Buchkritik Neuer Roman von Houellebecq: Der Prophet, ganz schön müde

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Florent-Claude Labrouste heißt der Held des neuen Romans von Michel Houellebecq. Und wie so oft bei  Houellebecqs Romanen scheint das Foto des Autors haargenau auch auf das erschöpfte Gesicht seines Helden zu passen. Längst ist Michel Houellebecq – der Kettenraucher, der Alltagszyniker, der Europaskeptiker, der dann wieder herzzerreißend sich selbst und seinesgleichen, die Kinder der 68er, Bemitleidende – längst ist dieser französische Autor mit dem Bild seiner Romanhelden so eng verschmolzen, dass man kaum noch weiß, wem die Begeisterung des Kultur- und Literaturbetriebs eigentlich gilt: dem Provokateur, der vor der Lesung einen Joint durchzieht und mit den Flaschen in der Tüte klappert oder dem Autor mit seinen speziellen Fähigkeiten.

Ein Händchen für Zukunftvisionen

Irgendwo dazwischen wohnt dann noch eine weitere Figur – der Prophet Michel Houellebecq, der vor dem Charlie-Hebdo-Attentat eine Machtübernahme durch die Muslime in Frankreich voraussagte, der vor dem 11.9.2001 detailliert große Terrorattacken abgeschildert hatte – und dem auch jetzt solch eine scharfsinnige Vision gelungen ist: Es ist die von den protestierenden französischen Milchbauern, die an den EU-Regularien und der neuen Wettbewerbsfreiheit kaputtzugehen drohen und die Houellebecq in seinem Roman auf die Straße schickt als einen Vortrupp jener Gelbwesten, die es noch gar nicht gab zu jenem Zeitpunkt, als der Autor seinen Roman abgeschlossen hatte. Für die Zukunft, die politische Zukunft in ihren Extremen, hat Houellebecq offensichtlich ein Händchen beziehungsweise ein Äuglein. 

Alles schonmal dagewesen

Aber was erzählt er uns von der Gegenwart, von den Männern und Frauen dieser, unserer Zeit? Ist er tatsächlich der Seismograph unseres Zeitalters, der Seher der neoliberalen Zerstörungsgesellschaft mit den dazugehörigen psychopathologischen Erschöpfungsbiografien? Zumindest war er es einmal in den 1990er Jahren, und er speist die alten Figurenmodelle munter weiter ein auch in den Roman von 2019.

Alles schon mal da gewesen: Der Romanheld, ein abgeschlaffter Mittvierziger, ein gut bezahlter Angestellter, ermüdet und zugeschüttet von all den Angeboten der westlichen Welt und wie abgerichtet auf junge Frauen, auf Sex wie aus dem Pornofilm. Und trotzdem ausgestattet mit einem kritischen Bewusstsein, das sich mal als milde Ironie, zumeist aber doch als harter Zynismus äußert.

Anti-Depressivum legt sexuelle Kräfte lahm

Der Mittvierziger Florent-Claude Labrouste, so die Handlung des Romans, trennt sich von seiner zwanzig Jahre jüngeren Freundin, die er, per Videomitschnitt, bei sexuellen Ausschweifungen mit einem Bullterrier und einem Dobermann ertappt, wofür sie sich andererseits aber auch mit 18 täglich aufgetragenen Schönheitscremes fithält, na ja. Labrouste zieht in ein Hotel, dann in eine Plattenbauwohnung. Das Leben ist freudlos, und ein bisschen Erlösung bringt nur die allumfassende Gleichgültigkeit, die wiederum von einem Anti-Depressivum namens Captorix erzeugt wird.

Dieses Mittel aber legt zugleich die sexuellen Kräfte lahm – der Teufel macht hier nicht über-, sondern impotent. Florent-Claude Labrouste reist hierhin und dorthin, er gerät in die Proteste der französischen Milchbauern und verfolgt die Spur seiner einzigen großen Liebe, die er einst verloren hat – natürlich deshalb, weil er einem anderen kleinen Knackarsch nicht widerstehen konnte.

Die Sicht des Autors ist langweilig

Das Cover des Buches "Serotonin" von Michel Houellebecq.
Michel Houellebecq – Serotonin Bildrechte: dpa

In diesem Roman- und Wirklichkeitskonstrukt sind alle Frauen entweder "Schlampen" oder sie sind, wie die eine große Liebe eben, unerreichbare, zur Einsamkeit verdammte Heilige. Eine solche Sicht ist weder unmoralisch noch mag man sie psychologisch wirklich hinterfragen. Hier, im neuen Roman, wirkt sie einfach nur langweilig. Die immergleichen Vokabeln für die immergleiche Konstellation, und noch dazu von Houellebecq schon in früheren Romanen genauso auserzählt.

Ein schrecklicher Verdacht: Ist das, was früher als Provokation und Angriff auf die bürgerliche Gemütlichkeit funktionierte, vielleicht nur ein Symptom der Menschen-Unkenntnis, ja des Menschen-Überdrusses des Autors? Macht er seine kleinen, individuellen Müdigkeiten zum Maßstab der ganzen, großen, dem Roman doch eigentlich zur Verfügung stehenden Welten? Natürlich, es gibt immer mal wieder ein paar Blitze im Roman, ein paar schöne, sarkastisch zugespitzte Beobachtungen: etwa die verzweifelte Suche des Helden nach einem Hotel, in dem noch geraucht werden darf und überhaupt die Suche nach gesellschaftlichen Räumen, in denen noch nicht alles verboten und gemaßregelt ist. Insgesamt aber bleibt der schale Eindruck, in eine große Houellebecq-Selbstverwertungs-Maschine geraten zu sein.

Routinedurchlauf funktioniert nicht

Sicher, die einstige große Liebe Camille gibt ein schönes Heiligenbild ab, aber kann man eine Heilige wirklich jemals in echt geliebt haben? Die Liebe zum Leben oder auch die Erschöpfung daran, die Lust am Sex oder der Überdruss an den Menschen – all das sind knallharte, für den Roman geeignete und von ihm herausgeforderte Themen, aber sie funktionieren eben doch nicht im Routinedurchlauf, nicht als noch mal warm gemachte Gerichte aus der Roman-Fabrik.

Angaben zum Buch Michel Houellebecq – Serotonin
Dumont, 334 Seiten, 24 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Januar 2019, 04:00 Uhr

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