Neue alte Heimat Ostdeutschland Lebenswege zwischen Aufbruch und Heimkehr

Lange verließen mehr Menschen Ostdeutschland in Richtung Westen, als andersherum. Doch diese Entwicklung hat sich 2012 erstmals umgekehrt. Die Abwanderung hört auf, das belegt eine Studie des Berlin-Instituts. MDR KULTUR stellt Rückkehrer vor, Hiergebliebene und Zugezogene. So zum Beispiel den in Hannover geborenen Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, die in Magdeburg geborene Journalistin Valerie Schönian und die türkischstämmige Architektin Canan Rohde-Can aus Dresden.

Valerie Schönian will Vorurteile gegen den Osten abbauen

Die Journalistin Valerie Schönian wuchs in Magdeburg auf und hat sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern gelebt. Ganze acht Tage verbrachte sie 1990 als Neugeborene sogar noch in der DDR. Schönian versucht, in ihrer Arbeit ostdeutsche Perspektiven einzubringen und bezeichnet sich mittlerweile ganz bewusst als "Ossi", was nicht immer so war:

Eichsfelder in der Fremde - die Sehnsucht zieht mit

Als Ossis würden sich Eichsfelder nicht direkt bezeichnen. Umfragen haben ergeben, dass sich Eichsfelder in erster Linie als Eichsfelder empfinden – sie eint eine hohe Loyalität zu ihrer Region. So manche mussten jedoch den Jobs hinterherziehen und die Heimat verlassen. An ihr hängen sie jedoch auch dann noch. So wie Saskia Türmer, die bekennt: "Ich wäre gerne im Eichsfeld geblieben." Jeder Dritte Eichsfelder kehrt mittlerweile wieder in die Heimat zurück:

Mehr als nur eine Heimat – zwischen Dresden und Istanbul

Auch Canan Rohde-Can denkt teilweise an eine Rückkehr in ihren Geburtsort. Doch der liegt in der Türkei. Nach einem Zwischenstopp in Düsseldorf zog es die Architektin nach Dresden, wo sie jetzt schon seit 22 Jahren lebt. Und auch wenn sie hin und wieder ein gewisses Sehnsuchtsgefühl an die anatolische Heimat ihrer Familie verspürt, fühlt sie sich in Dresden wohl: "Bei mir ist ein Stück Heimat verloren gegangen, dafür aber auch etwas dazu gekommen."

Im Osten blicken die Menschen gerne auf die Vergangenheit

Hasko Weber weiß zwar sehr genau, wo seine Heimat liegt, allerdings hat auch er mit ihr gefremdelt. Er leitet als Generalintendant das Deutsche Nationaltheater in Weimar. Lange Zeit arbeitete er in Stuttgart und schätzte dort unter anderem die Zukunftsorientiertheit. In seiner ostdeutschen Heimat blicke man hingegen oft in die Vergangenheit. Der gebürtige Dresdner meint: "Die oft so starke Rückwärtsgewandtheit, also in Richtung DDR, die hat mich schon geplättet. Das hatte ich dann in Baden-Württemberg vergessen."

Der zugezogene "Heimatminister"

Eine Verbindung in den Westen besteht auch für den Innenminister Sachsen-Anhalts. Denn geboren wurde Holger Stahlknecht in Hannover. Aber als Heimat bezeichnet er die Stadt nicht mehr: "Das ist mein Geburtsort gewesen." Seit Jahren lebt er aber nun schon in Wellen, in der Nähe von Magdeburg. Er selbst versteht Heimat als eine Art Ankerpunkt und Rückzogsort – etwas, das er in Sachsen-Anhalt gefunden zu haben glaubt.

Leuna ist ohne die Chemie nicht denkbar

Um seinen Ankerpunkt zu finden, musste sich Christof Günther von seiner Heimat nicht groß entfernen. In Thüringen geboren, zog es ihn aufgrund eines Jobs in Leuna mit seiner Familie nach Merseburg. In die Chemie-Region, die mit dem Niedergang nach der Wende massiv Arbeitsplätze verlor. Die Menschen haben ihren eigenen Stolz, das hat Günther schnell erkannt: "Wir haben hier Mitarbeiter, die über Generationen schon in der Chemie tätig sind und darauf auch stolz sind."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juni 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2018, 04:00 Uhr

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