Ein Foto der NASA vom 20. Juli 1969, zeigt die aufgehende Erde vor der Landung aus dem Mondorbit der Apollo 11-Mission.
So wie die Landung von Menschen auf dem Mond einen Perspektivwechsel brachte, wirkte sich dieser auch auf das Leben der Protagonoisten dieses Romans aus Bildrechte: dpa

Buch: "Wo wir waren" Norbert Zähringer und die inspirierende Kraft der Mondlandung

Der Roman "Wo wir waren" von Norbert Zähringer erzählt die anrührende Geschichte zweier Menschen, die am Tag der Mondlandung ihren persönlichen Weg in die Freiheit wagen. Die Eroberung des Himmelskörpers wird damit zum Sinnbild der Befreiung. Unseren Kritiker beeindruckt das Buch, das sowohl Gefühl als auch Verstand fordert.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ein Foto der NASA vom 20. Juli 1969, zeigt die aufgehende Erde vor der Landung aus dem Mondorbit der Apollo 11-Mission.
So wie die Landung von Menschen auf dem Mond einen Perspektivwechsel brachte, wirkte sich dieser auch auf das Leben der Protagonoisten dieses Romans aus Bildrechte: dpa

"Wo wir waren" von Norbert Zähringer ist ein opulenter Roman von 500 Seiten. Er spielt zu Teilen im Rheingau, in Litauen (in der Kurischen Nehrung), in Amerika, in Südostasien und – nicht zuletzt und ganz entscheidend – auf dem Mond und im Weltall. Denn der Ausgangspunkt des Buches ist die Nacht vom 20. zum 21. Juli 1969. In dieser Nacht überträgt auch das deutsche Fernsehen jene Bilder, die bald schon ein ganzes Zeitalter kennzeichnen: der Astronaut Neil Armstrong betritt den Mond.

Hoffnung in der Dunkelheit

Norbert Zähringer: Wo wir waren - Buch-Cover
Das Cover von Norbert Zähringers Roman "Wo wir waren" Bildrechte: Rowohlt

Dieser Schritt und die damit verknüpften Träume und Hoffnungen werden auch den seinerzeit fünfjährigen Hardy Krohn, die Hauptfigur dieses Romans, ein Leben lang begleiten. Für ihn haben Freiheit und Aufbruch in eine neue Welt noch eine ganz andere Dimension. Hardy ist ein Heimkind, und das Kinderheim, in dem er lebt, ist eines von der schlimmsten Sorte, mit einem Menschenschinder als Heimleiter, mit körperlicher Qual und einer tiefen Trostlosigkeit und Trauer in jeder hier eingesperrten Kinderseele.

In der Nacht der Mondlandung nun beschließen zwei Jungen zu fliehen. Hardy, der jüngere der beiden, wird schnell wieder eingefangen, hat aber auf der Flucht ein Ehepaar kennengelernt, das ihn dann bald schon adoptieren wird. Für Hardy werden die Sterne nun also für immer der Ort sein, der auch ihm Erlösung verheißt, denn er ist ja sozusagen mit Armstrong in die Freiheit aufgebrochen und er wird sich ein Leben lang von dem Mut der Astronauten selber ermutigen lassen. Zudem ist das natürlich ein leuchtender und bewegender Romananfang und ein starker Rahmen für diesen Roman, der dann auch eine Menge Geschichten und Zeiten und Figuren zusammenhält.

Unerwartete Verbindungen

Norbert Zähringer hat um dieses Mondlandungsdatum herum zugleich ein paar literarisch sehr ergiebige Ort gesetzt. In unmittelbarer Nähe des Kinderheims befindet sich eine Psychiatrie, oder, wie man seinerzeit noch sagt, eine Irrenanstalt. Auch hier geschieht in der Nacht der Monderoberung etwas Unvorhergesehenes. Weil sie sich in ihrer Zelle im Gefängnis zum wiederholten Mal das Leben hat nehmen wollen, wird eine zu einer langen Zuchthausstrafe verurteilte Frau in dieses Irrenhaus eingeliefert. Auch ihre Lebensgeschichte wird nun über mehrere Jahrzehnte hinweg erzählt und berührt sich an entscheidenden Punkten mit der des Jungen aus dem Kinderheim. 

Ein Fußabdruck des amerikanischen Astronauten Edwin E. Aldrin auf dem Mond.
Die Schritte von Menschen auf dem Mond inspirierte das Heimkind Hardy zu eigenen Schritten in die Freiheit Bildrechte: dpa

Norbert Zähringer holt weit aus und entwirft einen Gefühl und Verstand gleichermaßen fordernden Roman.

Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Mag manche Episode auch etwas flüchtig erzählt sein und ein bisschen zu routiniert auf die bekannten 60er-, 70er- und 80er-Jahre-Embleme zurückgreifen (die RAF samt Schleyer-Entführung, die angespießerten Reihenhaus-Familien, die Pop-Kultur mit Star-Trek-Filmen und den ersten Computerspielen etwa), man möchte diesen Roman einfach nicht aus der Hand legen. Weil man sich längst schon eingelauscht hat in das Schicksal dieses Jungen und dieser Frau und weil man eben wissen möchte und muss, was diesen Menschen passiert ist und was ihnen noch passieren wird.

Wirkungsvolle Stilmittel

Norbert Zähringer
Norbert Zähringer Bildrechte: Isabella Scheel

Norbert Zähringer nutzt immer mal auch ein paar ganz triviale Erzählmuster, er setzt, wie im Krimi, hier und da einen Cliffhanger, er raunt manchmal ein bisschen. Aber all das funktioniert auf höchstem Niveau, weil Zähringers Grundkonstruktion trägt und weil diese gegeneinander montierten Biografien den Leser ein ganzes Buch lang mitleiden und mithoffen lassen.

Der Roman überzeugt und überwältigt dank seiner klugen Mischung aus großer, gewagter Konstruktion und den dann sehr bunt ausgemalten einzelnen Episoden.

Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Obwohl ja die Psychiatrie, also das Irrenhaus, eine große Rolle spielt – die Menschen sind in diesem Roman im herkömmlichen Sinne keine komplizierten Menschen (die Guten bleiben von Anfang bis Ende die Guten). Und so geht es letztlich weniger um psychologische Wandlungen, sondern vor allem darum, wie eine bestimmte geschichtliche Konstellation den einzelnen sein Leben lang prägt. Der grausame Alltag in einem Kinderheim in den 60er-Jahren, die Technikbegeisterung angesichts der ersten Bilder vom Mond oder auch eine in dieser Zeit in ihrer Ehe gefangenen und in dieser Ehe leidenden Frau, die zur Verbrecherin werden muss, um sich aus diesem Leiden zu befreien – "Wo wir waren" bindet all das zusammen und ergibt einen schönen, spannenden und also lesenswerten Roman.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 02. April 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. April 2019, 16:16 Uhr