Neues Sachbuch über das Gerichtsverfahren Der NSU-Prozess auf 2.000 Seiten

Fünf Angeklagte, 14 Verteidiger, 600 Zeugen, 500.000 Blatt Ermittlungsakten. Es war einer der größten Strafprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik. Fünf Jahre lang – von 2013 bis 2018 – standen vor dem Münchner Oberlandesgericht die NSU-Terroristin Beate Zschäpe sowie vier Männer, die wegen der Unterstützung der Zwickauer Terrorzelle angeklagt und auch verurteilt wurden. Eine Mitschrift dieses Strafverfahrens ist jetzt im Verlag Kunstmann erschienen. Fünf Bände brauchte es dafür unter dem Titel: "Der NSU-Prozess. Das Protokoll" von Annette Rammelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler. Bastian Wierzioch hat es für MDR KULTUR gelesen.

MDR KULTUR: Der NSU-Prozess in fünf Bänden: Was ist das für Material?        

Bastian Wierzioch: Das ist historisch wertvolles Material, denn in diesen fünf Bänden wird der gesamte NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht dokumentiert. Rund 2.000 Seiten sind da zusammengekommen.

Buchcover NSU-Prozess Protokoll
2.000 Seiten in fünf Bänden Bildrechte: Kunstmann Verlag

Das Kernstück bilden dabei drei Bände, die die Beweisaufnahme bis zum 374. Verhandlungstag widerspiegeln. Auf gut 1.500 Seiten haben wir es mit Wortprotokollen zu tun, in denen dokumentiert ist, was im Gerichtsaal an diesen Tagen gesagt wurde: Richter Manfred Götzl steht da im Zentrum, dazu die Vertreter der Bundesanwaltschaft, die Nebenklagevertreter, die Strafverteidiger, hunderte Zeugen, zahlreiche Gutachter und nicht zuletzt die fünf Angeklagten.

Dieser Mitschriften wurden – seit 2013 Prozessjahr für Prozessjahr – bereits veröffentlicht, allerdings in reduzierter, gekürzter Fassung im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Von dort kommen auch die Reporter, die diese Dokumentation erstellt haben: Annette Rammelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler haben keinen Prozesstag verpasst und alles mitgeschrieben.

Dazu muss man sagen, dass es von diesem Gerichtsverfahren keine offizielle Dokumentation gibt: Keine Tonaufnahme, keinen Videomitschnitt, nicht einmal Gerichtsprotokollanten haben mitgeschrieben, so dass eben diese vier Reporter diese Arbeit mit dem Laptop auf den Knien erledigten.

Bastian Wierzioch

Über die Texte, die da entstanden sind, sagen die Reporter selbst, dass sie das im Gerichtssaal Gesagte nicht 1:1 wiedergeben, sondern geglättet, verdichtet und gestrafft, dass sie Redundanzen weggelassen und etwa unergiebige stundenlange Zeugen-Aussagen auf zentrale Aussagen und Dialoge reduziert haben.

Hinzu kommt ein vierter Band mit den Plädoyers und dem Urteil. Dann gibt es noch einen fünften Band mit ergänzenden Materialien zum NSU-Komplex. Eine sehr umfangreiche Veröffentlichung.

Was zeigt dieses ausführliche Material? Was erfährt man über die NSU-Täter, deren Straftaten und über den Prozess?

Man kommt den Verbrechen des NSU einmal mehr sehr nahe, den zehn Morden, zwei Sprengstoffattentaten und 15 Raubüberfällen. Was darüber im Prozess gesagt wurde, geht streckenweise tief unter die Haut, zum Beispiel wenn ein Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Probsteigasse am 118. Prozesstag schildert, wie ihr die Hitze der Bombe die Augen zu schmolz. Und wie sie das überlebte.

Rechter Terror - Spezial zum NSU-Prozess 9 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und selbstverständlich kommt man dem Trio Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos recht nahe. Wie lebten die drei zusammen im Untergrund? Diese Rekonstruktion im Gericht ist sehr lesenswert. Beate Zschäpe als Überlebende und Angeklagte steht dabei im Mittelpunkt. Die zentrale Frage bei ihr lautete ja: War sie gleichberechtigte Mittäterin, obwohl sie selbst an keinem Tatort anwesend war? Zu dieser Frage ist die Aussage ihres Cousins Stefan Apel sehr lesenswert, der schon bei der Polizei vor dem Prozess angegeben hatte und vor Gericht bestätigte: Beate Zschäpe habe die Jungs "im Griff" gehabt. Das spricht also gegen die entlastende These, sie sei in Zwickau das unterdrückte Heimchen am Herd gewesen. Als Mittäterin wurde sie im Sommer dann ja auch verurteilt: Lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld.

Und dann sind da die anderen vier Angeklagten, zum Beispiel André Eminger: NSU-Unterstützer in Zwickau direkt vor Ort. Ein bis heute überzeugter Neonazi mit einem verfestigten rassistischen Weltbild. Wie er sich im Prozess gegeben hat, kann man hier nachlesen.

Und überhaupt die Rechtsextremisten im Gerichtssaal, die als Zeugen aussagten: Verstockte, mauernde, teils gleichgültig wirkende, teils selbstbewusst und frech auftretende Männer und Frauen.

Dazu passen die Auftritte der Szene-Anwälte mit eigener rechtsextremer Vergangenheit. Wolfgang Nahrath, der Strafverteidiger von Ralf Wohlleben, war beispielsweise Vorsitzender der 1994 verbotenen Wiking-Jugend. Dieser Anwalt stellte in seinem Plädoyer Adolf Hitler allen Ernstes als Friedens-Politiker dar. All das dokumentierten die Reporter.

Sie liefern auch ein umfassendes Bild von den Jahren nach 1989 in Ostdeutschland und dem Erstarken rechtsextremer Kameradschaften und vermitteln einen Eindruck davon, wie scheinbar selbstverständlich und normal es war und heute teilweise immer noch ist, sich als Neonazi zu engagieren. Da liest man Zeugenaussagen zur Kameradschaft Thüringer Heimatschutz, bei der das NSU-Trio mit dabei war. Oder zur sogenannten Weiße Bruderschaft Erzgebirge, bei der Angeklagte André Eminger mit dabei.

Dann natürlich die Rolle der Sicherheits-Behörden und deren Versagen. Noch einmal wird klar: Polizei und Verfassungsschutz waren seit 1998 ganz dicht dran an den untergetauchten Terroristen, die regelrecht umstellt waren von Spitzeln im Auftrag der Behörden. Der Thüringer Neonazi Tino Brandt zum Beispiel war so ein V-Mann. Brandt telefonierte mit dem Trio im Untergrund und meldete das dem Verfassungsschutz. Passiert ist mit dieser Information allerdings nichts.

Dazu passt auch, was vor Gericht über die krassen Fehleinschätzungen – besonders der Polizei – gesagt wurde mit Blick auf die Mordopfer. Die falschen Verdächtigungen gegenüber den Familien der Opfer. Da zeigt das Material aus dem Gerichtssaal, welches zusätzliche Leid den Hinterbliebenen durch die mangelhafte Arbeit der Sicherheitsbehörden zugefügt wurde.

Und es scheint bis heute wenig Einsicht bei vielen Behördenvertretern zu geben, da einiges gravierend falsch gemacht zu haben.

Bastian Wierzioch

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich denn aus diesen 2.000 Seiten zum NSU-Prozess?

Die Autoren selbst schreiben im Vorwort: Der NSU-Prozess sei ein "Lehrstück deutscher Geschichte", "eine Tiefenbohrung in die deutsche Gesellschaft, die gefährliche Sedimente unter der Oberfläche wirtschaftlich blühender Landschaften und einer scheinbar gefestigten Demokratie zutage förderte". Da kann man nicht widersprechen. Allerdings sehe ich es eher skeptisch, dass die Reporter den Prozess in einer Reihe mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und dem Auschwitz-Prozess sehen. Zutreffender erscheint mir da der Vergleich mit den RAF-Verfahren.

Und die Schlussfolgerungen: Man sieht anhand dieser 2.000 Seiten zum NSU-Prozess, dass Rechtsextremismus häufig verharmlost wurde und von Teilen der Zivilgesellschaft als scheinbare Normalität beschrieben wird, nicht nur in den 90er-Jahren, sondern auch im darauffolgenden Jahrzehnt, wenn etwa Beate Zschäpes Zwickauer Nachbar Olaf B. im Münchner Gerichtssaal erzählt, wie er sich mit Beate Zschäpe betrank und dabei auf dem Fernseher ein Bild von Adolf Hitler stand – so mir nichts, dir nichts.

Feuerwehrleute und Polizisten stehen 2011 in Eisenach vor einem qualmenden Wohnmobil.
Wohnmobil in Eisenach Bildrechte: dpa

Zudem dienen diese fünf Bände möglicherweise ein bisschen als Argumentationshilfe gegen die zahlreichen herumschwirrenden Verschwörungstheorien zum NSU. Solche Thesen wie Böhnhardt und Mundlos haben sich 2011 in ihren Wohnmobil in Eisenach gar nicht selbst erschossen, sondern wurden umgebracht. Oder die Behauptung, staatliche Stellen hätten vom NSU-Terror gewusst, ihn gedeckt oder sogar befördert. Der Prozess jedenfalls – das zeigt diese Dokumentation – liefert dazu keine Hinweise.

Und schließlich zeigt diese Veröffentlichung einmal mehr, wie viele wichtige Fragen noch offen sind, wenn es um die Taten der NSU-Terroristen geht. Wie groß war der Unterstützerkreis wirklich? Wer gehörte noch zum NSU-Netzwerk? Oder die Frage, die die Angehörigen der Opfer bis heute vordringlich beschäftigt: Wie wurden die Opfer ausgesucht, warum musste gerade mein Ehemann, Vater, Bruder sterben?

"Der NSU-Prozess. Das Protokoll“ ist im Verlag Kunstmann München erschienen. Die  Aufmachung der fünf Bände in einem Schuber sieht edel aus: Fünf Hardcover in dezenten Beige- und Grautönen. Schlicht und elegant. Passt das zum Inhalt?

Diese Aufmachung ist für mich das einzig Irritierende an diesem Projekt. Zu edel, wie ich finde! 80 Euro kostet der Schuber. Das ist nicht wenig. Wer soll das kaufen? Ich hätte mir eine schlichtere Veröffentlichung besser passend zum knallharten Inhalt vorstellen können. Fünf Bände in Broschur, größer als ein Taschenbuch und dennoch mit weichem Einband, vielleicht für 39 Euro. Dann würde man damit möglicherweise ein größeres Publikum erreichen, aber ich verstehe nicht, weshalb diese Texte in einer so besonderen und edlen Aufmachung erscheinen. Da geht Inhalt und Form für mich nicht zusammen.

Buchcover NSU-Prozess Protokoll
Bildrechte: Kunstmann Verlag

"Der NSU-Prozess. Das Protokoll"

"Der NSU-Prozess. Das Protokoll"

Von Annette Rammelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler.
2000 Seiten. Erschienen im Verlag Antje Kunstmann.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 13. Dezember 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 13:52 Uhr

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