Navid Kermani, Schriftsteller und Orientalist spricht in seinem Büro.
Navid Kermani in seinem Büro Bildrechte: dpa

Wo aus Nachbarn ganz schnell Feinde werden Navid Kermani reist durch Kriegsgebiete im Osten

Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Einwanderer in Siegen geboren, wuchs mit zwei Sprachen und zwei Kulturen auf. Der Schriftsteller und habilitierte Orientalist wurde zum engagierten Mittler zwischen der islamischen und der christlichen Welt. Zudem ist er jemand, der sich gern allerorts umsieht. Seine ersten Reportagen erzählten von Städten und Kriegen im Nahen Osten. Jetzt berichtet er in seinem neuen Buch "Entlang den Gräben" von einer Reise durch das östliche Europa.

von Holger Heimann, MDR KULTUR

Navid Kermani, Schriftsteller und Orientalist spricht in seinem Büro.
Navid Kermani in seinem Büro Bildrechte: dpa

Navid Kermani bereiste schon Kriegsgebiete wie Syrien, Afghanistan und den Gazastreifen. In seinem neuen Buch erzählt er von den östlichen Grenzen Europas: Für den "Spiegel" reiste er ins Baltikum, von dort aus nach Weißrussland und in die Ukraine, auf die Krim und schließlich in die Kaukasusregion. Warum? Die Antwort sind seine Reportagen. Kermanis Blick für sprechende Details, sein ausgeprägtes Sensorium für Stimmungen und Atmosphären bewähren sich auch in der für ihn fremden Region. Überdies hat er sich vorbereitet. Zu seiner wichtigsten Lektüre zählt "Bloodlands", die erschütternde Analyse von Timothy Snyder, die vom millionenfachen Blutzoll erzählt, den die Menschen dieses Gebietes unter Hitler und Stalin zahlen mussten. Es sind versehrte Landstriche und Städte, die Kermani bereist. Über Weißrussland schreibt er:

Andere Länder haben Mahnmale, die an die Schrecken des Krieges und des Holocausts erinnern. Wer durch Weißrussland fährt, bekommt den Eindruck, dass das Land ein einziges Mahnmal ist, so zahlreich sind die Gedenksteine, Massengräber und Hinweisschilder, die zu ehemaligen Vernichtungslagern führen.

Navid Kermani in "Entlang der Gräben"

Entlang von Grenzen, die sich immer wieder verschieben

Doch es ist nicht allein eine unheilvolle Vergangenheit, die Kermani immer wieder in den Blick nimmt. Ein Kapitel des Bandes heißt "An die Front" und führt in den Donbass zu den Kämpfen zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Aktivisten. Mehrmals ist der Reporter an verschiedenen Waffenstillstandslinien unterwegs. Im Norden Georgiens verschiebt sich die Grenze zu Ossetien immer wieder, weil mal die einen, mal die anderen Soldaten vorrücken.

Es sind mithin aktuelle Konflikte und kriegerische Scharmützel, die Kermani einfängt. Die begünstigten, weiter westlich lebenden Europäer nehmen sie kaum zur Kenntnis. Während viele der Menschen, von denen die Reportagen erzählen, nach Europa schauen, blickt der Westen nicht zurück. Kermani hingegen tut es, neugierig und vorurteilsfrei.

Der Kaukasus ist wahrscheinlich die einzige Region der Welt, in der man innerhalb von zwei Stunden durch drei verschiedene Kriege fahren kann. Gut, es sind keine wirklichen Kriege mehr; von Anschlägen, sporadischen Scharmützeln und staatlichem Terror abgesehen, stehen die Waffen derzeit still. Außerdem sind hier auf einem Gebiet kaum größer als die Bundesrepublik mehr als fünfzig Völker mit je eigenen Sprachen versammelt, da relativiert sich die Dichte der Konflikte auch.

Navid Kermani in "Entlang der Gräben"

Eben noch Nachbarn, morgen Feinde

häden an Häusern im ostukrainischen Horliwka
Vom Krieg zerstörtes Haus in der Ukraine Bildrechte: IMAGO

In Bergkarabach, und an den Grenzen des seit dem Zerfall der Sowjetunion von Armeniern und Aseris umkämpften Gebietes, trifft Kermani auf Menschen, die noch vor nicht allzu langer Zeit gute Nachbarn waren. Der Krieg um das inmitten von Aserbaidschan gelegene, aber von Armenien beanspruchte Territorium hat ihnen jedoch eine erbitterte Feindschaft aufgezwungen.

"Entlang den Gräben" ist jedoch kein dunkel-pessimistisches Buch. Kermani zeigt immer wieder auch die Anpassungsfähigkeit und den Selbstbehauptungswillen von Menschen, die versuchen mit einer Situation zurechtzukommen, die sie sich nicht selbst erwählt haben. Manchmal sorgt das für absurd-groteske Arrangements. In der Hauptstadt von Bergkarabach, das seit Jahren durch armenisches Militär kontrolliert wird, betritt er einen Flughafen, von dem aufgrund der unklaren politischen Lage noch nie ein Flugzeug gestartet ist.

Zu unserer Überraschung schwingen die Türen dennoch auf, so dass wir in den blitzblanken Terminal spazieren können. Wir können uns an die Counter stellen, einen Gepäckwagen nehmen, auch die Toiletten benutzen. Auf der Anzeige steht, dass der Check-in um 15.30 beginnt, aber das ist nur ein Test.

Navid Kermani in "Entlang der Gräben"

Doch Kermani schreibt nie auf eine bestimmte Wirkung hin. Er will nicht belehren, sondern lässt die Menschen selbst zu Wort kommen. Dieser Reporter schlägt sich dabei nicht vorschnell auf eine Seite. Er stellt vielmehr immer wieder mindestens zwei vermeintliche Wahrheiten gegenüber. Wenn sein Buch trotzdem eine Botschaft hat, dann ist es die, dass es Monokulturen kaum gibt, wohl aber friedliche und weniger friedliche Wege des Zusammenlebens.

Ein Lkw ist am 16.06.2010 auf der Georgischen Heerstrasse (Grusische Heerstrasse), die lange Zeit die einzige Querung des Kaukasus darstellte, in der Nähe des Kreuzpasses unterwegs.
Der Kaukasus: Im Norden Georgiens verschiebt sich die Grenze zu Ossetien immer wieder, weil mal die einen, mal die anderen Soldaten vorrücken. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Februar 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2018, 01:00 Uhr

Buch - Navid Kermani: Entlang den Gräben
Bildrechte: C.H.Beck Verlag

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Navid Kermani: "Entlang den Gräben. Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan"
Erschienen bei C.H.Beck
442 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3406714023

Navid Kermani ist auch Gast auf der Leipziger Buchmesse