Neil MacGregor, 2016
Neil MacGregor, Buchautor und Intendant des Berliner Humboldtforums Bildrechte: imago/IPON

Über die Rolle der Religion Neil MacGregor: Das Leben mit den Göttern ist eine Metapher für das Leben miteinander

"Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten" von Neil MacGregor war ein Bestseller. Auch sein neues Buch: "Leben mit den Göttern" baut auf museale Objekte auf, die wieder aus dem British Museum stammen, dessen Direktor er bis 2015 war. Inzwischen steht der Historiker dem Berliner Humboldtforum als Intendant vor. In seinem neuen Buch "Leben mit den Göttern" handelt er nicht etwa eine Geschichte der Religionen ab – vielmehr erzählt er spannend, wie der Glaube Gemeinschaften formt und prägt, wie der Glaube Menschen verbindet, aber auch trennt. Für ihn gilt: So, wie wir mit unseren Göttern leben, so leben wir letztendlich auch miteinander.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Neil MacGregor, 2016
Neil MacGregor, Buchautor und Intendant des Berliner Humboldtforums Bildrechte: imago/IPON

Religion? Eine Sache von gestern. Zum Aussterben verurteilt wie Saurier und Säbelzahntiger. Darauf schien die Geschichte seit zwei- oder dreihundert Jahren hinauszulaufen. In Europa am stärksten, aber auch in Amerika, der islamischen Welt oder Afrika und Asien war die Religion auf dem Rückzug. Seit einigen Jahrzehnten ist aber der Glaube wieder auf dem Vormarsch. Der Wendepunkt, so schreibt Neil MacGregor, sei die Islamische Revolution im Iran von 1979 gewesen.

Nach Jahrzehnten demütigender Einmischung von Seiten der Briten und Amerikaner entdeckten iranische Politiker in der Religion eine Möglichkeit, die Identität des Landes zu definieren und zu behaupten. Seither haben viele den gleichen Weg eingeschlagen.

Aus dem Buch "Leben mit den Göttern"

Historisch gesehen kehren die Gesellschaften damit zum Normalfall zurück. Der ist eben nicht die säkulare Gesellschaft, sondern das "Leben mit den Göttern". "Alle Menschen brauchen ein Narrativ", sagt MacGregor. "Ein Narrativ, das eine Identität anbietet und Hoffnung stiftet. Und das ist immer die Rolle der Religion gewesen. […] Und weil im Nahen Osten beispielsweise die Staaten zusammengebrochen sind, suchen die Menschen diese Idee einer Gemeinschaft, wo sie diese Idee immer gefunden haben, in der Religion."

Das erste Objekt im Buch ist der "Ulmer Löwenmensch"

Buchcover - Neil MacGregor: Leben mit den Göttern 4 min
Bildrechte: C.H. Beck Verlag

MacGregor gliedert sein Buch in sechs Themen rund um die Religion: von der Suche nach unserem Platz in der Welt, über die "Macht der Bilder" und die Frage "Gott oder viele Götter" bis zu den himmlischen Mächten. Das Buch beginnt mit einem aus Deutschland stammenden Objekt: dem Ulmer Löwenmenschen. Einer 40.000 Jahre alten Elfenbeinskulptur eines Menschen mit Löwenkopf: "Hier finden wir zum ersten Mal eine Kombination, die nur in der Phantasie existieren konnte. [...] Der Löwenmensch steht für einen kognitiven Sprung in eine Welt jenseits der Natur und jenseits menschlicher Erfahrung", heißt es im Buch.

Der Ende der letzten Eiszeit geschnitzte Löwenmensch ist der erste Beleg für eine Erzählung, die Natürliches und Übernatürliches verbindet.

Homo sapiens ist auch Homo religiosus, der nicht nur nach der eigenen, sondern nach unser aller Stellung im Kosmos sucht und bei dem Glauben eng mit Zugehörigkeit verbunden ist.

Aus dem Buch "Leben mit den Göttern"

Das macht die Faszination und Kraft der Religionen aus – gleich ob man an ein heiliges Feuer, heilige Bäume, Flüsse, Berge, an Dutzende Götter oder den einen und einzigen Gott glaubt. Glauben verbindet die Menschen, noch stärker aber die religiöse Praxis: gemeinsame Feste, der Bau eines Tempels, das Pilgern – oder das gemeinsame Singen, eine Praxis, die durch Luther Einzug ins Christentum hielt.

"Wie man mit den Göttern lebt, so lebt man mit den anderen"

MacGregor schreibt keine Geschichte der Religionen, sondern erzählt, wie der Glaube Gemeinschaften formt und prägt, wie der Glaube Menschen verbindet, aber auch trennt. Wie Religion zur Machtfestigung inszeniert wird, aber auch, wie Religion Macht in Frage stellen kann.

Eine Stärke des Buches ist der globale Blick, mit dem MacGregor immer wieder verblüfft. Wenn er erklärt, wie der Heilige Georg und die jamaikanischen Rastafari zusammenhängen: Die Äthioper, die vielliecht älteste christliche Gemeinschaft überhaupt, kämpften unter der Fahne des Heiligen Georgs gegen die katholischen italienischen Invasoren. 1895 noch erfolgreich – 40 Jahre später wird Kaiser Haile Selassie zwar vertrieben, geht symbolträchtig nach Jerusalem ins Exil und wird zu einer Ikone dieser weltweiten Unabhängigkeitsbewegung.

Die Rastafari-Bewegung, die in den 1930er-Jahren, kurz nach der Krönung Haile Selassies, im Jamaika entstanden war, betrachtete Äthiopien als die unbesiegte Heimstatt aller Schwarzafrikaner und den Kaiser als deren Herrscher und Heiland. Äthiopien galt als schwarzes Zion.

Aus dem Buch "Leben mit den Göttern"

Hunderte Objekte aus dem Fundus des British Museum

Anhand hunderter Objekte aus dem Fundus des British Museum erzählt MacGregor von der Macht des Glaubens. Der Vorzug dieser Herangehensweise ist: Der Glaube des jakutischen Hirtenvolks der Sacha, der Glaube der Ureinwohner von Vanuatu oder die religiösen Malereien des südafrikanische San lassen sich so gleichberechtigt mit den großen Weltreligionen behandeln. Neil MacGregor schafft ein faszinierendes Kaleidoskop des menschlichen Lebens, nicht nur des religiösen.

Wie man mit den Göttern lebt, so lebt man mit den anderen. Das Leben mit den Göttern ist in großem Maße eine Metapher für das Leben mit den anderen.

Neil MacGregor Historiker

Eine Erfahrung, die man in den letzten Jahren vielfach in Europa gemacht hat. Die anderen sind oft genauso fremd und rätselhaft wie es Gott oder die Götter sind. Und doch leben wir seit Jahrtausenden mit ihnen.

Infos zum Buch: Neil MacGregor: "Leben mit den Göttern"
Mit 245 Abbildungen
Erschienen bei C.H. Beck Verlag
542 Seiten, 39,95 Euro
ISBN 978-3-406-72541-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Januar 2019 | 16:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2019, 04:00 Uhr

Geschichte, spannend erzählt