Ein Friedhof
Friedhöfe nutzen auch dem Klima der Stadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Umweltfreundliche Bestattung Wie man nachhaltig sterben kann

Die Diskussion über Nachhaltigkeit und Recycling hat auch die Bestattungsbranche erreicht. Aber nachhaltig bestatten – wie geht das? Sollten wertvolle Materialien wie Zahngold und Hüftgelenke aus Titan begraben oder recycelt werden? Es gibt auch noch andere Möglichkeiten.

von Thyra Veyder-Malberg, MDR KULTUR

Ein Friedhof
Friedhöfe nutzen auch dem Klima der Stadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als die Funus-Stiftung zu einem Symposium ins Herrenhaus Möckern im Norden Leipzigs gelade hat, kommt es zu lebendigen Debatten. Denn es geht um die Frage, wie auch Bestattungskultur ökologisch und nachhaltig sein kann.

Muss man auch im Tod was leisten?

Juliane Uhl, die für die inhaltliche Konzeption verantwortlich ist, interessieren zwei Fragen sehr: "Wie kann man einen möglichst kleinen letzten Fußabdruck hinterlassen? Und: Muss man das? Also ist man der Gemeinschaft gegenüber dazu verpflichtet, immer noch was zu leisten – auch im Tod?", überlegt sie. Diese zweite Frage werde beim Symposium nicht beantwortet. "Aber ich ziehe auf jeden Fall viele Informationen raus, mit denen ich dann arbeiten kann, um da weiter darüber nachzudenken", sagt Uhl. Denn es geht den Veranstaltern zunächst darum, eine Debatte darüber in Gang zu bringen, wie Nachhaltigkeit im Bestattungswesen aussehen kann – und sollte.

Gut zu Mutter Natur zurückkehren

Ein Grabstein auf dem Friedhof auf dem auch Ralf Hertzsch begraben liegt.
Was sind "grüne Bestattungen?" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einer der Referenten ist der Bestattungsunternehmer Werner Kentrup. Er macht sich schön länger Gedanken über "grüne Bestattungen" – auch damit es seine Kunden in ihrer Situation nicht tun müssen: "Wenn jemand im Sterben begriffen ist oder unerwartet stirbt, macht sich niemand Gedanken über irgendwelche ökologischen und grünen oder sonstwie Bestattungen“, glaubt Kentru, denn die Leute hätten völlig andere Sorgen. "Wenn ich als Bestatter das aber aufgreife, das Material entsprechend anbiete und sage: Wenn wir jetzt Ihren Vater, Ihre Mutter bestatten, achten wir darauf, dass wir einen Sarg aus der Region nehmen, der einerseits ein gutes Zuhause für den Verstorbenen bietet aber gleichzeitig in der Erde gut vergänglich ist, und dadurch der Verstorbene wieder gut zur Mutter Erde zurückkehren kann, dann ist das völlig klar und sehr gut für die Leute."

Heimisches Holz und lokale Handwerker

Der Rheinländer hat es sich in seinem Betrieb zur Aufgabe gemacht, in allen Aspekten eines Begräbnisses auf die Umwelt zu achten. Da gibt es viele Stellschrauben: Etwa die Bestattung auf einem Ortsteilfriedhof, der gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist und außerdem als Grünfläche dem Stadtklima nutzt. Dazu gibt es Urnen und Särge, die aus heimischem Holz und ohne schädliche Lacke gefertigt sind, Grabsteine, die von lokalen Handwerkern aus Materialien aus der Region gefertigt sind.

Trauer wichtiger als ökologische Fragen

Schöpfbrunnen
Die Würde der Toten ist am wichtigsten Bildrechte: MDR/Pressestelle Stadt Mühlhausen

Auch der Blumenschmuck – am besten regional und saisonal – ist ein Thema, genau wie die Kleidung der Toten. "Die persönliche Kleidung ist sehr wichtig", sagt Kentrup. Denn viele Menschen sterben in Seniorenheimen und in Krankenhäusern, wo sie oft nur mit einfachen Klinikhemden oder einfachen Leibchen bekleidet sind. „Durch die eigene Kleidung bekommen die Verstorbenen ein sehr hohes Maß an Würde zurück", sagt der Bestatter.  "Von daher begrüßen wir immer, dass die Menschen in eigener Kleidung bestattet werden. Wir weisen nur darauf hin, dass dieses Material vergänglich sein sollte. Materialien aus Nylon sind nicht geeignet, weil die den Verwesungsprozess stören." Wenn aber die Lieblingsbluse der Toten nun mal aus Polyester ist oder sich der Verstorbene Orchideen als Grabschmuck gewünscht hat, wird Kentrup dennoch nicht davon abraten. Denn in seinen Augen sind die Würde der Toten und die Trauerarbeit der Hinterbliebenen immer wichtiger als ökologische Fragen.

Zahngold vergraben oder recyclen?

Ein anderer Aspekt, wenn man über ökologische Bestattungskultur nachdenkt, sind die Teile eines Leichnams, die weder verwesen noch kremiert werden können: Implantate aus Metall und vor allem Zahngold. Einer Statistik von Bundesverbandes der Bestatter zufolge werden jedes Jahr Wertstoffe im Wert von rund 70 Millionen Euro vergraben. Der Jurist Tade Spranger sieht darin auch ein ethisches Problem: "Auf der einen Seite erleben wir, dass zunehmend Blutgold auf den Markt kommt, dass viele seltene Erden unter prekären Verhältnissen gewonnen werden, dass Kinder für den Abbau eingesetzt werden und Kindersoldaten, um die entsprechenden Gruben zu sichern. Es sind Bürgerkriegsparteien, die daran teilnehmen", betont Spranger. "Das heißt also, die seltenen Erden und Gold werden prekär gewonnen, aber in Deutschland vergraben wir auf deutschen Friedhöfen eben diese Materialien anstatt sie zu nutzen." In Fällen, in denen ein Leichnam verbrannt wird, man also Gold und andere Wertstoffe rein technisch problemlos entnehmen könnte, darf das jedoch nur geschehen, wenn die Hinterbliebenen zugestimmt haben. Und so bleibt es am Ende eine persönliche Entscheidung, wie groß der letzte ökologische Fußabdruck ist, den wir auf diesem Planeten hinterlassen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Oktober 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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