Nick Cave
Nick Cave & The Bad Seeds bei einem Auftritt 2013 Bildrechte: IMAGO

Neues Album "Ghosteen" von Nick Cave – Was für ein Werk!

Es ist bereits das zweite Mal, dass Nick Cave sich auf einem Album mit dem tragischen Tod seines Sohnes auseinandersetzt, der 2015 von einer Klippe stürzte. "Ghosteen" besteht aus zwei Teilen, kommt weitgehend ohne Gitarren und Schlagzeug aus, manche Songs dauern fast eine Viertelstunde. Auf dieses Album muss man sich einlassen, wird aber reich belohnt. Denn mit "Hollywood" findet sich hier einer der ergreifendsten Songs, die Cave je geschrieben hat, so unser Kritiker.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Nick Cave
Nick Cave & The Bad Seeds bei einem Auftritt 2013 Bildrechte: IMAGO

Auf Nick Caves aktuellen, siebzehnten Album ist der Tod seines Sohnes Arthur zum zweiten Mal das zentrale Thema. Arthur Cave war 2015 nach einem LSD-Selbstversuch von einer Klippe gestürzt.

Herausfordernd

Nick Cave und seine Söhne Arthur und Earl, 2012
Nick Cave mit seinen Söhnen Arthur und Earl 2012 bei der Filmpremiere von "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise" Bildrechte: imago images / Future Image

Schon das Cover des Albums hat etwas paradiesisch Kitschiges: Flamingos und weiße Pferde, Lämmer und Löwen friedlich miteinander von einem gleißenden Licht in Szene gesetzt, auch ein Regenbogen darf nicht fehlen. Sphärische Klänge dominieren das Album, sehr viel Piano und dazu Cave als Märchenonkel, der von Prinzen und Königinnen und Gärten erzählt. Dann stirbt der König und das Herz der Königin bricht ...

Man muss sich einlassen auf dieses Album, das gleich vorweg. Man muss diesem Werk mehr Zeit geben als anderen. Und man muss dem Künstler Cave gesonnen ein oder ihn – viel viele es tun – kultisch verehren. Dann hat das Album durchaus das Potential, mehr als eine verfrühte Herbstdepression auszulösen.

Im zweiten Song, dessen Pianolauf an "Into My Arms" und andere Klavier-Balladen von Cave erinnert, kommen dann die weißen Pferde. Wer sich bei der Entscheidungsfrage: Brüder Grimm, Wilhelm Hauff oder Hans Christian Andersen für die Märchen des letzteren entscheidet der ist richtig bei Cave, dem Hohepriester der Trauerarbeit.

Kaum Gitarren oder Schlagzeug

CD-Cover: Nick Cave & The Bad Seeds, Ghosteen
Cover des Albums "Ghosteen" von Nick Cave & The Bad Seeds Bildrechte: Ghosteen LTD

"Ghosteen" kommt in zwei Teilen: der erste, lässt Cave uns wissen, sind die Kinder, der zweite die Eltern. Es gibt beinah keine Gitarren und wenig Schlagzeug, das Album klingt über weite Strecken, als hätte Cave es mit seinem Faktotum, dem Multiintrumentalisten Warren Ellis allein eingespielt.

Textlich bedient sich Cave im eigenen Stabilbaukasten und in den vom ihm selbst aufgepusteten Mythen-Tüten. Am Ende von Teil Eins wird alles vom Seeungeheuer Leviathan verschlungen. Alles außer dem Erzähler versteht sich, der auf diesem Album auch atemberaubend schön singt, ins Falsett fällt, so als hätte er sich selbst als Backgroundsängerin verpflichtet. Und der, man glaubt es kaum, mit diesem ganzen Brimborium zu fesseln versteht.

Nick Cave, 2012
Nick Cave – Hohepriester der Trauerarbeit Bildrechte: dpa

In "Ghosteen Speaks" übertreibt es Cave ein wenig mit der Geisterbeschwörung, die Hauntologen werden Cave begeistert in ihren Reihen begrüßen. Und doch ist das alles schlüssig, soweit man dem Thema Verlust überhaupt schlüssig begegnen kann.

Grandioses Finale

Teil Zwei beginnt mit dem zwölfminütigen Titelstück, das zunächst nach Tangerine Dream klingt, bis nach vier Minuten Caves Stimme einsetzt. Weiter kommt noch ein wenig Bibel und mit "Hollywood" das vierzehnminütige Finale mit den Zeilen "Ich kaufe mir ein Haus in den Hügeln mit einem tränenförmigen Pool und einem Gewehr das tötet." Dieser Ich-folge-dir-nach-Song ist einer der ergreifendsten, die Cave je geschrieben und aufgenommen hat. Man könnte ihn sich auch als lauten, überdrehten, perkussiven Song vorstellen und bis zum Ende wartet man auf einen dieser Ausbrüche, für die der Fürst der Finsternis bekannt ist. Stattdessen: Falsett, tribalistische Trommeln und die Transformation der Todessehnsucht. Was für ein Werk!

Auch hörenswert

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Album der Woche | 08. Oktober 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2019, 16:44 Uhr

Abonnieren