Natascha Wodin, 2017
Natascha Wodin Bildrechte: IMAGO

"Irgendwo in diesem Dunkel" Natascha Wodin und die dunklen Seiten ihres Vaters

Für "Sie kam aus Mariupol" erhielt Natascha Wodin 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse. Darin begab sich die 1945 in Fürth als Tochter sowjetischer Zwangsarbeiter geborene Autorin auf die Spur ihrer Mutter, die sich 1956 das Leben genommen hate. In ihrem aktuellen Buch schreibt Natascha Wodin über ihren gewalttätigen und unberechenbaren Vater. Susanne von Schenck hat Natascha Wodins aktuelles Buch "Irgendwo in diesem Dunkel" gelesen und die Autorin für MDR KULTUR gesprochen.

Natascha Wodin, 2017
Natascha Wodin Bildrechte: IMAGO

Wenn sich Natascha Wodin an ihren Vater erinnert, dann an seine zuschlagende Faust. Ein gewalttätiger Trinker ist er. Im Rückblick beschreibt die Autorin in "Irgendwo in diesem Dunkel", wie er sie, das heranwachsende Mädchen, einsperrt, zum Putzen zwingt, schlägt und sich fast an ihr vergeht. Aber ihr Buch ist dennoch keine Abrechnung. Wodin zeigt Verständnis: "Was mich an meinem Vater immer sehr beschäftigt und berührt hat, das war seine Einsamkeit, weil ich selbst als Kind so einsam war und sehr gut verstand, was das ist. Und das sah ich bei meinem Vater in höchster Potenz, weil er nicht einmal deutsch sprechen konnte, er hatte ja keinen einzigen Gesprächspartner."

Blick vom Totenbett

Natascha Wodin, 1983
Natascha Wodin, 1983 Bildrechte: IMAGO

Ihr neues Buch setzt dort ein, wo ihr letztes endete: im Leichenschauhaus. In "Sie kam aus Mariupol" sieht die zehnjährige Natascha ihre tote Mutter im Sarg liegen, nun, über dreißig Jahre später, steht sie vor dem aufgebahrten Vater. Fast 90-jährig ist er nach langer Krankheit in einem Altersheim gestorben. Mit einer Mischung aus Hass und Mitleid hat Wodin ihn die letzten Jahre begleitet und schildert sein Dahinsiechen in starken Bildern und einer klaren Sprache.

Er saß in seinem mit Kissen und Windeln ausgepolstertem Sessel, klein, grau, entrückt in die Moränenlandschaft seiner zerstörten Gefäße, in denen er dem Tropfen einer unendlichen Zeit nachzuspüren schien.

Natascha Wodin über ihren Vater

Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1989, als der Vater stirbt. Assoziativ eingeflochten sind Rückblicke auf die frühe Kindheit mit der Mutter. Der Hauptfokus des Buches liegt auf den bleiernen späten 50er- und frühen 60er-Jahren der jungen Bundesrepublik.

Das Gefühl des Ausgestoßenseins

Natascha Wodin bei der Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse, 2017
2017 erhielt Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse für ihr Buch "Sie kam aus Mariupol" Bildrechte: IMAGO

Wodin ist eine Meisterin des genauen Hinschauens, die nichts beschönigt. Wie in ihren anderen Büchern hat sie auch in "Irgendwo in diesem Dunkel" das Gefühl des Ausgestoßenseins genau beschrieben.

Der Vater spricht außer "brauche" und "brauche nix" kein Deutsch. Sie aber möchte dazugehören, Ursula oder Susanne heißen und am liebsten einen deutschen Handwerker heiraten. Für ihre Mitschüler ist sie ein Untermensch, ein verhasstes "Russenkind", das am Krieg schuld ist.

Ein großes Schweigen

Der Schatten, der schon in "Sie kam aus Mariupol" das Leben ihrer Eltern verdunkelte, ist auch hier der Motor des Buches. Wodins Fragen nach der Vergangenheit des Vaters bleiben ohne Antworten.

Die Autorin bemerkt zu dieser Stille: "Ich würde fast sagen, es ist ein Buch des Schweigens, weil alle geschwiegen haben - mein Vater hat geschwiegen, sein Bruder, die Deutschen haben geschwiegen, auch meine Schwester, alle haben geschwiegen, ich selbst habe geschwiegen, weil ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte, weil ich gar nicht verstand, was um mich herum passierte. Es war eine ganz große Orientierungslosigkeit und ein doppeltes Schweigen, das Schweigen der Deutschen. Die schwiegen ja über etwas anderes als meine Eltern. Und diese beiden Schweigen haben sich über mich geschlossen wie eine Wasserdecke."

Ohne Halt

Natascha Wodin, Irgendwo in diesem Dunkel
Ein Ausschnitt des Bildes vor dem Grab der Mutter wird auch auf dem Cover des neuen Buches gezeigt. Bildrechte: Rowohlt

"Irgendwo in diesem Dunkel" kommt mit ungeheurer Wucht daher und zieht den Leser in einen Sog, aus dem er erst nach der letzten Seite benommen wieder auftaucht. Inhaltlich knüpft die Autorin zwar an ihren großen Erfolg vom letzten Jahr an, aber beide Bücher stehen als eigenständige Werke nebeneinander.

Ein gravierender Unterschied: weil sie über den Vater weniger erfährt als über die Mutter, verschränkt Wodin dessen Geschichte mit ihrer eigenen. Er ist ein Mann, der ihr fremd bleibt, an dem sie jedes Mal abprallt und der, selbst ein Opfer der Zeitumstände und ums Überleben kämpfend, der Tochter nicht das geben kann, was sie so dringend gebraucht hätte.

Schließlich haut sie ab, lungert herum, stiehlt und gerät immer mehr unter die Räder. Ahnungslos geht das unerfahrene Mädchen mit einem Mann mit, der sie brutal vergewaltigt. Sie wird schwanger, und die an sich selbst vorgenommene Abtreibung gehört zum extremsten, was in diesem Buch zu lesen ist. Dass aus dieser Wodin später eine großartige Schriftstellerin wird, grenzt geradezu an ein Wunder.

Angaben zum Buch Natascha Wodin: "Irgendwo in diesem Dunkel"
240 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3-498-07403-6
Rowohlt Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 28. August 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2018, 12:49 Uhr