Szene aus der Serie "Wir sind die Welle".
Ludwig Simon, Luise Befort, Michelle Barthel, Mohamed Issa und Daniel Friedl (v.l.n.r.) spielen in der Netflix-Serie "Wir sind die Welle" Bildrechte: Bernd Spauke/ratPack Filmproduktion G/Netflix/dpa

Serienstart Serie "Wir sind die Welle": Wie weit darf Protest gehen?

Mit "Wir sind die Welle" ist bei Netflix bereits die vierte deutsche Serie auf der Streaming-Plattform zu sehen. Es ist vielleicht sogar der bisher ambitionierteste Stoff und will dabei mehr sein als nur eine lange Fassung des Kinofilms "Die Welle" von Dennis Gansel aus dem Jahr 2008. Der Regisseur des Kinohits ist diesmal in einer anderen Funktion dabei. MDR KULTUR-Filmkritiker Jörg Taszman hat sich die sechsteilige Serie angesehen und einige der Hauptdarsteller getroffen.

Szene aus der Serie "Wir sind die Welle".
Ludwig Simon, Luise Befort, Michelle Barthel, Mohamed Issa und Daniel Friedl (v.l.n.r.) spielen in der Netflix-Serie "Wir sind die Welle" Bildrechte: Bernd Spauke/ratPack Filmproduktion G/Netflix/dpa

Wie weit würdest Du gehen? Was würdest Du riskieren für deine Ideale, deine Freunde, für die Liebe, für unsere Zukunft? Das sind die Fragen, die in der Netflix-Produktion "Wir sind die Welle" gestellt werden.

Sie sind idealistische Schüler einer Abiturklasse, irgendwo in der deutschen Provinz. Das Stadtbild ist geprägt von Plakaten für die deutsch-nationale Partei NFD, natürlich eine direkte Anspielung auf die AfD. Auch auf der Schule sind die rechten Parolen beliebt. Außenseiter werden ebenso gemobbt wie Schüler aus Migrantenfamilien. Dann taucht ein Neuer auf: Tristan, der ein St. Pauli-T-Shirt trägt und den politisch rechtsstehenden Jugendlichen Paroli bietet. Ludwig Simon spielt Tristan als einen geheimnisvollen Jugendlichen, der schon viel erlebt hat.

Simon erzählt, was ihm besonders an seiner Figur gefallen hat: "Ich fand schön, dass er nicht kalt bleibt, sondern dass die Menschen auch was mit ihm machen. Dass er das wirklich auch zu schätzen weiß und sich selbst in einer Gruppe wiederfindet - auch als Außenstehender - die ihm wirklich was gibt. Das fand ich sehr schön, dass es nicht nur radikal ist, sondern dass das soziale Miteinander auch gezeigt wird und entstehen darf."

Wie weit darf Protest gehen?

Netflix-Serie: "Wir sind die Welle"
Die Netflix-Serie "Wir sind die Welle" mit Ludwig Simon, Luise Befort, Michelle Barthel, Mohamed Issa, Daniel Friedl Bildrechte: Netflix

Produzent Dennis Gansel und seine Regisseure Anca Miruna Lăzărescu und Mark Monheim fangen gekonnt den Zeitgeist ein. Diesmal geht es nicht mehr um die Verführbarkeit durch eine faschistoide Gruppendynamik, sondern um eine Gruppe von Jugendlichen um Tristan: die bürgerliche Lea, Hagen, der auf einem Ökohof lebt, Rahim, der aus dem Libanon stammt und die Außenseiterin Zazie. Zusammen wehren sie sich gegen alles, was sie stört. Probleme wie Fremdenhass, Profitgier und Klimawandel werden relativ komplex hinterfragt. Wie weit darf Protest gehen? Ab wann sind Worte allein nicht mehr genug? Wann kippt Euphorie in Dogmatismus? Diese Welt junger Erwachsener wird gut getroffen, findet auch Luise Befort, die Lea spielt.

Wichtig und gut an der Serie finde ich, dass sie wirklich alle möglichen Themenbereiche abdeckt. Also von Rassismus, Sexismus, Tierschutz, Klimaschutz bis Waffenhandel. Ich finde es sehr wichtig, dass solche Geschichten erzählt werden, weil sie eine erste Plattform bieten für einen Austausch. Ich finde es ganz wichtig, dass man sich darüber unterhält und auch Menschen dafür sensibilisiert.

Louise Befort, Darstellerin der Lea

Weiblicher als der Kinofilm-Vorgänger

Netflix-Serie: "Wir sind die Welle"
Szene aus der Netflix-Serie "Wir sind die Welle" Bildrechte: Netflix

Vor allem Luise Befort und Ludwig Simon geben ein sehr überzeugendes Duo ab. Nicht alle jugendlichen Figuren sind so genau getroffen. Bei der Elterngeneration hätte man sich ebenso mehr Subtilität gewünscht. Ein zynischer Konzernchef und ein rechtsradikaler Polizist, der NFD Mitglied ist, kippen zu sehr ins Klischee. Das mindert jedoch nicht das Sehvergnügen, dieser sonst originellen und spannend erzählten Serie, die mit viel mehr Frauenfiguren aufwartet als damals der Kinofilm. Das gibt Produzent Dennis Gansel, der bei "Die Welle" vor elf Jahren noch Regie führte, auch zu.

Der Film 'Die Welle' war eine Männerveranstaltung: Jürgen Vogel und Frederik Lau als bestimmende Figuren. Ich fand es sehr erfrischend, dass wir hier mehr Frauen haben, mit der Rolle "Lea", mit der Rolle "Zazie", und auch, dass wir eine weibliche Regisseurin haben, das tut dem Stoff gut.

Dennis Gansel, Produzent

Die Macher und die Schauspieler würden am liebsten eine zweite Staffel drehen. Das hängt nun vom Erfolg ab. Verdient hätten sie es, und auch als Zuschauer wüsste man gerne, wie es weitergeht. "Wir sind die Welle" könnte durchaus noch mutiger, noch kontroverser werden, gehört aber schon jetzt, zu den besseren deutschen Serien und kann international mithalten.

Die Welt der Serien

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2019, 04:00 Uhr

Film & TV bei MDR KULTUR

Blick in einen kleineren Kinosaal
Bildrechte: MDR/ Karsten Wolf