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Das Bauhaus-Museum in Weimar Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Digitalkonferenz

"Neues Europäisches Bauhaus": Zukunftsvisionen aus Weimar

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Stand: 08. Mai 2021, 04:00 Uhr

Der European Green Deal ist ein Prestigeprojekt der EU. Eurpoa soll der erste klimaneutrale Kontinent werden – bis 2050. Um das zu erreichen, will Ursula von der Leyen sich auch Unterstützung von Intellektuellen und Künstlerinnen und Künstlern holen und hat deswegen die Initiative "Neues Europäisches Bauhaus" ins Leben gerufen. Ein Prozess, bei dem in den kommenden Monaten Pilotprojekte in der EU ausgewählt werden sollen, in denen dann interdisziplinär über die Welt von morgen nachgedacht wird. Weimar als Wiege des Bauhauses will da natürlich mitmischen und lädt zum großen virtuellen Ideenlabor ein.

Wie wollen wir künftig leben? Wollen wir weiterhin auf Wachstum setzen, vielleicht auf umweltverträgliches Wachstum? Oder ist die Zeit gekommen, komplett neue Wege zu beschreiten? Die Initiative "Neues Europäisches Bauhaus" soll nicht weniger tun, als diese großen Fragen zu besprechen. Um damit die Bevölkerung mit ins Boot zu holen bei einem politischen und wirtschaftlichen Prozess der kommenden Jahre.

Neue Gesellschaftsentwürfe

"Es ist der Versuch, Logiken der Politik, der Ingenieurswissenschaften, der Architekten anzureichern. Auch zu stören. Gegenläufige Entwicklungen zu initiieren", sagt Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar. "Und zu beobachten, was daraus entstehen kann."

Dr. Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar Bildrechte: Candy Welz, Klassik Stiftung Weimar

Lorenz ist elektrisiert von der Idee, das neue Europäische Bauhaus quasi in die "Heimat zurückzuholen." Auch, wenn sie sagt, das historische Erbe allein reiche bei weitem nicht, um sich heute zu profilieren: "Wir haben komplett neue Fragestellungen. Und das historische Bauhaus kann uns lediglich eine Ermutigung sein, aus einem alten Zeitalter herüberragend, was es heißt, welche Lust es machen kann, aber auch welche Schwierigkeiten es gibt, wenn neue Gesellschaftsentwürfe ins Leben kommen."

Klimaneutralität, Stadtplanung und Natur

Was also soll passieren in Weimar in den kommenden Monaten? Die Klassik Stiftung hat sich mit der Bauhaus-Universität zusammengeschlossen, gemeinsam will man ganz verschiedene, kleine Projekte ankurbeln, etwa im Bereich Verkehr, Mobilität oder Bauen. Wichtiger Punkt – und hier kommt wieder das traditionelle Bauhaus ins Spiel – sei dabei die Interdisziplinarität, betont Universitätspräsident Winfried Speitkamp. "Der Anspruch, Klimaneutralität, neue Stadtplanung und neuen Umgang mit Natur zusammen zu bringen – das ist die Herausforderung", so Speitkamp. "Das ist das, was wir unseren Studierenden beibringen wollen. Wie kann man Dinge zusammen denken? Und wie können wir heute ein anderes Leben ermöglichen angesichts der Probleme, die unabdingbar auf uns zu kommen."

Bausteine als Zukunftsvision

Bausteine der Firma Polycare Bildrechte: Polycare

Erste mögliche Projekte sollen nun beim virtuellen Ideenlabor besprochen werden. Zu Gast sind einerseits Wissenschaftler wie der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber und der Soziologe Armin Nassehi, andererseits Menschen aus der Praxis, wie etwa der Thüringer Unternehmer Gerhard Dust. Mit seiner Firma "Polycare" hat er immer wieder verwendbare Bausteine entwickelt, die etwa aus Bauschutt bestehen können. Wenn ein Haus aus diesen Steinen also nach zehn Jahren nicht mehr gebraucht wird, baut man es einfach ab, und in anderer Form wieder auf. Lego lässt grüßen.

"Im ersten Moment habe ich gedacht – warum macht die Klassik Stiftung Weimar das? Was hat die mit Bauen zu tun?", sagt Dust. "Aber wir brauchen diese Diskussion eben auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Wir müssen neue Wege denken, und das müssen wir mit allen gemeinsam machen."

Wenn ich der Zementindustrie überlassen will, wie die Zukunft des Bauens in 100 Jahren aussieht – dann ist es immer noch Zementindustrie.

Gerhard Dust, Unternehmer

Eröffnung von Ursula von der Leyen

Prof. Winfried Speitkamp Bildrechte: Matthias Eckert

Die Lust, das merkt man allen Beteiligten an, ist spürbar groß, mitten in der lähmenden Pandemie auf die Suche nach Visionen zu gehen. Fragt sich nur, wieviel von den großen Gedanken in der Realität ankommen wird. Und ob das Neue Europäische Bauhaus am Ende nur der grüne Anstrich ist für eine Politik, die doch so weitermacht wie zuvor. "Es kann passieren, dass diese Gefahr besteht. Wir müssen uns damit auseinandersetzen", sagt Universitätspräsident Winfried Speitkamp. "Intern gibt es ja nicht nur die, die begeistert sind und sagen, wir machen das so, wie Brüssel will. Sondern viele, die sagen, das geht gar nicht. Oder das geht nur, wenn wir es anders machen. Jedenfalls ist eine Absicherung für uns, dass wir nicht sagen, 'Hauptsache, wir gewinnen diesen Antrag und sonst machen wir was anderes'. Sondern wir wollen das auf jeden Fall nutzen, um die Zwanziger Jahre dieser Universität zu gestalten."

Ulrike Lorenz von der Klassik Stiftung gibt sich ähnlich selbstbewusst. Das Ideenlabor sei ein Experiment, das nicht zwingend an allen Stellen funktionieren müsse. Immerhin, die Aufmerksamkeit für Weimar ist schon mal da: Ursula von der Leyen persönlich wird die virtuelle Konferenz eröffnen.

InfosÖffentliche Digitalkonferenz mit Ursula von der Leyen, Hans Joachim Schellnhuber, Armin Nassehi u.a.:
9. Mai, 10 Uhr, Livestream unter www.ideenlabor-weimar.de

Ideen-Werkstatt: 13. und 14. Mai
Anmedung unter www.ideenlabor-weimar.de

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2021 | 07:10 Uhr