Neil Young
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Livealbum zu 1976er-Tour Neil Young begeistert mit "Songs for Judy" alte und neue Fans

Neil Young, der manchmal alle überholte, um sich dann wieder zurückfallen zu lassen, hat immer schon ziemlich genau gewusst, was er nicht machen will. Seine großen nordamerikanischen Kollegen Bob Dylan und Bruce Springsteen sind da ähnlich gestrickt, haben aber andere künstlerische Methoden entwickelt als der Mann, der am 1945 in Winnipeg, Kanada geboren wurde. Warum, mag man sich fragen, hat Young zwar alle Meriten und jeglichen Lorbeer, nie aber die Verkaufszahlen von Dylan und Springsteen erreicht. Das hat vielleicht auch mit seiner Veröffentlichungspolitik zu tun. Gerade ist ein neues Album mit unveröffentlichten Liveaufnahmen aus dem Jahr 1976 aus Neil Youngs Archiven erschienen.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
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von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Neil Young
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22 Songs bietet das gerade erschienene Album "Songs for Judy" von Neil Young. Aufgenommen hat er sie allerdings schon vor Jahrzehnten, in verschiedenen US-Städten im Jahr 1976 bei seiner Solo-Acoustic-Tour, die den Titel "No one seems to know" trug - was immer er damit meinte, seine Songs sicher nicht.

Zuvor war Young mit seiner Band "Crazy Horse" auf Tour gewesen, was natürlich auch immer ein Erlebnis ist. Aber wer einmal Neil Young Solo gesehen hat, weiß auch, dass solche Auftritte dem Publikum eine ganz neue Perspektive auf Künstler und Werk vermitteln können. Wenn sich Neil auf der Bühne mit einer stattlichen Sammlung von Gitarren positioniert, zwischendurch ans Piano wechselt und etwa im Barrelhouse-Piano-Stil sein "Journey through the Past" vorträgt, dann schunkelt die eine Hälfte der glücklichen Konzertbesucher und die andere weint. Von den vielen Versionen, die es von "Journey Through the Past" gibt, ist die auf "Songs for Judy" vielleicht die schönste.

Atemberaubend

Überhaupt jagt auf dem Album ein Höhepunkt den anderen. Etwa als Young am 24. November 1976 in Atlanta das nicht so häufig gespielte, wunderschöne "Here we are in the Years" von seinem ersten Soloalbum 1969 dem neuen Präsidenten widmete. Der Demokrat Jimmy Carter hatte drei Wochen zuvor den Republikaner Gerald Ford geschlagen. Ford war für Nixon eingesprungen, als dieser nach der Watergate-Affäre hastig zurücktreten musste. Der Erdnussfarmer Carter war Young sympathisch.

Auch gibt es "Pocahontas" vom damals unveröffentlichten Album "Hitchhiker", das erst 2017 erscheinen sollte. Der Song "Pocahontas" wurde erstmals auf dem Meilenstein "Rust Never Sleeps" 1979 veröffentlicht. Die Akustikversion auf "Songs for Judy" ist atemberaubend, auch wenn Young sich im Intro wünscht, er hätte seine Zwölfsaitige dabei. Young gibt dem Song am Ende so viel Druck, und eine leichte Textänderung, die fast wie Rap klingt - diese akustische Version ist elektrisierender als alle anderen von diesem Song - und da gibt es etliche.

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Neil Young ist einer der bekanntesten musikalischen Exporte Kanadas Bildrechte: dpa

"Songs for Judy" ist eines dieser Livealben, das Fans gleichermaßen glücklich machen dürfte, wie Einsteiger. Es gibt großartige Versionen von Hits wie "After the Goldrush", "Heart of Gold" oder "A Man Needs a Maid". Neil spielt Pumporgel und beginnt mit dem Intro von "Like a Hurricane", um dann in den auf "Harvest" groß orchestrierten Klassiker überzugleiten.

Der Song "No One Seems to Know", der der Tour ihren Namen gab, wird hier erstmals veröffentlicht. "White Line" aus den unveröffentlichten Homegrown-Sessions ist auch akustisch klasse, hier allerdings ist die die Version mit Crazy Horse, die es erst 1990 auf das Album "Ragged Glory" schaffte, unübertroffen.

"Songs for Judy" ist eine Schatzkiste. Wer nach dem ersten Durchlauf dieses Albums nicht sofort das Netz nach Tourdaten für Neil-Young-Solo-Konzerte durchforstet, der tut es nach dem zweiten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 04:00 Uhr

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