Gespräch zum Film "Das Vorspiel" Nina Hoss: "Eigentlich ist Anna eine Männerfigur"

Anna ist Geigenlehrerin und setzt gegen den Willen ihrer Kollegen die Aufnahme eines Schülers durch. Als sie selbst bei einem Konzert versagt, treibt sie ihren Schüler zu Höchstleistungen. Doch dann kommt es zu einem Unglück. Nina Hoss spielt die Figur der Anna im Film "Das Vorspiel" von Ina Weisse. MDR KULTUR hat sie zum Gespräch getroffen.

Filmszene - 'Das Vorspiel'
Nina Hoss als Anna Bronsky in dem Film "Das Vorspiel" Bildrechte: Judith Kaufmann/Port au Prince Pictures

MDR KULTUR: Mussten Sie sich das Geige spielen beibringen oder hatten Sie schon einen Bezug dazu?

Nina Hoss: Zum Glück kann ich Noten lesen, weil ich Klavier gelernt habe. Aber ich hatte noch nie eine Geige in der Hand. Wobei, das stimmt jetzt gerade gar nicht – ich hatte schon mal üben müssen für eine andere Rolle, die aber auch schon zehn Jahre zurücklag. Witzigerweise habe ich aber wieder mit derselben Lehrerin von damals gearbeitet. Sie nimmt einem die Angst vor dem Instrument, was ja wirklich schwierig ist, zu erlernen. Ich hatte sechs Monate Zeit und das auch nicht permanent.

Ich wollte nicht, dass der Zuschauer mir zuguckt und immerzu denkt: Kann sie das denn auch? Dadurch käme man von meiner Figur Anna weg. Anna ist eine sehr gute Violinistin und spielt ein Konzert. Und dann soll es auch so aussehen, als könnte sie das. Das war ein langer Weg, der mir aber auch viel Freude gemacht hat.

Ihre Figur der Anna ist ja wahnsinnig unsicher. Man merkt das an ganz vielen Situationen: Wenn sie im Restaurant dauernd den Platz wechselt und nicht weiß, was sie bestellen soll. Sie begibt auch sich ständig in unsichere Situationen. Wie findet man eine solche Figur in sich, wenn man die spielen muss?

Ich weiß gar nicht genau, ob das nur Unsicherheit ist? Denn auch in dieser Unsicherheit nimmt sie sich, was sie will. Auch in der Unsicherheit zieht sie immer alle mit sich mit. Sie ist nicht unglücklich in ihrer Ehe, aber sie hat einen Liebhaber, weil sie das in diesem Moment braucht. Anna nimmt sich die Dinge, die sie braucht. Dass sie das braucht, das ist vielleicht die Unsicherheit. Aber wie sie das macht, das fand ich sehr interessant. Eigentlich ist Anna eine Männerfigur, finde ich.

"Das Vorspiel" ist auch ein Beziehungsfilm. Es gibt die Beziehung zum Vater, zum Ehemann, zum Liebhaber, zum Sohn, zum Geigenschüler. Weil das alles geklärt werden muss, ist auch wenig Frieden in dem Film, wenig Stille. Hatte das Auswirkungen auf die Dreharbeiten?

Es stimmt: Anna ist nicht in ihrem Ruhepol. Sie ist aus der Balance gefallen und sucht diese Balance, kämpft darum. Und geht dann den von außen gesehen falschen Weg. Aber sie probiert auch was, sie probiert, noch mal ihrem Traum nachzugehen: Vielleicht doch noch mal auf die Bühne zu kommen, vielleicht doch noch mal das, wofür sie Jahre lang gearbeitet hat, auch genießen zu können. Das macht sie, aber das geht auch wieder schief. Und dadurch wird wieder ein anderer Schneeball angetreten, weshalb sie dann auch übergriffig wird ihrem Studenten gegenüber. Und da habe ich das Gefühl: Das hat mehr mit ihr selbst zu tun als mit ihrem Gegenüber. Das ist ja das Interessante: Warum werden Menschen brutal? Warum werden sie ungerecht, warum werden sie übergriffig? Das hat dann mehr mit einem selber zu tun. Es ist so eine Art der Selbstbestrafung.

Wie viel Gestaltungsspielraum hatten Sie selbst, abgesehen vom Drehbuch und was darin stand?

Nina Hoss, Ilja Monti und Ina Weisse beim Photocall zu «Das Vorspiel» auf dem 67. Internationalen Filmfestival San Sebastian, 2019.
Nina Hoss, Ilja Monti und Regisseurin Ina Weisse Bildrechte: imago images/Future Image

Ich arbeite schon sehr eng am Buch. Ich versuche, so viel wie möglich herauszufinden über das, was ich im Drehbuch finde. Ganz besonders, wenn es sich um eine Figur handelt, die keine historische Vorlage hat. Ich habe schon viel während des Geige Übens an Anna gedacht und geguckt, was das mit jemandem macht, der so viel arbeiten und üben muss. Wenn ich diese Fragen zur Figur geklärt habe, dann schaue ich auf die speziellen Situationen und Momente, was da noch so alles drinsteckt. Zum Beispiel erzählen die Augen vielleicht etwas anderes als das, was man sagt. Fühlt man sich wohl in dem Moment, in dem man spricht oder beobachtet, oder nicht? Es gibt so viele Momente bei Anna, wo ich diese Zwischentöne erkennen muss, wo ich wissen muss, was da in ihr vorgeht. Und dann kann ich das hoffentlich so facettenreich wie möglich erzählen.

Im Film kann in jeder Minute etwas passieren. Alles steht immer so ein bisschen auf der Kippe. Beim Schauen habe ich gedacht: Das ist etwas sehr Heutiges, diese Unsicherheit der Verhältnisse. Das ist ein sehr aktueller Film.

Es ist so eine Stimmung, eine Atmosphäre, die dem Film anheim liegt, die mit uns heute was zu tun hat. Und wo man überlegen kann: Woher kommt das? Woher kommt die Unsicherheit?

Es ist ja ein leiser Film, der viel auf Ihr Gesicht, Ihre Mimik und Ihren Ausdruck abhebt. Das ist ja der Unterschied zwischen Film und Theater: Im Film kann man mit solchen Mitteln arbeiten, im Theater wäre es was anderes.

Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Bisher war es so, dass ich eher das Gefühl hatte, vom Film kann ich etwas mit auf die Bühne nehmen – als umgekehrt. Das Theater war für mich immer der Ort zum Ausprobieren, wofür man beim Drehen nicht so viel Zeit hat. Die Erfahrungen, die ich beim Theater gesammelt habe, konnte ich immer in die Filmarbeit mitnehmen. Aber das Spielen ist dann dasselbe! Du kannst auch auf der Bühne leise Töne haben. Und wenn du klar denkst, musst du auch mit deinem Gesicht nicht viel machen. Die Leute kommen zu dir. Das hat mir schlussendlich immer mehr Spaß gemacht als dieses "Vergrößern" beim Theater.

Ich habe auch immer gewechselt. Ich habe immer Theater gespielt und dann mal einen Film im Jahr gedreht. Und jetzt hab ich das mal umgedreht. Es kamen so viele schöne Projekte – unter anderem "Das Vorspiel", aber auch "Schwesterlein" mit Lars Eidinger und die ZDF-Serie "Shadowplay". Unglaublich viele Projekte kamen auf mich zu, und ich hab gemerkt: Dafür möchte ich jetzt Raum schaffen.

Was denken Sie, wo geht es in Zukunft für Sie hin? Eher Film oder eher Theater? Oder immer beides im Wechsel?

Ich gehe immer dahin, wo die spannenden Arbeiten sind. Wo die spannenden Geschichten erzählt werden, wo die Leute sind, die mich herausfordern. Unser Beruf bedeutet immer eine Zusammenarbeit. Mir sind Begegnungen wichtig.

Gibt es etwas, was Sie gerne mal machen würden?

Ich mache schon was, was ich gerne machen will! Eine bestimmte Rolle wollte ich eigentlich noch nie. Im Theater wollte ich immer schon mal eine griechische Tragödie spielen. Und da habe ich Medea gespielt. Das war etwas, das wollte ich gerne mal ausprobieren. Ich habe wirklich großes Vertrauen, dass da Aufgaben kommen, auf die ich zugreifen will.

Das Interview führte Katrin Schumacher für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2020 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2020, 15:07 Uhr

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