, es symbolisiert letztlich den Wahnsinn und das Leiden der Bevölkerung in jedem Krieg – sei er aus Machtansprüchen oder religiösen Überzeugungen heraus geführt.

Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper, Komparserie
Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper, Komparserie Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Mehr Infos zu "Nabucco" an der Semperoper Dresden: Oper von Giuseppe Verdi
Dramma lirico in vier Teilen
Text von Temistocle Solera
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Gesamtdauer ca. 2 Stunden 30 Minuten
Werkeinführung (kostenlos): 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

Besetzung:
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber
Inszenierung: David Bösch
Bühnenbild: Patrick Bannwart
Chor: Jörn Hinnerk Andresen
Dramaturgie: Kai Weßler

mit:
Nabucco: Plácido Domingo
Ismaele: Massimo Giordano
Zaccaria:Vitalij Kowaljow
Abigaille: Saioa Hernández
Fenena: Christina Bock
Abdallo: Simeon Esper
Anna: Tahnee Niboro

Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper Dresden

Nächste Termine (in dieser Besetzung):
9. Juni 2019, 19:00 Uhr
15. Juni 2019, 19:00 Uhr

weitere Termine mit anderer Besetzung

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juni 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 11:11 Uhr

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