Interview mit Silke Gablenz-Kolakovic Offener Brief an Kulturstaatsministerin Grütters: Kunst ist unverzichtbar

Forderungen und offene Briefe von Kulturschaffenden an die Politik mehren sich. So hatte sich zuletzt auch Dieter Hallervorden, Intendant des Berliner Schlosspark-Theaters, an Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt und Vorschläge gemacht, wie Theater schrittweise wieder öffnen könnten: Jede zweite Reihe frei lassen, jeweils zwei Plätze zwischen den Besuchern nicht besetzen, am Eingang Masken verteilen. Das würde die Situation der Theater zwar nicht verbessern, aber die Motivation der Mitarbeiter ankurbeln und helfen, Existenzängste zu vertreiben. Auch die Vorstandsvorsitzende und Künstlerische Leiterin des Liebhabertheaters Schloss Kochberg, Silke Gablenz-Kolakovic, hat sich in einem offenen Brief an Monika Grütters und Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff gewandt.

Silke Gablenz-Kolakovic
Silke Gablenz-Kolakovic, Vorstandsvorsitzende und Künstlerische Leiterin des Liebhabertheaters Schloss Kochberg Bildrechte: Maik Schuck
Silke Gablenz-Kolakovic 7 min
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Silke Gablenz-Kolakovic sorgt sich um Künstler. Es müsse nachgedacht werden, wie Künstler auch jetzt ihre Kunst zeigen können: Schönheit, die Anregung zum Nachdenken und auch das Lachen wären gerade jetzt wichtig.

MDR KULTUR - Das Radio Di 21.04.2020 08:10Uhr 06:45 min

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Silke Gablenz-Kolakovic sorgt sich um Künstler. Es müsse nachgedacht werden, wie Künstler auch jetzt ihre Kunst zeigen können: Schönheit, die Anregung zum Nachdenken und auch das Lachen wären gerade jetzt wichtig.

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MDR KULTUR: Wie denken Sie über die Vorschläge von Dieter Hallervorden über eine mögliche Theaterpraxis in naher Zukunft?

Silke Gablenz-Kolakovic: Ich mach mir auch große Sorgen, nicht nur um unseren kleinen entzückenden Theaterbetrieb. Das ist ein historisches Theater an der Klassikstiftung Weimar, und wir zeigen historische Aufführungspraxis in Konzert, Oper und Schauspiel. Ich mach mir auch ganz große Sorgen um unsere Künstler. Erstmal haben die unglaubliche finanzielle Nöte und da helfen auch die bisherigen Unterstützungen nicht. Vor allem nicht bei denen, die überhaupt keine Betriebskosten haben, die müssen ihren Lebensunterhalt von ihren Gagen finanzieren, nicht irgendwelche Betriebskosten, für die sie Ersatz bekommen würden. Aber ein noch ganz anderes Problem ist für uns Kulturschaffende, dass wir nicht arbeiten können.

Wie weit geht das – bis hin zu Depressionen?

leere Bühne
Die Bühne im Lieberhabertheater Schloss Kochberg bleibt leer seit der Corona-Pandemie. Bildrechte: Maik Schuck

Ich bin ständig in Kontakt mit ganz vielen unserer Künstler, wir haben an die 50 hochkarätige Künstler unter Vertrag für die nächsten Monate. Und manche von ihnen klingen schon sehr depressiv am Telefon. Künstler müssen sich äußern, müssen ihre Kunst auch zeigen und hören lassen können, und das können sie eben im Moment nicht. Und es gibt keine Lichtblicke, es gibt keine Hoffnungen am Ende des Tunnels.

Deswegen glaube ich, dass diese kleinen Veranstaltungen – also, was wir uns überlegen, ist unser Eröffnungskonzert als virtuelles Eröffnungskonzert zu machen und dann erstmal zehn und 20 Besucher zuzulassen – dass man ganz klein anfängt, aber dass die Künstler wenigstens die Sachen, für die sie auch schon lange proben, zeigen können. Wir haben eine neue Schauspielproduktion am Laufen, wir haben in Berlin einen Riesensaal gemietet, in dem die Proben stattfinden, ganz weit auseinander erstmal. Wir möchten das natürlich alles zeigen.

Meinen Sie wirklich, dass das durchführbar ist unter all der Vorsicht, unter der wir alle stehen?

Ich glaube schon, ja. Natürlich wollen wir nicht, dass sich die Leute bei uns anstecken. Aber auch in Büros muss gearbeitet werden, in Unternehmen muss gearbeitet werden, und wir müssen alle Mittel und Wege finden, wie wir das machen können und wie sich Künstler äußern können mit ihrer Kunst. Da kommt noch ein anderer Punkt hinzu, an den denken viele vielleicht nicht: Kunst würde, wenn sie jetzt monatelang so klein gehalten würde, dass die Leute nur allein zu Hause üben und sonst gar nichts – ein Orchester, das dann wieder auferstehen soll, das hat nicht mehr die Qualität, die es mal hatte.

Meinen Sie, dass das Publikum auch wieder ran will?

Das glaube ich schon, und so viele können es erstmal ja auch nicht sein. Kunst ist etwas ganz Wichtiges. In den augenblicklichen Äußerungen klingt das immer so, als wäre das nicht so wichtig, als müsste es das nicht geben, als wäre es verzichtbar. Da ist so ein Punkt, wo sich Künstler einfach nicht wertgeschätzt fühlen, das sagen mir alle ganz deutlich. Und das stimmt nicht. Ich glaube, dass gerade im Augenblick die Schönheit und die Anregung zum Nachdenken und auch das Lachen unglaublich wichtig wären.

Wie stark ist denn aus Ihrer Perspektive die Lobby, die die Kultur im Land hat?

Das kann ich Ihnen so nicht sagen, ich fürchte sie ist nicht groß genug. Deshalb machen wir das ja, wir äußern uns. Ich habe ansonsten nicht das Gefühl, dass in unserem Land, gleich welcher Art unsere Regierung bisher war, die Kultur nicht geschätzt wird. Aber ich glaube, dass man sie im Moment aus dem Blick verliert.

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2020 | 08:10 Uhr