ARD-Themenwoche #WieLeben Hallescher Trendforscher über Modefarben der Pandemie

Der Hallesche Trendanalyst und Farbexperte, Niels Holger Wien, bestimmt das, was nächste Saison angesagt ist. Seine Auswahl trendiger Farben, Materialien und Designs spiegelt dabei vor allem den kulturellen Zeitgeist wider. Was das im Bezug auf die Corona-Pandemie bedeutet, darüber hat Niels Holger Wien mit MDR Kultur gesprochen. Außerdem verrät er seine aktuelle Trendprognose.

Niels Holger Wien 4 min
Bildrechte: Rebekka Adler

Das Atelier des Trendforschers Niels Holger Wien ist das, was man ein kreatives Chaos nennt. Neben Magazinen, Zeitschriften und Büchern, die sich bis unter die Decke stapeln, fügen sich auf einem Regal verschiedenste Objekte aus Keramik und Porzellan zu einer kleinen Ausstellung zusammen. Die ständig wechselnden Exponate sammelt der international gefragte Trendexperte am liebsten auf seinen Reisen rund um die Welt.

Doch das letzte Kofferpacken liegt, der Corona-Pandemie geschuldet, weit zurück. Seit mehr als einem halben Jahr nun muss Niels Holger Wien beim Aufspüren neuer Trends auf den kulturellen Input aus anderen Ländern verzichten. Und doch ist es ihm auch im heimischen Halle gelungen, seine Wahrnehmung für die ihn umgebende Welt zu schärfen: "Man hat die Stille draußen deutlich wahrgenommen. Ich fand es extrem intensiv für die Aufmerksamkeit, wie ruhig es in der Stadt war. Man hat wahrgenommen, wie plötzlich Frühling wurde, wie sehr man auf die Vögel gehört hat, wie die Blumen angefangen haben zu blühen, wie intensiv der Geruch war. Ich fand die Sinne intensiviert durch diese seltsame, unbekannte Situation, die plötzlich da war."

Höherer Arbeitsaufwand durch Digitalisierung

Ruhiger ist es im Leben des Trendforschers trotzdem nicht geworden. Denn der Arbeitsaufwand hat sich durch die notwendig gewordene Übersetzung seiner kreativen Arbeit ins Digitale vervielfacht. Dennoch birgt auch diese Erfahrung Raum für persönliche und berufliche Weiterentwicklung. Entgegen der Bestrebungen den diesjährigen Kongress des internationalen Trend-Netzwerks "Intercolor" ausfallen zu lassen, setzte sich Niels Holger Wien als zeitweiliger Präsident der Veranstaltung erfolgreich für eine digitale Realisierung des kontinentübergreifenden Events ein.

Niels Holger Wien
In der Pandemie ist der Trendforscher an den Schreibtisch gefesselt. Bildrechte: Rebekka Adler

Trends als Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen

Als Trendanalyst und Farbexperte arbeitet Wien unter anderem für das Deutsche Mode Institut (DMI). Mit seinen Zeitgeistanalysen und Trendprognosen setzt er übergreifende Impulse von Mode, Kosmetik und Verpackung bis Grafik und Interior. Dabei geht es ihm aber keineswegs darum, die marketinggetriebene Vervielfachung von Produkten weiter voranzutreiben. Seine Forschungsarbeit zu Farbe, Material und Design greift viel tiefer, als nur an der Oberfläche der Mode- und Konsumwelt zu kratzen. Trends sind für Niels Holger Wien ein Abbild gesellschaftlicher Entwicklungen.

Menschen schauen  Farbproben an auf einem Tisch.
Niels Holger Wien bei einer Modemesse. Bildrechte: Tohru Ohzeki

Das spiegelt auch seine aktuelle Trendprognose wider, die sich auf Schutz und Ruhe konzentriert: "Ich muss nichts Lautstarkes haben, um mich wohl zu fühlen. Das kann sanft sein und ruhig und soft. Und wir haben erlebt, dass ein bestimmter Kleidungsstil, also wie man sich zu Hause einkuschelt, dass diese Bequemlichkeit auf uns wirkt und wir diese weitertragen in andere Lebenswelten." Doch laut Wien ist es nicht nur die teilweise auch erzwungene Lebensrealität, sondern auch der Wunsch nach dem was fehlt: "Wir haben extreme Lust rauszugehen, etwas zu erleben, diese sinnliche Erfahrung wieder zu haben und uns dafür auch besonders anzuziehen, um die Besonderheit des Moments zu feiern. Und das ist damit verbunden, dass das lautstark sein wird und festlich und übertrieben und starkfarbig."

Community Spirit als Megatrend

Die zunehmende Polarisierung, die die Corona-Pandemie auch in der Gestaltungswelt auszulösen scheint, aber auch Klimawandel, Verlust an Biodiversität, eine in Hyperkonsum lebende Gesellschaft und soziale Ungerechtigkeit sind Themen, die Niels Holger Wien seit Jahren bei der Erforschung neuer Trends begleiten.

Niels Holger Wien
Trendforscher Niels Holger Wien beobachtet einen Trendwandel. Bildrechte: Rebekka Adler

Gleichzeitig beobachtet er, "dass es jetzt um Dinge geht, die das Wir oder das Uns in den Vordergrund stellen, dass das auch zu einem Verhaltenswandel führt. Dieses Gefühl für Gemeinschaft, im Englischen 'community spirit', das muss wachsen und daran müssen wir arbeiten. Weil all die Dinge, die wir angehen müssen jenseits von Covid, sind größer, als nur von separatistischen Ideen bewältigt werden zu können. Das ist für mich so ein Megatrend, der viele Dinge bedeutet. Dieser Wandel des Wahrnehmens: Wer bin ich, in welcher Gemeinschaft stehe ich und welchem Wir ordne ich mich zu?"

Mit Empathie und Weitsicht durch die Krise

Wie sich das neue Gemeinschaftsgefühl in der Welt der Materialkultur und Designsprache auswirkt, das werden die kommenden Mode-Saisons noch zeigen. Auch wenn für Niels Holger Wien schon jetzt feststeht, dass nichts mehr so sein wird, wie vor dem Ausbruch der Pandemie, blickt er dieser ungewissen Zukunft mit viel Ruhe, Empathie und vor allem Weitsicht entgegen: "Ich wünsche mir, dass die Wertschätzung für soziale Berufe zunimmt. Dass wir es schaffen, wieder eine Verbindung zwischen uns und den Prozessen unserer Umwelt und Natur herzustellen. Dass wir der Entfremdung entkommen, so zu tun, als würde uns das alles nicht betreffen. Ich persönlich wünsche mir noch etwas: Ich möchte aus meiner Studierstube wieder ausbrechen, in Ausstellungen gehen können und mich mit Kolleginnen treffen. Weniger zu arbeiten und mehr Zeit für die Wahrnehmung dessen zu haben, was da draußen ist - das sind eigentlich erfüllbare Dinge, auf die mich freue."

Niels Holger Wien 4 min
Bildrechte: Rebekka Adler

Niels Holger Wien ist ein gefragter Experte für Trends und Farben. Er ist sich sicher, dass die Pandemie Auswirkungen auf die kommende Mode haben wird. Außerdem beobachtet er einen Wandel zu einem Wir-Gefühl.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 16.11.2020 06:00Uhr 03:39 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2020 | 06:15 Uhr

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