Neues Album LOT auf "Nasenbluten": Wie sich das Aufwachsen in der Provinz anfühlt

Lothar Robert Hansen, kurz LOT, zog mit 12 Jahren als "Wessi" nach Thüringen und wurde zunächst Außenseiter, steckte Prügel ein. Heute sind die Schüler von damals seine Freunde. Was er dabei gelernt hat: "Wegwischen und Weitermachen". Auf seinem neuen Album "Nasenbluten" singt er über das Aufwachsen in der Provinz, vom Wegwollen und über die Sehnsucht nach einem Ort, der sich nach Zuhause anfühlt.

von Vivien Vieth, MDR KULTUR

Ich kannte jede Straße, jedes Haus und jede Ecke, doch wollt' ich hier nicht bleiben, bleiben ums Verrecken. Manchmal tut's mir leid und ich wünschte mir, ich hätte und dann tut es weh wie die erste Zigarette …

Aus dem Refrain von "Opel Corsa"

Er singt nicht über Maserati, sondern über den Opel seines Vaters. Keine schnulzigen Liebeslieder, sondern von Prügel in der Schule. Lothar Robert Hansen, kurz LOT, singt von seinem Aufwachsen in der Provinz. Mit 12 Jahren zog er von Hessen ins Thüringer Dorf Rüdigershagen. Sein Song "Opel Corsa" blickt auf seine Jugend in der Provinz zurück: Das Auto als romantische Allegorie für seine Zeit abseits des Großstadtlebens, das sonst so oft in der Popmusik besungen wird.

"Als junger Heranwachsender war Thüringen auch einfach wunderschön", erzählt LOT. "Klar war das irgendwie Provinz und Pampa und Erfurt größte Stadt, so gefühlt. Und wie ich dann immer älter wurde, fand ich das immer schlimmer dort. Weil jeder will irgendwann aus der Provinz weg, oder ich wollte damals unbedingt aus der Provinz weg."

Und wie ich dann aber doch merkte, dass ein Teil von mir gegangen ist und ein Teil in mir sich fragt, was wäre, wenn du geblieben wärst.

LOT über die Provinz

Der Neue war der Außenseiter: der Typ aus dem Westen

Arrogant sei er damals herübergekommen, als er in der Mitte der 90er-Jahre von Flörsheim nach Thüringen zog. Er musste sich in der Klasse als "der Neue" durchschlagen, nahm die Rolle des Außenseiters ein, wurde in der Schule geärgert, verprügelt. Doch vielleicht hat er auch dafür einstecken müssen, was viele in ihm sehen wollten: Den Typen aus dem Westen:

"Meine Mitschüler haben den Frust ihrer Eltern an mir ausgelassen. Ich hab's auch im Tischtennisverein gemerkt, ich hab's auch beim Fahrlehrer gemerkt. Was will er denn von mir? Der hat mir die ganze Zeit immer erzählt, wie viel besser es in der DDR war und wie schlimm es heute ist. Ich mein, mit 12 oder 13 hab ich über die Wende überhaupt nicht nachgedacht. Die hatte keine Relevanz für mich."

Wegwischen und Weitermachen

Keine Angst, es ist nur Nasenbluten. Brauchst jetzt nicht losgehen, um Papier zu suchen. Ich wird' es einfach unter 'I fucked it up' verbuchen. Der geht auf mich, aber sie sollten's nicht nochmal versuchen …

Aus dem Lied "Nasenbluten"
Cover des Albums "Nasenbluten" des Musikers "LOT".
Albumcover "Nasenbluten" von Musiker LOT Bildrechte: Another Dimension

Auch wenn die Schüler von damals heute seine Freunde sind, Ost-West da keine Rolle mehr spielt, hat er gelernt, bei Niederlagen aufzustehen und auch mal einzustecken. Darum geht es in seinem Song vom gleichnamigen Album "Nasenbluten". Wegwischen, weitermachen. Das hat er sich auch für seine Karriere gemerkt. Mit sechs lernt er klassisches Klavier, mit 15 spielt er in einer Band für miese Gage und vor wenig Publikum. Der Erfolg wollte nicht kommen. Doch LOT hat weitergemacht.

"Ich wollte früher Jazzer werden, das war für mich so: nur das! Das, nur das. Ich hab' geübt wie ein Irrer. Bis ich irgendwann gemerkt hab: Ich kann meine Gefühle nicht transportieren. Ich hab' gemerkt, das funktioniert nicht. Ich hab' Liebeslieder für immer dieselbe Frau geschrieben und sie hat's nicht gecheckt. Die Musik war für sie so 'ne Hürde, über die sie nicht kam. Und ich hab' trotzdem immer gerne Popmusik gehört, ist ganz normal, ein Kind hört gerne Popmusik, und da hab ich mir überlegt, warum verschließt du dich dem?"

Das Song-Schreiben als Therapie

Also hat er sich dem Pop geöffnet, damit experimentiert, Autotune und Trapsounds hinzugefügt und über das geschrieben, womit er sich seiner Meinung nach am besten auskennt: über sich selbst. Seine Songs sind nahbar, sehr direkt und ein wenig nostalgisch. Wie auch sein Song "Fleischwarenverkäuferin". Eine Hommage an seine Oma, die Mutterersatz für ihn war, bis sie an Demenz erkrankte.

Dies Haus ist älter, als ich selbst bin, drei Etagen aus Ausdauer und Starrsinn. Und sie sagten, das kriegt sie nie hin. Gar nicht mal so schlecht für 'ne Fleischwarenverkäuferin …

Aus dem Song "Fleischwarenverkäuferin"

"Für mich ist so 'n Lied schreiben immer ein Auseinandersetzen, ein Therapieren von Dingen - und dann ist es durch. Dann ist es wirklich durch. 'Fleischwarenverkäuferin' hat mir geholfen, das Thema zum Abschluss zu bringen", sagt der Musiker.

In seinem Album arbeitet sich LOT von Track zu Track durch seine Vergangenheit und gewinnt so Abstand zu ihr. Eine reine Selbstbehandlung? Wahrscheinlich. Gleichzeitig beschreibt es das ambivalente Gefühl vieler junger Leute, die es vom Land in die Stadt treibt: Das Verlangen aus der Provinz herauszukommen und die Sehnsucht nach einem Ort, der sich nach Zuhause anfühlt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 05. September 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2019, 04:00 Uhr

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