Mann hört Musik.
Mit anderen Männern darüber reden, wie man sich sein Leben vorstellt ... Bildrechte: imago/Westend61

Gespräch mit Boris von Heesen Warum Männer jetzt alte Rollenbilder aufbrechen müssen

Der Prozess der Geschlechtergerechtigkeit begann in den 70er-Jahren, doch jetzt stagniert er. Dafür gibt es Gründe, berichtet Boris von Heesen im Gespräch mit MDR KULTUR. Von Heesen ist Geschäftsführer der Jugendhilfe Darmstadt und Herausgeber des Buches "Männeraufbruch". Immer noch werden Männer in Rollen gepresst, in denen sie scheitern können. Davon befreien müssen sich die Männer allerdings zum großen Teil selbst - doch dafür muss man miteinander reden und sich mit anderen Männern zusammentun. Beides Dinge, die Männern schwer fallen, so Boris von Heesen.

Mann hört Musik.
Mit anderen Männern darüber reden, wie man sich sein Leben vorstellt ... Bildrechte: imago/Westend61

MDR KULTUR: Warum ist jetzt ein Zeitpunkt, an dem wir neu über Männer nachdenken müssen?

Boris von Heesen: Dafür gibt es aktuell zwei Gründe. Erstens: Der Prozess der Geschlechtergerechtigkeit - in den 70er-Jahren in Gang gekommen - ist ins Stocken geraten. Wenn ein Ehepaar zum Beispiel ein Kind bekommt, dann arbeiten immer noch 95% der Männer in Vollzeit und nur 24% der Frauen. Frauen leisten immer noch 87 Minuten Familienarbeit mehr pro Tag. Und wenn man sich die Elternzeit anschaut, ist die immer noch ungerecht aufgeteilt. Man kann 14 Monate nehmen als Paar. 12 Monate nehmen die Frauen und nur zwei Monate die Männer.

Buchcover: Boris von Heesen: Männeraufbruch
Boris von Heesen (HG.) "Männeraufbruch"
Erschienen bei Menslit Verlag by Anywab GmbH
248 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3981882414
Bildrechte: Menslit

Zweitens: Sind es diese ungesunden Statistiken, da fallen Männer in ganz vielen Bereichen zurück. Dramatisch ist die Anzahl der Suizide, Menschen wissen gar nicht, dass drei Viertel aller Suizide von Männern begangen werden. In manchen Altersgruppen, gerade dann, wenn es in den Ruhestand geht, wenn der Beruf wegfällt, steigt die Zahl sogar auf 80%. 93% der Gefängnisinsassen sind männlich, 75% der Obdachlosen sind männlich, Drogensucht ist ein männliches Thema. Und Männer leben immer noch knapp sechs Jahre kürzer als Frauen.

Die Ursache für diese beiden Gründe sind diese eingefahrenen Rollenklischees: Jungs, denen eingetrichtert wird, stark zu sein, Verantwortung zu übernehmen, sich durchzusetzen. Die wandern in die Versorgerrolle hinein und enden im Statusdenken. Gleichzeitig werden Jungs immer wieder geeicht, ihre Gefühle zu unterdrücken, das führt am Ende zu Gewalt, gegen andere, gegen sich selbst, zu Depression und Sucht. Deswegen sollten wir uns das Thema Männlichkeit genauer anschauen.

Wohin entwickeln sich die männlichen Rollenbilder, was verändert sich da gerade?

Die männlichen Rollenbilder weiten sich aus. Es ist möglich, als Mann Elternzeit zu nehmen, Männergesundheit wird mehr und mehr ein Thema, wir reden jetzt hier über Männer und Gefühle, das heißt Männerbilder werden komplexer. Trotzdem denke ich, dass der Prozess zu langsam geht. Die alten Rollenbilder werden immer Bestand haben: die Rolle des Versorgers, Beschützers, starken Mannes. Wichtig ist, dass wir daran arbeiten, dass diese Klischees aufgebrochen und ergänzt werden durch den sensiblen, trauernden, ängstlichen oder fürsorglichen Mann.

Ist die männliche Emanzipation eine schwierigere als die weibliche? Gerade wegen des Gegensatzes, weil die Männer als die eigentlich Privilegierten in der Gesellschaft gelten, die können sich ja gar nicht als Opfer inszenieren.

Zwei Männer beim Armdrücken.
Männer lernen, sie befänden sich immer in Konkurrenz. Das muss aufhören. Bildrechte: Colourbox.de

Sie ist schwieriger deshalb, weil wir eingetrichtert bekommen, stark sein zu müssen. Und es ist vor allen Dingen auch schwierig, weil wir Männer lernen, alle Herausforderungen mit uns selbst auszumachen. Wir sind keine guten Teamplayer, wir sind darauf geeicht, immer in Konkurrenz zu sein, und wenn es darum geht, einem Missstand entgegen zu treten, dann fällt es uns einfach schwer, aus dieser Rolle herauszutreten und uns mit anderen Männern zusammen zu tun, um in solchen Dingen wie Männergesundheit, Männer und Sucht aufzutreten. Das ist schade, dass wir diese Fähigkeit nicht haben.

Dabei wird den Männern vorgeworfen, dass sie sich in Netzwerken mit patriarchalischen Strukturen bewegen.

Boris von Heesen
Boris von Heesen Bildrechte: Boris von Heesen

Ich glaube, diese Hinterzimmermännlichkeit, wo diese Netzwerke entstehen, das ist so ein kleiner Bereich an der Spitze der Gesellschaft, das sind Kader, die Pöstchen unter sich austauschen in Politik und Wirtschaft. Aber wenn wir das runterbrechen, dann ist das weiter unten in der Mittelschicht schon nicht mehr möglich, dass Netzwerke entstehen, wo sich Männer gegenseitig fördern. Oben, ja, aber unten - wo eigentlich das ganze Leben passiert - da schaut niemand so genau hin.

Ein Mann, der an diesen Machtstrukturen gar nicht teilnimmt, lebt trotzdem mit dem Vorwurf: Du bist das privilegierte Geschlecht! Macht das das Miteinander unter Männer schwieriger?

Wir haben Schwierigkeiten, uns zu öffnen, weil wir nicht sozialisiert sind, über unsere Probleme zu reden.

Was würden Sie den Männern empfehlen, die sich da auf den Weg machen möchten?

Sich auf die Suche nach einer Männergruppe zu machen, in dem Ort, in dem sie leben. Weil, es gibt diese Männer, die aufbrechen, sich mit ihrer Rolle auseinander setzen, die sich fragen: Wie ist mein Leben? Wie gehe ich mit meiner Gesundheit um? Wie ist meine Rolle als Vater? Möchte ich mein Leben der Karriere opfern?

Abschließend: Wie gehen wir denn jetzt mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit um?

Ein Vaater mit Rasierschaum im Gesicht ulkt mit einem Kind auf dem Arm herum.
Was für ein Vater wollen Männer heute sein? Bildrechte: imago/PhotoAlto

Häufig rollen ja schon die Männer mit den Augen, wenn sie das Thema Geschlechtergerechtigkeit hören. Ich sag immer: Geschlechtergerechtigkeit ist Chancengleichheit auf individueller Ebene, wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts sich auf einem Feld treffen und die gleichen Möglichkeiten haben, sich zu entfalten. Natürlich gibt es Unterschiede, das fängt schon beim Körperlichen an: Frauen bekommen die Kinder, Männer können erst danach auf den Plan treten. Männer haben, das lässt sich nicht leugnen, mehr Körperkraft und warum sollen sie die nicht auch einsetzen. Ich finde es wichtig, dass wir Männlichkeit und Weiblichkeit nicht wegreden, sondern dass wir beiden Geschlechtern die Möglichkeit geben sich zu entfalten, wie sie es für richtig halten.

Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 18. Dezember 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2018, 12:00 Uhr