Ein Vater spielt mit seinem Kind mit Legosteinen.
Die neue Väterrolle erfordert auch ein Umdenken bei den Müttern, findet Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Bildrechte: imago/Westend61

Sachbuch: "Neue Väter brauchen neue Mütter" Erziehungswissenschaftlerin fordert: Mütter, denkt um!

Das Bild hat sich längst gewandelt: Väter sind da und sichtbar. Junge Männer, die mit Freude und Hingabe bei ihren Kindern sind. Diese Väter kennen jedoch, genau wie die Mütter auch, das sogenannte "Vereinbarkeits-Problem": Berufsarbeit und Familienzeit. In Deutschland  geht das noch immer nicht gut zusammen. Hier setzt Margrit Stamms Buch "Neue Väter brauchen neue Mütter" an.

von Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin für Bildung und Gesellschaft

Ein Vater spielt mit seinem Kind mit Legosteinen.
Die neue Väterrolle erfordert auch ein Umdenken bei den Müttern, findet Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Bildrechte: imago/Westend61

Die öffentliche Diskussion lief bisher oft einseitig so: Wenn sich Männer mehr beteiligen würden, dann hätten es die Frauen leichter. Das stimmt so nicht, sagt Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Uni Fribourg in der Schweiz. Stamm ist selbst Mutter von erwachsenen Kindern.

Ihr neues Buch mit dem Titel "Neue Väter brauchen neue Mütter" kommt zur rechten Zeit, weil die Gleichstellungspolitik  zu lange nur auf die Frauen gerichtet war. Das war in den 70er, 80er Jahren auch bitter nötig. Und auch heute ist es das in vielen Bereichen noch, aber: Die Gleichstellungspolitik hat Männer zu wenig einbezogen, deren Belange kaum beachtet, ja ganz im Gegenteil, sogar ins Lächerliche gezogen. Das trifft auf viele Bereiche zu: Denken wir nur an Väter, die nach der Paartrennung um Umgangs- und Sorgerecht für ihre Kinder kämpfen, an Männer, die Opfer von  Gewalt sind. Männer gelten bis heute, so Stamm, als wenig unterstützungswürdig.

Enge Definition von Betreuungsarbeit

Stamm präsentiert einen geweiteten Blick auf die Väter – und fordert, dass auch Frauen sich ändern sollen. Sie sollen die Männer teilhaben lassen, abgeben. Das klingt im ersten Moment absurd. Aber es geht ja um die ersehnte geteilte Elternschaft, also um die Frage: Wer macht was?

Und da wiederum sind nun zwei Dinge interessant: Erstens schreibt die Autorin, dass es eine sehr enge Definition davon gibt, was Familien- und Betreuungsarbeit ist. Daran wird das Verhalten des Vaters gemessen. Seit Jahrzehnten ist jedoch bekannt: Die drei "Ws" – Waschen, Wischen, Wienern – schrecken  Männer ab. Auch die neuen Väter sind in einer sogenannten "Tarzan-Studie" befragt worden. Alle wollen sich in der Familie mehr beteiligen, aber eben nicht an dieser Art der Hausarbeit. Die anderen Arbeiten, die sie erledigen, beispielsweise Vorsorgen (Versicherungen), Reparieren, Entsorgen, Versorgen fallen oft aus dem Blick.

Frauen beanspruchen Bestimmungshoheit

Genau wie auch der Umstand, dass Väter  einen anderen "natürlichen Auftrag" haben: Nämlich das Kind aus der engen Symbiose zur Mutter herauszubegleiten und  es auf die Wirren und Gefahren draußen  im Alltag vorzubereiten.

Obwohl sich Frauen in den letzten Jahrzehnten enorm emanzipiert haben, gilt dies kaum für ihre Mutterrolle. Kriegen sie Nachwuchs, fallen sie schnell in alte Rollenmuster zurück und  beanspruchen in der Familie die alleinige Bestimmungshoheit.

Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Für Mütter nicht immer schmeichelhaft

Neue Väter brauchen neue Mütter
Margrit Stamm: "Neue Väter brauchen neue Mütter" Bildrechte: Piper

Margrit Stamms Buch liest sich für Mütter nicht immer schmeichelhaft. Allerdings:  Was sich bei dem Satz "Väter scheitern an den mütterlichen Standards“ plakativ anhört, wird im Buch sehr differenziert ausgeleuchtet und vor allem immer aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus erklärt, als  historisch soziokulturelle Prägung.

Die Autorin macht bei der Beschuldigung der  Väter nicht mit. Dafür ist sie Wissenschaftlerin. Stamm beobachtet: Auch Väter haben das Problem, Beruf und Familie vereinbaren zu können. Noch mehr sogar als Mütter, weil Teilzeitarbeit für Männer ja nun gar nicht ins Bild passt – noch nicht, möchte man wunschdenkend  sagen.

Väter werden nicht so bestärkt wie Mütter, Müttern wird in der Öffentlichkeit viel mehr Wohlwollen entgegengebracht für ihre Forderung nach gesellschaftlicher Unterstützung. Väter hingegen mit dem Wunsch, ihre Berufstätigkeit für eine Weile runter zu fahren, werden oft belächelt.

Empfehlenswert vor allem für Noch-nicht-Eltern

Stamm hat dabei immer beide Ebenen im Blick: die individuelle Paarbeziehung, das immerwährende Aushandeln in den modernen Familienbeziehungen und das gesellschaftliche Umfeld, das das individuelle Tun behindert oder stützt. Das ist es, was das Buch so empfehlenswert macht – vor allem für Noch-nicht-Eltern. Die Autorin rät, sich von ideologischen Irrtümern über Väter und Mütter zu lösen:

Dazu gehört auch der Selbstbetrug von Männern und Frauen, die sich vormachen, Gleichberechtigung bedeute für beide Partner gleichzeitig beruflich durchzustarten und für die Familie da zu sein.

Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Auf Stamms Buch wird es wahrscheinlich Aufschrei oder Zustimmung geben – auf jeden Fall wird es die Debatte voranbringen.

Neue Väter brauchen neue Mütter
Bildrechte: Piper

MDR KULTUR - Das Radio Mi 08.08.2018 07:10Uhr 06:24 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Väter brauchen neue Mütter
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 08.08.2018 07:10Uhr 06:24 min

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Angaben zum Buch: "Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt" von Margrit Stamm, erschienen bei Piper, 204 Seiten. 24 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. August 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. August 2018, 04:00 Uhr