Nico, 1987
Nico alias Christa Päffgen Bildrechte: IMAGO

Biographie Velvet Underground-Sängerin Nico bleibt ein Rätsel

Sagt Ihnen der Name Christa Päffgen etwas? Nein? Kein Wunder. Die Frau, um die es geht, ist unter ihrem Künstlernamen Nico bekannt geworden. Als Model, Schauspielerin und Sängerin. In der legendären New Yorker Factory-Szene war Nico eine Zeit lang das It-Girl. Und trotzdem ist sie heute ein Geheimtipp – und ein Rätsel. Tobias Lehmkuhl legt mit "Nico: Biographie eines Rätsels" die erste deutsche Biographie über die einstige Sängerin von Velvet Underground vor, die am 16. Oktober 2018 80 Jahre alt geworden wäre.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Nico, 1987
Nico alias Christa Päffgen Bildrechte: IMAGO

Diese Stimme vergisst man nicht so schnell: Wenn Nico "All Tomorrows Parties" auf dem legendären Debütalbum von Velvet Underground anstimmt, dann gefriert einem bis heute das Blut in den Adern und man hat keine Lust, auch nur auf einer dieser Partys dabei zu sein. Nico, die eigentlich Christa Päffgen hieß und 1938 in Köln geboren wurde, war eine Zeit lang auf allen Partys dabei. Mit 16 als Fotomodell entdeckt – unter anderem für Hormocenta-Creme, später für Vogue und Coco Chanel, hatte Nico ihre Jugend in Lübbenau verbracht, war über Model-Jobs in Paris und Rom und Auszeiten auf Ibiza schließlich nach New York gekommen, wo sie ein Verhältnis mit Bob Dylan und mit Jackson Browne hatte, später zuerst mit Lou Reed. dann mit John Cale – zwei Musiker, mit denen sie für kurze Zeit zusammen bei der legendären Band The Velvet Underground spielen sollte. Vermittelt von keinem Geringeren als dem Pop-Art-Papst Andy Warhol.

Schön, schweigsam und kalt

Den Namen Nico hatte ihr ein Freund, Herbert Tobias, verpasst.

Es war in jeder Hinsicht ein genialer Einfall. Nicht  nur war der Name kurz, leicht zu merken und für jedermann auch einfach auszusprechen, er hatte auch etwas Schillerndes: Nico, darin steckt anagrammatisch die (christliche) Ikone. 

aus "Nico. Biographie eines Rätsels"

Einem größeren Publikum war Nico in einer klitzekleinen Rolle in Fredericos Film "La dolce Vita" aufgefallen – schauspielerisches Talent hatte sie wenig, aber einen Wille berühmt zu werden, der einzigartig war. Zu Nicos Schönheit, der die Männer reihenweise verfielen, kam ihre Aura. Schweigsam, kalkuliert, ja kalt könnte man sie nennen.

Verhältnis mit Romy Schneiders Mann

Buchcover: Tobias Lehmkuhl, Nico. Biographie eines Rätsels,
Cover des Buches von Tobias Lehmkuhl Bildrechte: Rowohlt Berlin

Tobias Lehmkuhl erzählt die Geschichte dieser rätselhaften Frau kenntnisreich und detailgetreu. Der Autor kennt sich aus mit Musik, Literatur und Kunst, und er kann schreiben, das hat er schon mit anderen Büchern bewiesen, wie etwa über Miles Davis. Den könnte Nico freilich auch getroffen haben in ihrer Pariser Zeit, Begegnungen mit Jaques Derrida und Jean Paul Sartre sind überliefert. Sie traf die Dadaisten Tristan Tzara und Jean Genet – und allen erzählte sie unterschiedliche Versionen von ihrem Leben und der Herkunft ihres Namens. Es gab wenige Frauen, die in der Nähe Nicos bestehen konnten, eigentlich nur eine: Romy Schneider, die genau wie Nico ein Verhältnis mit Alain Delon hatte.

Romy wurde von Alain geliebt, Nico nicht, Romy hatte ein Talent zur Freundschaft, Nico nicht, Romy war eine große Schauspielerin, Nico nicht. Romy wurde vom Publikum verehrt, Nico sorgte eher für Irritationen und Verwirrung. Und doch gibt es weitere Gemeinsamkeiten: … Romys Sohn David starb bei einem Unfall, Nicos Sohn Ari, dazu später. 

aus "Nico. Biographie eines Rätsels"

Bob Dylan schrieb ihr ein Lied

Von Ibiza geht es 1964 nach New York, Nico ist eine ehrgeizige und zugleich antriebslose Person, sie besucht die Schauspielschule von Lee Strasberg, und sie trifft Bob Dylan, der gerade am Anfang einer Weltkarriere steht und ein Lied für Nico schreibt, dass diese vier Jahre später für ihr erstes Album Chelsea Girl aufnehmen soll: "I’ll keep it with mine“.

Nico, 1965
Nico, 1965 Bildrechte: IMAGO

In diesen Jahren zwischen 1962 und 1967 mischt Nico New York auf, später bricht sie nicht nur Dylan das Herz, sondern auch Leonard Cohen und Jackson Browne. Sie wird zur Muse von Andy Warhol, von Brian Jones von den Rolling Stones und zur Konkurrentin von Lou Reed. Der betrachtete The Velvet Underground von Anfang als seine Band und lässt sich nur zähneknirschend darauf ein, dass Nico drei Songs auf dem von Warhol finanzierten und produzierten Debutalbum – dem mit der Banane – singen darf. Nico spielt in den Filmen von Andy Warhol – wenn man das spielen nennen kann – und sie beginnt Heroin zu nehmen.

Vorreiterin des Dark Wave und Gothic Rock

1967 erscheint Nicos Debütalbum, unterstützt von Lou Reed und John Cale, der ihr bei fast ihrer gesamten späteren musikalischen Karriere zur Seite stehen sollte. Wegweisend und eigenständig wurde Nicos zweites Album "The Marble Index".

Wie das Album 'The Velvet Undergrund und Nico' stellt 'The Marble Index' etwas völlig Neues und Eigenständiges dar, etwas, an das sich die Leute langsam gewöhnen mussten. Es nahm vieles vorweg, was erst zehn oder oder fünfzehn Jahre später salonfähig wurde. Dark Wave oder Gothic Rock sind ohne Nicos eigentliches Debüt schwer vorstellbar, ebenso der weibliche Punk von Siouxsie Sioux oder die orchestralen Experimente Björks.

aus "Nico. Biographie eines Rätsels"

Zeitlebens ein Rätsel

Wer mehr wissen will – z.B. über Nicos weitere musikalische Entwicklung, ihre Verhältnisse mit Jim Morrison von den Doors oder Lutz Graf Ulbrich, der sich heute LÜÜL nennt, über Nicos desaströses und verantwortungsloses Verhältnis zu ihrem Sohn Ari, über ihre Drogensucht und frühen Tod – dem sei Tobias Lehmkuhls Buch empfohlen, ein großartig geschriebenes Buch über die Todes-Sirene und Ikone Nico, die mit 50 auf Ibiza starb. Und die uns ein Rätsel bleibt, so nah sie uns der Autor auch zu bringen vermag, wohl auch weil sie sich selbst zeitlebens ein Rätsel war.

Infos zum Buch Tobias Lehmkuhl: "Nico: Biographie eines Rätsels"
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt Berlin
Preis: 24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2018 | 14:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2018, 04:00 Uhr