Buchkritik Der neue Nick Hornby: Brexit, Pop und Paarprobleme

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikkritiker
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Nick Hornby hat geschafft, wovon viele Autoren träumen - er wurde bereits mit seinen ersten Romanen ("Fever Pitch", "High Fidelity" und "About a Boy" zum Kultautor. Ein Begriff, der gern inflationär und voreilig benutzt wird, im Falle von Hornby aber zutrifft. In seinem neuesten Buch "Just Like You" geht es um den Brexit und ein Paar mit großem Altersunterschied. Und das lohnt sich.

Nick Hornby
Nick Hornby gilt seit Büchern wie "High Fidelity" als Kultautor Bildrechte: dpa

Man muss schon Hardcore-Nick-Hornby-Fan sein, wenn man seinen neuen Roman "Just Like you" nach der Klappentextlektüre noch ganz lesen möchte. Mal ehrlich: ungleiches Paar, sie 42, Lehrerin, weiß, Mittelklasse, verliebt sich in ihn, 22, Aushilfsmetzger, schwarz, Arbeiterklasse. Das klingt nach typischem "Nackenbeißer", diesem herrlich fiesen Begriff aus dem Buchhandel, der sich auf kitschige Liebesromane mit entsprechendem Buchcover bezieht.

Typisch Hornby

Hornbys neuer Roman spielt 2016 in Nordlondon, der Brexit ist das bestimmende Konversationsthema, wie schon im Paar-Therapie-Vorgänger "Keiner hat gesagt, dass du gehen sollst". Im Fall von Lucy ist es für jede Therapie jedoch zu spät.

Cover des Buches "Just Like You"
Buchcover von "Just Like You" Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Lucy ist nicht verzweifelt, sie steht als Englisch-Lehrerin mitten im Leben und hat ein gutes Verhältnis zu ihren Söhnen Dylan und Al. Und was Beziehungen angeht, lässt Lucy es ruhig angehen. Sie verabredet sich ab und an zu Blind Dates, die meistens katastrophal enden oder mit dem Schriftsteller Michael, der ihr alles bieten könnte, nur keine Liebe.

Für die wenigen Abende, an denen sie ausgeht, engagiert sie Joseph, den jungen Aushilfsmetzger als Babysitter. Die Jungs lieben ihn, weil er ihre Interessen – Fußball und Videospiele – teilt. Joseph hat das Studium abgebrochen, arbeitet in verschiedenen Jobs und träumt vom Durchbruch als DJ. So weit, so Hornby.

Culture Clash

Dann verlieben sich Lucy und Joseph, und Welten stoßen aufeinander. Beide haben unterschiedliche Hobbys und Freundeskreise. Um den anderen nicht zu überfordern, schotten sie sich ab, verbringen die gemeinsame Zeit in Lucys Haus, erzählen niemandem von ihrer Beziehung. Lucys Söhne aber wissen schnell Bescheid, Josephs Mutter, die in Lucys Alter ist, auch.

So heißt es im Buch: "'Aber wohin soll das führen?', fragte seine Mutter. 'Wohin soll denn irgendwas führen?', fragte Joseph. 'Willst du denn keine dauerhaftere Beziehung?' 'Nein. Ich bin zweiundzwanzig. Ich will nicht heiraten. Ich will keine Kinder.' 'Irgendwann bestimmt schon.' 'Vielleicht. In zehn Jahren.' 'Dann bin ich tot.' 'Warum solltest du mit zweiundfünfzig tot sein?'

Absurde Dialoge

Und genau darum liest man das, auch wenn Nick Hornby jetzt der Beziehungsonkel der altgewordenen Rock’n’Roller ist: weil er großartig erzählen kann, weil man sich kaputtlacht über die mitunter absurden Dialoge, weil der Autor seine Figuren liebt, sie auch in ihren Defiziten und Schwächen beinah zärtlich und immer voller Verständnis beschreibt. Etwa wenn Joseph zum ersten Mal im Leben ins Theater geht, was im Buch so klingt: "In der Toilettenschlange betrachtete Lucy die Frauen vor ihr. Sie hatte das Gefühl, Joseph irgendwie mitgeteilt zu haben, dies hier sei ihre Bezugsgruppe, auch wenn er die Tickets gekauft hatte, und nun kamen ihr Zweifel, ob sie mit diesen Leuten tatsächlich etwas gemein hatte. Shakespeare natürlich - aber wie viele von ihnen liebten Shakespeare wirklich? Oder auch nur das Theater?"

Nick Hornby
Nick Hornby schreibt über den Brexit, das sollte man sich nicht entgehen lassen Bildrechte: dpa

Shakespeare als Rechtfertigung oder als Überlegenheit des Landes? Solche Gedanken hat Lucy, wenn sie an den Brexit denkt und wenn sie versucht, aus Josephs Perspektive zu denken. Auch Joseph versucht den Perspektivwechsel, und genau darin liegt die Qualität dieser Beziehung – beide schauen über den Horizont ihres Alters hinaus. Und treffen doch auf die Grenzen des Altersunterschieds.

Lucy lag im Dunkeln […] und fragte sich, wie viele ihrer Freunde sie überhaupt mochte und wie viele sie noch immer mögen würde, wenn das mit dem Brexit und mit Joseph vorbei wäre.

Aus dem Buch

Und doch ist das Ende dieses Romans eben ganz anders als erwartet, denn Nick Hornby gibt der Sache noch mal einen ganz neuen Twist. Gut, gegen das Brexit-Ergebnis ist auch der Autor machtlos. Aber das ist nichts gegen das, was mit den Herzen seiner Figuren passiert.

Das Buch Nick Hornby: "Just Like You"
Aus dem Englischen übersetzt von: Stephan Kleiner
384 Seiten
ISBN: 978-3-462-00039-9
Kiepenheuer & Witsch

Britisch und gut

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2020 | 08:10 Uhr