Mehrere Ballerinas in weißen Kostümen stehen auf einer Bühne vor dem Hintergrund eines Waldes im Winter
"Der Nussknacker" an der Semperoper in Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Costin Radu

Ballett-Klassiker zur Weihnachtszeit Warum man Tschaikowskis "Nussknacker" immer wieder sehen kann

Tschaikowskis Ballett "Der Nussknacker" zählt zu den musikalischen Klassikern der Weihnachtszeit. In Mitteldeutschland wird er auf vielen Bühnen aufgeführt. Wieso er auch nach mehrmaligem Sehen nicht langweilig wird, erklärt Musikkritiker Boris Michael Gruhl.

Mehrere Ballerinas in weißen Kostümen stehen auf einer Bühne vor dem Hintergrund eines Waldes im Winter
"Der Nussknacker" an der Semperoper in Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Costin Radu

MDR KULTUR: Wie wurde denn aus dem am 12. Dezember 1892 in St.Petersburg uraufgeführten Ballett mit der Musik von Peter Tschaikowski, das auf der Erzählung "Nussknacker und Mausekönig" von E.T.A. Hoffmann basiert, dieser unwahrscheinliche Welterfolg?

Boris Michael Gruhl: Es war ja kein Erfolg auf Anhieb, heute schwer vorstellbar. Aber Tschaikowski musste sich zur Komposition seines dritten Balletts nach "Schwanensee" und "Dornröschen" durchringen. Zum einen waren die Vorgaben des Librettisten Marius Petipa ihm gar nicht so sympathisch, sie schränkten ihn ein in der kompositorischen Freiheit. Zum anderen war die Schwester des Komponisten gestorben, der er sehr nahe stand, was aber dann - so einige der Biografen des Komponisten - dazu führte, dass er gerade in den Weihnachtsszenen der Familie, mit denen das Ballett "Der Nussknacker" beginnt, auch mit sehr persönlichen Erinnerung seine Trauer verarbeitete.

Ein Mann mit Umhang und Zylinder auf dem Kopf hält auf eine Bühne einen kleinen Nussknacker in die Luft
"Der Nussknacker" in Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Costin Radu

Das hört man seiner Musik, die nicht frei ist von Melancholie, auch an. Da ist nicht alles so zuckersüß, auch wenn die fantastische Handlung  ins Reich der Zuckerfee führt. Ein älterer Mann taucht noch einmal in die kindhafte Traumwelt der Weihnachtszeit. Na ja, und manche Stücke, der Blumenwalzer, der Tanz der Schneeflocken, der Auftritt der Zuckerfee zum ja wirklich märchenhaften Klang der Celesta, die bekommt man ja auch nicht aus dem Ohr.

Das Ballett spielt am Weihnachtsabend: Das Mädchen Klara bekommt vom Paten Drosselmeier einen Nussknacker geschenkt. Im Traum wird er zum Prinzen und besiegt die Armee des Mausekönigs, und dann beginnt diese winterliche Traumreise in das Reich der Zuckerfee. Sind das die Vorgaben für die tänzerischen Höhepunkte des Balletts?

Eine Tänzerin liegt auf den Schultern eines Tänzers, im Hintergrund ist der Schatten eines Stiers zu sehen
"Der Nussknacker" in Altenburg Bildrechte: Landestheater Altenburg/Sabina Sabovic

Ja, auf jeden Fall. Die reale Welt hat man verlassen, das war auch tänzerisch vor allem eine eher pantomimische Angelegenheit, jetzt feiert der Tanz seine Triumphe. Der Nussknacker ist zum Prinzen geworden, also Grand pas de deux mit der Zuckerfee. Die Süßigkeiten tanzen, da gibt es ja die beliebten Divertissements, den spanischen, den arabischen, den chinesischen, den russischen Tanz, Harlekin und Columbine treten auf. Auch die skurrile Figur der Mutter Gigogne, mit den vielen, vielen kleinen Kindern unter ihrem Rock, die alle hervortanzen. "Der Nussknacker" ist auch das Ballett, bei dem wo möglich immer Schülerinnen und Schüler von Ballettschulen oder Studierende der Hochschulen wie in Dresden, dabei sind. 

Da treffen aber die Choreografinnen oder Choreografen immer eine Auswahl und inzwischen gibt es auch ganz neue Interpretationen, die sogar auf allen Weihnachtszauber verzichten können, wie bei Marc Morris als rasantem Comic, oder als Zirkusballett bei Jean-Christophe Maillot.

Und die Aufführungen in Mitteldeutschland?

Also, hier muss man nirgends auf den weihnachtlichen Bezug verzichten, auch nicht auf Poesie und tänzerische Brillanz, selbst eine kleinere Ballettkompanie wie die in Eisenach verzichtet nicht auf Varianten des klassischen Balletts.

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer verdunkelten Bühne
"Der Nussknacker" in Leipzig Bildrechte: Oper Leipzig/Ida Zenna

Die sind natürlich in der Dresdner Fassung von Ballettdirektor Aaron S. Watkin und Jason Beechey, Rektor der Hochschule für Tanz, sehr exzellent zu erleben, außerdem tanzen Schülerinnen und Schüler, bis hin zu den Jüngsten der Hochschule, und eben jene Mutter Gigogne hat hier ihren leider oft gestrichenen Auftritt. Die Bilder der Ausstattung führen vom Dresdner Weihnachtsmarkt vor dem Kronentor des Zwingers unter einem Schwibbogen ins Weihnachtszimmer der Familie Stahlbaum, vom Winter-Zauberwald ins Land der Süßigkeiten, zurück unter den Weihnachtsbaum. Diese Fassung löste 2011 hier die bis dahin sehr erfolgreiche Version von John Neumeier ab, in der Marie von Drosselmeier alias Petipa persönlich keinen Nussknacker, sondern Ballettschuhe geschenkt bekommt und in die Welt des klassischen Tanzes eingeführt wird.   

Birgit Scherzer lässt in ihrer Fassung für das Thüringer Staatsballett Kinder einer Ballettschule als ganz süße Gummibärchen hüpfen, Krümelmonster tanzen den Blumenwalzer.

Mehrere Tänzer in Kostümen tanzen auf der Bühne und sammeln sich um eine Frau, die die Figur eines Nussknackers in die Luft hält
"Der Nussknacker" in Halle Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Gert Kiermeyer

In Halle gibt es die Fassung von Youri Vàmos und Michael Scott, sie führt in die Londoner Straßen zur Zeit von Charles Dickens. Der alte Geizkragen und Menschenfeind Mr. Scrooge, der am Weihnachtsabend den Nussknacker der kleinen Klara zerschlägt, wird durch die Geister, die ihn in der Nacht heimsuchen und durch die Märchenwelt fliegen lassen, zu einem besseren Menschen. Diese Fassung wird in Halle seit nunmehr 18 Jahren getanzt, und auch in diesem Jahr ist hier, wie überall, wo "Der Nussknacker" auf dem Plan steht, das Interesse groß.

Sie haben offensichtlich einige Aufführungen in ganz unterschiedlichen Interpretationen gesehen, bleibt das Interesse immer noch erhalten, bleibt die Neugier?

Die Neugier ist ungebrochen, es gleicht ja keine Aufführung der anderen, es gibt neue Besetzungen der Partien, z.B. in Dresden, immer mit Chancen für den tänzerischen Nachwuchs. Und es gibt immer wieder für mich ganz neue Einsichten, wie zuletzt bei der Choreografie von Christian Spuck in Zürich, die bei allem Weihnachtszauber doch die dunkle Seite der Romantik einbezieht, sich also wieder näher am Original der Vorlage von E.T.A. Hoffmann. Man muss dafür auch nicht nach Zürich, sondern kann das auf 3sat am 22. Dezember sehen.

"Der Nussknacker" in Mitteldeutschland Dresden, Semperoper Ballett: 16.12. weitere dann: 19. 12., 20.12., 23.12., 25.12.

Ballett Rossa, Oper Halle: 15. und 16.12. weitere dann: 17.12., 19.12., 20.12., 23.12., 26.12.

Leipziger Ballett: 18., 19., 23., 25.12.

Ballett der Theater Magdeburg: 23.12., 29.12.

Thüringer Staatsballett: im Theater Altenburg: 20.12., 21.12., 22.12., 27.12.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 14. Dezember 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 15:43 Uhr

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