Nico, 1965
Nico war Supermodel, bevor sie eine dunkle Sängerin wurde Bildrechte: IMAGO

Zum 30. Todestag der deutschen Popkultur-Ikone Nico – mehr als Lou Reeds "Femme Fatale"

Nico war eine Ikone der Popkultur. Supermodel, Schauspielerin, Andy Warhols Muse, die dunkle Stimme bei Velvet Underground. Doch das Leben von Christa Päffgen, wie die Kölnerin mit bürgerlichem Namen heißt, war alles andere als wunderschön. Sie war heroinabhängig, vernachlässigte ihren Sohn Ari und versuchte lange, als tiefsingende und tiefgehende Solo-Künstlerin Erfolg zu haben, anstatt immer nur als die Frau wahrgenommen zu werden, die mit diversen Rockstars geschlafen hat.

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Nico, 1965
Nico war Supermodel, bevor sie eine dunkle Sängerin wurde Bildrechte: IMAGO

"Wollen Sie uns was über die Erfahrung mit Velvet Underground erzählen?", fragt ein Radiomoderator die Sängerin Nico. "Nein, will ich nicht! Ich habe nach Velvet Underground mit meiner eigenen Musik begonnen." Eine Szene aus dem Film "Nico, 1988", der nun pünktlich zum 30. Todestag der Künstlerin in die Kino kommt und zeigt: Nico wollte mehr sein als Lou Reeds Femme Fatale. Doch sich aus der Rolle der Muse für Andy Warhol und als Geliebte diverser Rockstars zu befreien, war nicht einfach.

Der Friedhof als Spielplatz

1938 wird Christa Päffgen in Köln geboren. Ihr Vater stirbt im Krieg. Er war ein Spion und Hitler habe persönlich seine Erschießung angeordnet, sagt eine Legende über ihn. Vielleicht ist aber auch nur das, was die kleine Christa glauben will. Sie zieht noch während des Krieges mit der Mutter nach Lübbenau bei Berlin. Dort hält sie gerne Ausschau nach Luftangriffen und spielt auf Friedhöfen. Erste Anzeichen für die Todessehnsucht, die sich durch ihr Leben zog?

Als 15-jährige Teenagerin wird Christa Päffgen als Model entdeckt, sie modelt bei Schauen in Paris, landet auf der Titelseite der Jugendzeitschrift "Twen". Und gibt sich den Künstlernamen Nico. Christa klänge zu Deutsch, hat man ihr geraten. Als Nico wird sie berühmt, ein Supermodel, das sich in Fellinis Film "La Dolce Vita" einfach selbst spielen darf.

Schwanger vom Freund von Romy Schneider

Nico, 1965
Nico, 1965, Muse und Schönheit Bildrechte: IMAGO

Bei Dreharbeiten zum Film "Nur die Sonne war Zeuge" lernt Nico den Schauspieler Alain Delon kennen. Sie wird schwanger, bekommt mit 24 Jahren ihren Sohn Christian Aaron Päffgen, genannt Ari. Doch Alain Delon will die Vaterschaft nicht anerkennen. Schließlich ist er gerade mit Romy Schneider liiert. Nico ist mit der Mutterschaft überfordert, Ari landet letztendlich bei seiner Großmutter, der Mutter von Alain Delon, der sich deswegen mit ihr bis zu ihrem Lebensende verkracht.

Exzesse mit Andy Warhol und The Velvet Underground

Nico geht derweil als Schauspielerin nach New New York, wo sie auf Andy Warhol trifft. Er sieht in der kühlen Blondine seine neue Muse und dreht einige Filme mit ihr. Billy Name, Fotograf und Assistent von Andy Warhol, erinnert sich:

Alle waren fasziniert von ihr. Sie war wie eine Gottheit, die aus der Walachei oder sowas kam.

Billy Name, Assistent von Andy Warhol
Eine unterzeichnete Ausgabe von Andy Warhols berühmtem "Bananenalbum" für die Velvet Underground & Nico.
Das berühmte "Bananencover" von Andy Warhol Bildrechte: dpa

Warhol ist es auch, der Nico mit der Band Velvet Underground zusammenbringt. Zusammen mit Lou Reed singt sie auf dem Album "The Velvet Underground & Nico", für dessen Cover Warhol die berühmte Banane malt. Obwohl die Platte heute als wegweisendes Meisterwerk gesehen wird, ist sie nach der Veröffentlichung kein großer Erfolg. Die New York Times urteilt allerdings:

Ein sehr vergnügliches Album über Tod, Drogenabhängigkeit und Sadomasochismus.

New York Times über "The Velvet Underground & Nico"

Affären mit allen Rockstars

Nico macht bei all den wilden Exzessen mit, nimmt jede Menge LSD, Kokain und Amphetamine. Sie hat nicht nur mit Lou Reed eine Affäre, sondern auch mit Iggy Pop, Brian Jones oder Jim Morrison, den sie noch am Tag seines Todes zum letzten Mal sieht. Von Leonard Cohen heißt es, dass er unglücklich in Nico verliebt war.

Da sie bei Velvet Underground aber nur bei drei Liedern mitsingen darf und ansonsten nur das Tamburin schlagen und gut aussehen soll, bricht Nico mit Lou Reed und der Band, um sich allein dem Singen zu widmen. Sie will sich nicht mehr nur von Männern dominieren lassen. Später sagt sie über ihr Leben:

Ich bereue nichts – außer kein Mann zu sein

Nico

Musik statt Selbstmord

Nico alias Christa Päffgen
Nico auf Tour in den Achtzigern Bildrechte: IMAGO

Aber die Songs für ihr erstes Soloalbum "Chelsea Girl" schreiben wieder fast nur Männer, darunter Bob Dylan, Lou Reed und Jackson Browne. Doch Jim Morrison ermutigt sie zum Schreiben eigener Songs. Die nächsten Alben werden experimenteller – aber auch erfolgloser. Düstere Musik, dank der Nico heute als Erfinderin des Gothic Rock gilt. "Es ist ein Kunstprodukt. Man kann Selbstmord nicht verpacken", meint Produzent Cale zum Album "The Marble Index". Für das Album "The End... " wirbt ihr Label 1973 mit dem makabren Marketingspruch:

Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?

Werbung für das Album "The End... "

Auf der Platte singt Nico auch die deutsche Nationalhymne mit allen drei Strophen – wofür sie hierzulande auf Konzerten mit Flaschen und Müll beworfen wird. Sie versteht die Problematik nicht und widmet "Das Lied der Deutschen" Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Es sollten acht Jahren vergehen, bis Nico wieder Alben aufnimmt – "Drama Of Exile" und ihr letztes Album "Camera Obscura" aus dem Jahr 1984.

Die Frau, die niemals lacht

Nico, 1987
Nico, im Jahr vor ihrem Tod Bildrechte: IMAGO

Nico ist längt heroinabhängig. Sie setzt sich drei Schüsse pro Tag, verbringt ihre Tage in abgedunkelten Hotelzimmern. Sie lässt ihre Haare verfilzen und dunkel färben, trägt nur Schwarz, lacht nie und will hässlich sein.

Als ich schön war, war ich nicht glücklich.

Nico

Drogen nehmen mit dem Sohn

Nachdem ihr Sohn volljährig ist, zieht er zu ihr. Zusammen spritzen sie sich Heroin. "Mutter war zu keiner Tat mehr fähig ohne Drogen", schreibt er in seinem Buch "Die Liebe vergisst nie". "Nur so überstand sie rund 1200 Konzerte in sieben Jahren.“ Als Ari nach einer Überdosis auf der Intensivstation landet, nimmt Nico die Geräusche seiner Herz-Lungen-Maschine auf Tonband auf, um sie in einem Song zu verarbeiten. 1985 macht sie Methadon-Therapie, danach ist sie – abgesehen von Cannabis – clean.

Begraben auf dem Selbstmörderfriedhof

Ihr Tod am 18. Juli 1988 ist so seltsam wie unspektakulär. Sie verbringt ein paar Tage auf Ibiza, wo sie ein Haus besitzt. Bei einer Fahrradfahrt – vermutlich zu ihrem Haschisch-Dealer – stürzt sie und muss ins Krankenhaus. Dort wird ein aufgeplatztes Aneurysma zu spät erkannt, sie stirbt noch am selben Tag im Alter von 48 Jahren. Begraben wird Christa Päffgen in Berlin, der Stadt ihrer Kindheit. Auf einem versteckten Friedhof im Grunewald, auf dem früher die Selbstmörder begraben wurden, liegt ihr Grab neben dem ihrer Mutter. Der Friedhof soll in 40 Jahren eingeebnet werden. Dann bleibt nur noch Nicos Musik.

Grab von Nico, 2010
Grab von Nico in Berlin Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Juli 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2018, 04:00 Uhr

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