Grafikstiftung zeigt "Das Fortwährende" Neo Rauchs Frühwerk in Aschersleben ausgestellt

Die Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben stellt in einer neuen Schau frühe Werke des Malers aus. "Neo Rauch. Das Fortwährende" zeigt Papierarbeiten des Künstlers – 80 Werke aus den Jahren 1989 bis 1995. Bisher sind nur selten Werke des Künstlers vor dem Entstehungsjahr 1993 öffentlich zu sehen gewesen. Ursprünglich sollten sie im Leipziger Museum der bildenden Künste ausgestellt werden, doch die geplante große Werkschau zu seinem 60. Geburtstag hatte Rauch selbst abgesagt.

Eine Besucherin betrachtet Arbeiten von Neo Rauch in der Ausstellung in Aschersleben.
Insgesamt 80 Werke sind in der Grafikstiftung zu sehen. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Die neue Schau "Das Fortwährende" in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben widmet sich den Arbeiten auf Papier von Neo Rauch – und zwar seinen frühen Werke aus den Jahren 1989 bis 1995. Der Künstler hat dafür im Vorfeld in seinen Schubladen gekramt und dabei auch längst Vergessenes zu Tage befördert.

Den Blick auf seine frühen Arbeiten vergleicht Rauch mit der Rückkehr in das eigene Kinderzimmer. "Ich komme zurück in mein eigenes Kinderzimmer und sehe die Spielfiguren dort am Boden liegen und wende mich ihnen liebevoll zu. Vor kurzem war ich noch in der Pubertät und da war mir das peinlich. Jetzt bin ich allmählich erwachsen und kann mich selbst, über mich als Kind, freuen", sagte Rauch MDR KULTUR.

Schau ursprünglich im MdbK Leipzig geplant

Neo Rauch bei seiner Ausstellung in Aschersleben
Neo Rauch ist in diesem Jahr 60 geworden. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Im Alter von 60 Jahren freut sich Neo Rauch nun über die Anfänge des damals knapp 30-jährigen Künstler. Seine Werke aus dieser Zeit wollte er ursprünglich dieses Jahr im April im Leipziger Museum der bildenden Künste zeigen – aus Anlass seines runden Geburtstags. Doch dann bekam er kalte Füße und sagte die Ausstellung ab. Die Begründung: Er verfüge noch nicht über die "gebotene Altersmilde und Gelassenheit", um auf der großen Bühne des Bildermuseums sein Frühwerk zu zeigen. Deshalb hat er sich entschieden, es nun in einem kleineren Rahmen zu präsentieren: in seiner Grafikstiftung in Aschersleben. Dieser intimere Ort ist für ihn nun das passendere Ambiente für dieses Experiment.

Die ausgestellten Frühwerke Neo Rauchs zeigen eigentümlichen Suchbewegungen. Ausstellungsbesucher sehen amorphe Formen, irgendwo zwischen Figuration und Abstraktion. Darüber hinaus sind die Arbeiten geprägt von einen reduziertem Kolorit: viele Brauntöne und erdige Farbschattierungen sind zu sehen. Das wiederum war inspiriert von den Zeichnungen von Josef Beuys, der damals viele Künstler aus dem Osten beeinflusst hat.

Einflüsse der Alten Meister

Neo Rauch Das Ziel, 1995 Öl auf Papier auf Leinwand 272 x 109 cm Privatsammlung Berlin
"Das Ziel", Neo Rauch, 1995, Öl auf Papier auf Leinwand Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, David Zwirner

Doch nicht nur Beuys war ein wichtiger Einfluss, sondern auch die alten Meister aus dem Süden Europas. "Es gibt Arbeiten, die ich in Italien angefertigt habe, im Laufe meines ersten Toskana-Urlaubes 1991," erinnert sich Rauch. "Auf der Terrasse des Hauses, das wir damals anmieteten, stocherte ich buchstäblich im toskanischen Nebel und Landregen herum und versuchte die Eindrücke irgendwie zu verarbeiten, die ich von den großen Alten hier empfing, von Giotto, Piero della Francesca, und so weiter."

Der Einfluss der alten Meister ist in den Frühwerken allerdings nur zu erahnen.  Die Atmosphäre dieser Arbeiten ist eigenartig diffus und schwebekluftig. Doch entwickelt sich daraus ein Formwillen, der sich Mitte der 1990er Jahre in eindrucksvollen Bildern niederschlägt, wie in der großformatigen Arbeit in Öl auf Papier mit dem Titel "Das Ziel".

Sie zeigt einen Mann in blauer Arbeitshose, der eine Zwille in der Hand hält und auf ein abstraktes Bild in der Ecke zielt. Eine Art Selbstporträt, wie dem Künstler zufolge eigentlich alle Figuren. "Das sind immer Reflektionen meiner inneren Befindlichkeit und der Versuch, ihrer irgendwie habhaft zu werden. Der Schleuderer, der ja ein Ziel verfolgt, steht für mich als derjenige im Raum, der sich einer Herausforderung gegenüber sieht." Das Selbstbildnis des Künstlers als eine Art David, der den Goliath besiegen muss – das zeigt auch das Ringen des jungen Malers. Auf spielerische Weise geht es auch um die Fokussierung seiner Kunst und vielleicht auch darum, wie der Künstler mit seinem Werk in das Herz des Betrachters zielt.

Das Werk Neo Rauchs wird vordatiert

Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten aus den Jahren 1989 bis 1995 macht eindrucksvoll deutlich, wie sich das Werk von Neo Rauch in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Bemerkenswert ist auch, dass er sich jetzt zu diesen Bildern ausdrücklich bekennt. Denn bislang hatte Neo Rauch den Beginn seines eigentlichen Werks mit dem Jahr 1993 angegeben.

Das geschah in enger Absprache mit seinem Galeristen Gerd Harry Lybke. Dieser hielt es damals für notwendig, das Frühwerk vor dem Internet-Kunsthandel zu schützen. Er sei besorgt gewesen, dass möglicherweise auch Studienarbeiten und Kinderzeichnungen Rauchs in Umlauf gerieten, so der Künstler. "Und da haben wir uns darauf verständigt, dass das Jahr 1993 – also das Jahr, in dem wir die erste Ausstellung miteinander unternahmen – der Beginn der wirklich seriösen Tätigkeit ist. Es zeigt sich nun, dass man den Beginn der seriösen Arbeit ruhig ein paar Jahre zurück verlegen kann auf der Zeitachse."

So bringt die Schau in Aschersleben auch die tiefgreifende Erkenntnis, dass das Werk von Neo Rauch – jetzt höchst offiziell – schon um 1989 beginnt . Vielleicht wird das Werk irgendwann noch weiter nach vorne datiert, denn bereits 1981 hat der Künstler zum Pinsel gegriffen – als Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Informationen zur Ausstellung: Die Ausstellung "Neo Rauch. Das Fortwährende" in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben ist bis zum 2. Mai 2021 zu sehen.

Die Grafikstiftung ist zwischen Februar und Oktober mittwochs bis sonntags, 11 bis 17 Uhr geöffnet; November bis Januar mittwochs bis sonntags, 10 bis 16 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2020 | 08:40 Uhr