Ausstellung in Aschersleben Neo Rauch: Darum zeige ich mein Frühwerk

Offiziell beginnt das Schaffen des bekannten Malers Neo Rauch erst 1993. Das hat sich nun mit der Ausstellung "Das Fortwährende" in der Grafikstiftung Aschersleben, für die der Leipziger Künstler bis zum Mai 2021 Bilder aus seinem Frühwerk zeigt. In den Bildern ist ein Suchen nach Form und der Einfluss italienischer Maler zu erkennen. MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll sprach mit Neo Rauch über das überraschende Bekenntnis zum Frühwerk, die alten Bilderwelten und eine abgesagte Ausstellung in Leipzig.

Neo Rauch
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Neo Rauch, 2012 wurde Ihre Grafikstiftung in Aschersleben aus der Taufe gehoben. Die Schau „Das Fortwährende“ ist inzwischen die neunte Jahresausstellung. Was zeigen Sie in diesem Jahr?

Neo Rauch: Dieses Jahr zeige ich meine ersten tastenden Schritte. Meine erste halbwegs vollzogene Selbstumrundung wird hier zu erfahren sein und nachvollziehbar werden. Es ist Material, das ich in meinen Schubfächern gefunden habe in Vorbereitung der Ausstellung, die eigentlich im Museum der bildenden Künste in Leipzig stattfinden sollte.

In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit.
In langen Gesprächen öffnet sich der Künstler erstmals seit vielen Jahren der Kamera und gibt Auskunft über seinen Zugang zur Kunst, seine Welt und seine vom frühen Verlust der Eltern geprägte Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Alexander Rott

Die war eigentlich für den April 2020 geplant. Warum haben sie die Schau im Dezember 2019 schließlich abgesagt?

Je näher dieser Termin rückte, desto größer wurde meine emotionale Distanz zu dem Vorhaben. Denn ich hatte den Eindruck, dass das Material zu schutzbedürftig sei, um es einem urbanen Großstadtpublikum auszusetzen. Die Grafikstiftung in Aschersleben erschien mir dann als der ideale Ort für die Präsentation dieser zarten, schutzbedürftigen Materialien. Es war mir wichtig, dass vor allem Publikum kommt, das genau diese Sachen sehen will und nicht solches, dass sie en passant auch noch mitnimmt.

Das ist eine andere Aufmerksamkeit. Die Grafikstiftung in Aschersleben ist bekannt dafür, dass sie hier auch sehr intime Ausstellungen präsentieren. Was zeigen sie denn konkret in diesem Jahr?

Neo Rauch Die Küche, 1995 Öl auf Papier auf Leinwand 266 x 136 cm Privatsammlung Berlin
Neo Rauchs "Die Küche" von 1995 Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, David Zwirner

Die frühesten Werke sind aus dem Jahr 1989. Das sind noch sehr grobschlächtig anmutende Bilder und unbeholfen im Farbsumpf herumtastende Materialien, die sich dann zunehmend einer Ausbleichung ausgesetzt sehen. Alles, was folgte, kam weitestgehend unter Weglassung eines opulenten Kolorits aus.
Es gibt Arbeiten, die ich im Laufe meines ersten Italienurlaubs 1991 angefertigt habe. Ich stocherte buchstäblich im toskanischen Nebel und versuchte die Eindrücke zu verarbeiten, die ich von den großen Alten her empfing – wie Giotto und Piero della Francesca. Es sind Annäherungen, es sind raunende Blätter. Über all das hinweg kann man beobachten, wie sich im besten Sinne eine Aushärtung des Formvokabulars abzeichnet: Aus dem Gewölkhaften der späten 80er-Jahre kristallisiert sich zunehmend ein Formwille heraus, der natürlich beflügelt wird durch die Zureichungen der großen, alten Italiener.

Wenn Sie jetzt nochmal auf die frühen Arbeiten schauen, wie kommt Ihnen das jetzt vor?

Es ist die Rückkehr in mein eigenes Kinderzimmer und ich sehe die Spielfiguren dort am Boden liegen und wende mich ihnen liebevoll zu. Vor kurzem war ich noch in der Pubertät und da war mir das peinlich. Jetzt bin ich allmählich erwachsen und kann mich selbst, über mich als Kind, freuen

Es ist eine Wiederbegegnung mit Arbeiten, die Sie lange nicht bewusst wahrgenommen haben. Welche Impulse gehen für Sie von dieser Rückschau aus?

Wenn man sich durch den Raum bewegt, in dem die Bilder eine Art nährstoffhaltige Substanz bilden, die auf den Betrachter unmittelbar einwirkt, dann bin ich davon nicht unberührt. Ich entnehme den Materialien einiges, was sich vielleicht nutzbringend in noch zu Malendes einwirken könnte.

Informationen zu Ausstellung Die Ausstellung "Neo Rauch. Das Fortwährende" in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben ist bis zum 2. Mai 2021 zu sehen.

Die Grafikstiftung ist zwischen Februar und Oktober mittwochs bis sonntags, 11 bis 17 Uhr geöffnet; November bis Januar mittwochs bis sonntags, 10 bis 16 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2020 | 08:40 Uhr