Ein Kruzifix auf einer aufgeschlagenen Bibel
Im Roman findet Hauptfigur Teresa Halt im Glauben. Bildrechte: IMAGO

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2018 "Nachtleuchten": Ein opulenter Roman über das Argentinien der 70er-Jahre

Es ist einer der außergewöhnlichsten Romane, der in diesem Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht: "Nachtleuchten" von Maria Cecilia Barbetta. In ihrem opulenten Werk erzählt sie von der Geschichte Argentiniens in den 70er-Jahren. Es geht um die große Politik, die kleinen Leute und den rechten Glauben. MDR KULTUR-Literaturkritiker Tino Dallmann hat "Nachtleuchten" gelesen.

Ein Kruzifix auf einer aufgeschlagenen Bibel
Im Roman findet Hauptfigur Teresa Halt im Glauben. Bildrechte: IMAGO

In "Nachtleuchten" behandelt Maria Cecilia Barbetta zum einen das Thema der argentinischen Politik. Sie erzählt von der Rückkehr des zweimaligen argentinischen Präsidenten Juan Peróns aus dem Exil, seinem Tod und der Zeit danach. Das alles erfährt der Leser vor allem aus der Sicht der elfjährigen Teresa. Sie schnappt mal eine Schlagzeile in der Zeitung auf oder eine Diskussion am Frühstückstisch der Familie – aber eigentlich interessiert sie sich für ganz andere Dinge.

Persönliche und politische Krisen

Als ihre Eltern ein weiteres Kind bekommen, stürzt sie das mehr in eine Krise als der politische Ausnahmezustand, der bald darauf auf Perons Tod eintritt. Sie beschließt kurzerhand Ordensschwester zu werden und sich ganz dem Glauben zu widmen. Teresa ist es, die den ausufernden Roman zusammenhält. Sie möchte ihre Mitmenschen bekehren und läuft mit einer Wandermadonna durch die Straßen. So lernt der Leser die Menschen des kleinen Ortes kennen.

Den Friseur, dessen Erscheinung ein Kunstwerk ist. Den Großvater, der eine Autowerkstatt mit dem schönen Titel "Autopia" besitzt, und einen verkannten Schriftsteller, der eine Zeitung gründet. Diese Figuren und ihre Erlebnisse stehen auf den etwas mehr als 500 Seiten im Vordergrund und die sind so schillernd, dass die Politik mitunter in den Hintergrund tritt.

Erzählung aus Erfahrung

Die argentinische Autorin Maria Cecilia Barbetta
Maria Cecilia Barbetta stammt aus Argentinien und schreibt auf Deutsch. Bildrechte: S. Fischer Verlag/Marcus Höhn

Maria Cecilia Barbetta weiß, wovon sie schreibt: Sie ist gebürtige Argentinierin, die auf Deutsch schreibt. Geboren wurde sie in Buenos Aires und wuchs in dem Viertel auf, in dem auch der Roman spielt: Ballester. Schon ihr Debüt, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete "Änderungsschneiderei Los Milagros" aus dem Jahr 2008, spielte in Buenos Aires und webte die Geschichte einer Schneiderin mit Werken der Weltliteratur zusammen – von Jules Verne bis Jorge Luis Borges. Da traf Kunstfertigkeit auf eine Leichtigkeit des Erzählens.

'Nachtleuchten' schließt stilistisch an den Vorgänger an und übertrifft diesen an vielen Stellen.

Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Das Buch erinnert an den magischen Realismus eines Gabriel Garcia Marquez, bei dem in eine grundsätzlich realistische Erzählung immer wieder übernatürliche Vorgänge einbrechen. Hier geschieht das durch Teresas kindliche Sicht, die vor allem vom christlichen Weltbild bestimmt ist. So treibt auf ihrer Ordensschule ein Satyr sein Unwesen, der allerdings nur auf einer Toilettentür angekündigt wird und auch noch falsch geschrieben ist. Dann lässt ein blutbeflecktes Laken sie und ihre Freundinnen an Wunder glauben, und sie stößt auch noch auf ein magisches Quadrat, das um die Zahl 33 gebaut ist – dem Alter von Jesus – eine Zahl, die auch später wieder auftaucht. Der Glaube wird also genauso in Frage gestellt wie die politische Ordnung in den 70er-Jahren.

Ein einmaliger Ton in der deutschen Gegenwartsliteratur

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
Bildrechte: S. Fischer

Der Tonfall des Romans ist an vielen Stellen unterhaltsam und witzig, insgesamt ist es sehr opulent erzählt. Wir erfahren in sinnlichen Details die Welt von Ballester – ärmere und wohlhabendere Gegenden, die Teresa mit ihrer Wandermadonna durchstreift. Eine Reinigung mit dem Namen "Clean Eastwood" läuft erst erfolgreich, bekommt aber Probleme, als sich Eastwood als "Dirty Harry" einen Namen macht. Von der ersten Seite an ist eine Freude am Fabulieren und an der Sprache an sich spürbar. Damit schlägt der Roman einen Ton an, den es so in der deutschen Gegenwartsliteratur nicht gibt.

Thematisch zeitlos

Obwohl "Nachtleuchten" in den 70er-Jahren spielt, ist die Geschichte auch für das Heute noch relevant. Der Roman ist geprägt duch ein pralles Erzählen, und es kann die Frage gestellt werden, ob genau dieses Erzählen schon ein Selbstzweck ist. Doch ganz so ist es nicht. Zum einem erzählt Barbetta von ganz alltäglichen Menschen in Zeiten des Umbruchs und schaut, wie diese damit umgehen. Da kann man durchaus Parallelen zum Heute ziehen. Zum anderen fragt der Roman nach gesellschaftlichen Utopien – da sieht es schon in den 70er-Jahren knapp aus und heute vielleicht sogar noch schlechter.

Schade ist, dass diese politischen Themen eher im Hintergrund verhandelt werden. Insgesamt ist es aber ein Roman mit einer starken Geschichte, der mit Witz und Feingefühl erzählt ist. Ein glänzend geschriebener, im wahrsten Sinn des Wortes leuchtender Roman!

Angaben zum Buch Maria Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten"
528 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-10-397289-4
S. Fischer Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. September 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 04:00 Uhr

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