Neue Leipziger Schule Späher am Waldsaum – zum 60. Geburtstag von Neo Rauch

Er ist ein international renommierter Künstler, stellt mittlerweile in den großen Museen der Welt aus und ist doch seiner Heimat Leipzig aufs Engste verbunden geblieben. Am 18. April feiert der Maler und Grafiker Neo Rauch seinen 60. Geburtstag. Wir gratulieren mit einer Würdigung seines außergewöhnlichen Werkes.

Neo Rauch,  Neue Rollen Öl auf Leinwand Neo Rauch 2005 270 x 420 cm
Neo Rauch, Neue Rollen, Öl auf Leinwand, 2005 Bildrechte: © Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig / Berlin, David Zwirner, New York / London/ Hong Kong/ Paris, to: Uwe Walter, Berlin

Im Inneren einer gutbürgerlichen Behausung: ein Jahrmarkt, ein Welttheater. Im linken Bildraum proben bierselige Burschenschaftler den Aufstand, man tanzt auf dem Tisch und schwenkt die rote Jakobiner-Mütze. Seitenwechsel, eine andere Szenerie. Eine strenge Mutter konfrontiert einen wohl-gescheitelten Knaben mit einem von einer Naturgewalt - oder doch von Kinderhand - zerstörten Modell. Ermahnung oder Unterweisung, Katastrophe als Lehre? Doch damit nicht genug: unter einem Baldachin öffnet sich der hintere Bildteil. Eine Laienspielgruppe versucht sich an einem neuen Stück, Adoleszente studieren in legerer Freizeitkleidung neue Rollen ein. Kulissen hier: Bücherschrank und Guillotine.

Willkommen in der Welt von Neo Rauch. Doch so willkommen heißt einen diese Welt nicht. Ihr Erschaffer ist wahrlich kein Unbekannter, gilt er doch als DER Vertreter der so genannten Neuen Leipziger Schule. Und die ist mittlerweile weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt.

Ohne Rauch und seinem umtriebigen Galeristen Judy Lybke wäre Leipzig und vor allem das Kunstzentrum Leipziger Baumwollspinnerei kaum zu einem Hotspot des internationalen Kunstmarktes in den 2000er-Jahren geworden. Von dieser Aufmerksamkeit profitiert fraglos die gesamte hiesige Kunstszene noch heute. Doch man verstellt sich den Blick auf die Kunst von Rauch, raunt man nur vom Hype und dem Anlagewert seiner Arbeiten.

Bilder von Neo Rauch

Neo Rauch - Welttheater aus der Provinz

Auf eine beachtliche künstlerische Entwicklung blickt der Maler Neo Rauch an seinem 60. Geburtstag zurück. Sehen sie hier einige Stationen.

Neo Rauch, Anima I Öl auf Papier auf Leinwand kaschiert 1995
Das Jahr 1986 markierte den Beginn der öffentlichen Wahrnehmung von Rauchs Werk. Doch seine Bilder aus den 80er-Jahren verwarf er. Erst Bilder ab den 90er-Jahren ließ er gelten. Hier: Anima I,
1995
Bildrechte: © Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig / Berlin, David Zwirner, New York / London/ Hong Kong/ Paris, to: Uwe Walter, Berlin
Neo Rauch, Anima I Öl auf Papier auf Leinwand kaschiert 1995
Das Jahr 1986 markierte den Beginn der öffentlichen Wahrnehmung von Rauchs Werk. Doch seine Bilder aus den 80er-Jahren verwarf er. Erst Bilder ab den 90er-Jahren ließ er gelten. Hier: Anima I,
1995
Bildrechte: © Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig / Berlin, David Zwirner, New York / London/ Hong Kong/ Paris, to: Uwe Walter, Berlin
Die Maler Arno Rink (l) und Neo Rauch
Lehrer und Schüler: Neo Rauch studierte u.a. bei Arno Rink an der HGB und übernahm dann 2005 seine Fachklasse für Malerei. Bildrechte: dpa
Zwei Frauen stehen im Museum Frieder Burda neben dem Ölgemälde Alter (2001) des Leipziger Künstlers Neo Rauch
Werke von Rauch sind in vielen öffentlichen und privaten Sammlungen präsent und werden dort regelmäßig gezeigt: Hier seine Ausstellung im Museum Frieder Burda 2011. Bildrechte: dpa
Neo Rauch: Theorie, 2006, Öl auf Leinwand
Theorie, 2006, Öl auf Leinwand Durch eine großzügige Spende eines Sammlerpaares.... Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2017 - Foto: Uwe Walter
Neo Rauch: Fastnacht, 2010, Öl auf Leinwand
Fastnacht, 2010, Öl auf Leinwand ...kam das Leipziger Museum der bildenden Künste in den Besitz von 20 Bildern des Künstlers. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2017/Uwe Walter
5. Neo Rauch, Fremde, 2016, Öl auf Leinwand, 250 x 300 cm, Sammlung Hildebrand, Leipzig
Fremde, 2016, Öl auf Leinwand Zwei aktuellere Gemälde von Neo Rauch.... Bildrechte: Neo Rauch & VG Bild-Kunst, Bonn 2020, courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York/London/ Hong Kong/Paris
4. Neo Rauch, Propaganda, 2018, Öl auf Leinwand, 250 x 300 cm, Sammlung Hildebrand, Leipzig
Propaganda, 2018, Öl auf Leinwand ...die man noch bis 10. Mai in der G2 Kunsthalle besichtigen kann. Bildrechte: Neo Rauch & VG Bild-Kunst, Bonn 2020, courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York/London/ Hong Kong/Paris
Szenenbild: "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen 2018
Ritterschlag auf dem Grünen Hügel: Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy entwarfen das Bühnenbild zur Oper Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen 2018. Bildrechte: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
Von Neo Rauch gestaltete Fenster in der Elisabethkapelle des Naumburger Doms
2007 entwarf Rauch unentgeltlich Vorlagen für drei Fenster mit Motiven aus dem Leben der Elisabeth von Thüringen für die Elisabethkapelle im Naumburger Dom. Bildrechte: imago images / epd
Rauchs Figuren scheinen Zwischenwesen zwischen Traum und Realität, die aber nie ganz greifbar ist.
Von 2013 bis 2016 ließ sich Neo Rauch von der Dokumentarfilmerin Nicola Graef bei seiner Arbeit begleiten. Daraus entstand der Film Neo Rauch – Gefährten und Begleiter, der im November 2016 in Leipzig auf dem 59. DOK Leipzig uraufgeführt wurde. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Maler Neo Rauch sitzt in einer Ausstellung auf einer Bank und schaut zur Kamera.
... Die wurde im Mai 2012 von Rauch, seinen Galeristen und der Stadt Aschersleben gegründet und basiert auf einer Schenkung des Künstlers, der seiner Heimatstadt jeweils ein Exemplar seines grafischen Werks überlässt. Bildrechte: imago/Felix Abraham
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Bildwelten wie Laboratorien

Das Betrachten seiner Bilder kann vielmehr "jene wilde Schwermut" auslösen, von der Ernst Jünger schreibt. Es ist dieselbe ungesteuerte Sinneswahrnehmung, ein Geruch, eine Farbe, eine Situation, die uns an glückliche Kindertage erinnert.

Ein Mann steht vor dem Gemälde 'Theorie' (2006) des Leipziger Malers Neo Rauch.
Besucher vor dem Rauch-Gemälde "Theorie" (2006) Bildrechte: dpa

Rauchs Leinwände sind wie Laboratorien. In ihnen wird mit dem Wahnsinn des Alltäglichen experimentiert. Da ist sein eigentümliches Personal, wie aus einer anderen Zeit entsprungen. Herausgeputzt in Uniformen oder höfischem Gewand, in jugendlichem Outfit oder im Dresscode der 60er-Jahre, beharren diese Figuren auf ihren somnambulen Verrichtungen, so als gebe es eine höhere Macht, die deren Tun einen Sinn verleiht. Es ist der Stoff des Traumhaften, aus dem seine Arbeiten gewebt scheinen. Und so wie der Traum seiner eignen Logik folgt, lässt Rauch sich von seinen Bildern leiten.

Es ist ja nicht so, dass das, was nachher auf der Leinwand vorliegt, deckungsgleich ist mit der Ahnung, die ich vom Bild hatte oder die mir zugesteckt wurde. Es findet immer ein Moment der Verwandlung statt. Das ist sehr vergleichbar mit dem Versuch, jemandem einen Traum zu erzählen. Schon die Erzählung dieses Traums ist eine Abstraktion. Einen Traum kann ich niemandem vermitteln.

Neo Rauch Neue Rollen

Man kann sich getrost wie ein Kind an der Hand der Mutter durch Rauchs Bilder führen lassen, für den Maler bedeutet der Akt des Malens ja auch eine Art des naiven Schauens und der Weltaneignung.

Ich begreife den Vorgang des Malens als außerordentlich kreatürliche, geradezu dem Atmen nahestehende Form der Weltaneignung, die nach Außen weitgehend absichtslos ist und die sich im Wesentlichen auf den Prozess des konzentrierten Durchströmens beschränkt. Ich vernachlässige hier vorsätzlich die Betrachtung aller katalytischen Einflüsse, die geeignet sein könnten, diesem Geschehen seine Unschuld zu nehmen.

Neo Rauch Neue Rollen

Vom "dicken Jungen" zum Maler-Star

Die Maler Arno Rink (l) und Neo Rauch
Lehrer und Schüler: Die Maler Arno Rink und Neo Rauch Bildrechte: dpa

Geboren in Leipzig, aufgewachsen bei den Großeltern in Aschersleben, zog es Rauch früh zum Studium der Malerei in die sächsische Messestadt. In der Lehre bei Arno Rink und Bernhard Heisig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig erwarb er sein malerisches Rüstzeug und auch in Zeiten von Konzept-Kunst und neuen Medien – Anfang der 90er-Jahre - beharrte er auf figürlicher Malerei, was damals nicht gerade als angesagt galt.

Es gab viel Häme. Wer trotzdem weitermalte, war der dicke Junge, mit dem niemand spielen wollte. Es war einfach unsexy.

Neo Rauch Art-Magazin, Dezember 2004

Dass Rauch trotzdem weitermalte, sich eine Welt aus Geschautem und Imaginiertem aneignete, einen Kosmos aufschlug, der viel weiter reicht, als die bloße Abpinselei einer Fotovorlage, dass macht die Unverwechselbarkeit, die Eigentümlichkeit seines Werkes aus.

Noch keine "Altersmilde und Gelassenheit"

Rauch blieb lange Zeit der Hochschule für Grafik und Buchkunst verbunden. Erst als Assistent, später als Professor einer Fachklasse für Malerei in der Nachfolge von Arno Rink. Und er hinterließ deutliche Spuren, bei einer Generation von Künstlern, die durch seine Lehre gingen.

Neo Rauch, Anima I Öl auf Papier auf Leinwand kaschiert 1995
Neo Rauch, Anima I
Öl auf Papier auf Leinwand kaschiert
1995
Bildrechte: © Neo Rauch, VG Bild-Kunst, Bonn, Courtesy Galerie EIGEN+ART, Leipzig / Berlin, David Zwirner, New York / London/ Hong Kong/ Paris, to: Uwe Walter, Berlin

In diesen Tagen feiert der Maler nun seinen 60. Geburtstag. Das große öffentliche Feiern fällt nicht nur wegen der Corona-Krise aus. Rauch wünscht es sich etwas ruhiger, auch eine schon geplante Ausstellung im Museum der bildenden Künste sagte er überraschend ab. Dort sollten Bilder aus den frühen 90er-Jahren gezeigt werden, also jener Zeit, die Rauch als Beginn seines eigentlichen Werks datiert. Die Absage kam mit der Begründung, dass er noch nicht die "gebotene Altersmilde und Gelassenheit" habe, um sich mit diesem Frühwerk auseinanderzusetzen.

Das ist verständlich und betrüblich zu gleich. Hätte man doch dort nachvollziehen können, was Rauch in erster Linie ist: ein Maler. Und: dass es Zeit brauchte, um sich zu dem Künstler zu entwickeln, der er heute ist.

Einladung zum lustvollen Schauen

Altersmilde und Gelassenheit wünscht man dem Künstler, auch bei so manchem Scharmützel mit seinen Kritikern. Sorgte im letzten Jahr die Auseinandersetzung mit dem Autor Wolfgang Ullrich, der Rauch "Auf dunkler Scholle" verortete – nicht nur in der Kunstszene für einige Verwirrung.

Dass man Bilder von Rauch – wenn auch nicht in großer Orchestrierung – dennoch sehen kann, dafür sorgt eine kleine, feine Schau in der G2 Kunsthalle in Leipzig (momentan noch geschlossen). Das ist nicht die einzige Rauch-Ausstellung in diesem Jahr: Ab dem 6. Juni zeigt Rauch in seiner Grafikstiftung in Aschersleben auf kleiner Bühne Arbeiten aus seinem Frühwerk, vorwiegend auf Papier. Und im September gibt es zudem in seiner Leipziger Galerie Eigen+Art neue Gemälde von Rauch zu sehen.

Programmtipps:

MDR DOK
Die Neue Leipziger Schule
Fluch und Segen eines malerischen Phänomen

Film von Nicola Graef
MDR Fernsehen | 19.04.2020 | 22:30 Uhr


MDR DOK
Neo Rauch - Gefährten und Begleiter

Film von Nicola Graef
MDR Fernsehen | 19.04.2020 | 23:50 Uhr

Dass Rauchs Bilder zum Sehen einladen, zum Entdecken -  auch zur kategorischen Ablehnung - zum lustvollen Wandeln auf den Seitenbühnen seines Welttheaters, in seinen Wäldern, seinen kleinbürgerlichen Handwerkerstädten, unter hohem Himmel und in klaustrophobischen Hinterzimmern, ist unbestritten. Man muss sich nur der Arbeit des Schauens, des intensiven Betrachtens hingeben. Oder um es mit Jean-Luc Godard zu sagen:

[…] Wenn man hinschauen würde, statt zu reden, dann würde man ganz bestimmt etwas sehen. Dann würde man nämlich sehen, was beizubehalten wäre, und was nicht. Dieses Hinschauen wäre Arbeit, Riesenarbeit.

Jean-Luc Godard

Zum Autor

Jan Dörre studierte von 1991 bis 1999 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, der Künstler lebt und arbeitet in Leipzig.

Filme zur Neuen Leipziger Schule

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 17. April 2020 | 18:05 Uhr

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