Unterzeichnerin Frauke Roth im Gespräch Offener Brief: Sächsische Kulturschaffende kritisieren neue Corona-Regeln

Mit einem offenen Brief haben zahlreiche Kultureinrichtungen aus Dresden wie das Hygiene-Museum, die Semperoper, das Staatsschauspiel oder die Frauenkirche die neue Corona-Schutzverordnung in Sachsen kritisiert, die ab Freitag in Kraft treten soll. Sie befürchten einen vierten Kultur-Lockdown. Auch Frauke Roth, Intendantin der Philharmonie Dresden, hat den Brief unterzeichnet und betont im Gespräch bei MDR KULTUR die gesellschaftliche Relevanz von Kultur: gerade in Sachsen sei das kulturelle Leben für ein Miteinander unverzichtbar.

Die neue Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, posiert am 09.01.2015 vor einer Pressekonferenz im Rathaus in Dresden
Frauke Roth, Intendantin der Dresdner Philharmonie ist Erstunterzeichnerin des Offenen Briefes Kulturschaffender an die Sächsische Landesregierung. Anlass Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Große Teile der sächsischen Kulturszene befürchten - bevor sie überhaupt wieder richtig öffnen können - den möglicherweise bald stattfindenden vierten Lockdown. In dem offenen Brief, der jetzt mit einem Schwerpunkt auf Dresden von Intendanten, Museumschefinnen und Theaterleitern unterschrieben wurde, ist auch die Philharmonie in Dresden vertreten, durch die Intendantin Frauke Roth. Was ärgert Sie, Frau Roth?

Frauke Roth: Wir sind diejenigen, die seit zwei Jahren Partner waren in der Umsetzung von Hygienemaßnahmen und in einer schwierigen Situation immer dafür gesorgt haben, dass wir besser geworden sind. Wir haben unterdessen eine extrem hohe Corona-Expertise, die gewährleistet, dass ein kulturelles Leben, was ja gesellschaftlich enorm wichtig ist – allzumal für Sachsen – mit einer sehr schwierigen Situation zusammen stattfinden kann. Darauf möchten wir jetzt pochen.

Offener Brief von 30 sächsischen Kultureinrichtungen

Mehr als 30 Sächsische Kultureinrichtungen und Akteure kritisieren in einem offenen Brief an die Landesregierung die geplante Corona-Schutzverordnung in Sachsen. Kultureinrichtungen können ab dem 14. Januar wieder öffnen – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.

Die Öffnung ist an die Auslastung von Krankenhausbetten mit Corona-Patienten gebunden. Die Unterzeichnenden kritisieren vor allem die Rückfalloption bei steigenden Corona-Zahlen: Trotz strengster Hygieneauflagen stünden die Kultureinrichtungen wieder vor der drohenden Schließung und damit einem vierten Kultur-Lockdown.

Zu den Erst-Unterzeichnenden gehören unter anderem der Intendant der Semperoper, Peter Theiler, die Dresdner Kulturbürgermeisterin Annekathrin Klepsch als auch die Intendantin des Europäisches Zentrum der Künste Hellerau, Carena Schlewitt.

Wie genau sieht diese Corona-Expertise aus bei Ihnen im Hause?

Tatsächlich betritt bei uns niemand das Haus, sondern an der Bronzetür im Vorfeld des Kulturpalasts wird bereits mit Scannern kontrolliert, wie der Impfstatus ist, ob jemand geboostert ist oder einen tagesaktuellen Test hat. Dann gibt es ja nur personalisierte Tickets, das heißt, wir haben ein Einlassregime, wo sich keiner begegnet.

Es gibt keine Pausenversorgung, es wird die Maske – ich sage jetzt mal zum Trinken, Essen, was wir eigentlich alle gerne würden – nicht abgenommen. Sondern in einem sehr, sehr kontrollierten, sehr ordentlichen Prozess, gehen die Menschen auf ihre Plätze.

Ich verspreche Ihnen: in jedem Hausflur, in jedem Supermarkt oder Zuhause im Wohnzimmer von ihren Kindern, stecken Sie sich eher an als mit diesem Testregime in einem Raum mit 22.000 Kubikmeter Luftvolumen mit Maske und Abstand und einer hochmodernen Lüftungstechnik.

Im offenen Brief wird betont, dass die Gruppe der Ungeimpften eine spezielle Rolle in diesem Pandemiegeschehen spielt. Würden Sie sich da politisch positionieren, würden Sie sich zum Beispiel für eine Impfpflicht einsetzen?

Aus meiner Sicht ist das tatsächlich eine Geschichte, die politisch zu entscheiden ist. Für meine Szene, für die Kunst und Kultur, wäre das wesentlich einfacher, allzumal wir alle möglichst bald auch wieder national und international arbeiten wollen. Und wir wissen, dass Bewegung extrem schwer ist.

Aber eins wissen wir: Wir, mit unserem Publikum, sind nicht Pandemietreiber und tragen nicht dazu bei, weil wir ohnehin nur 2GPlus-Menschen einladen dürfen, da die Krankenhausbetten-Belegung eben exorbitant steigt. Und selbstverständlich, mein Plädoyer, immer: Bitte lassen Sie sich impfen. Impfen schützt auch die Kultur weltweit.

Wo ist für Sie die Grenze, bei welcher Infektionslage wären Sie bereit, einen Lockdown mitzutragen?

Wir sind nicht die Entscheider an der Stelle. Wir sind immer nur Partner, und wir weisen aber darauf hin, dass Kultur aus unserer Sicht in dieser gesellschaftlichen Lage – die empfinden wir als angespannt – nicht das Sahnehäubchen ist, sondern ein wichtiger Baustein, um ein Leben mit dieser Lage zu organisieren.

Und ganz sicher ist die Krankenhausbetten-Belegungsobergrenze, die sogenannte Überlastungsgrenze, mit den entsprechenden Fachleuten diskutiert. Und an der Stelle will ich mich natürlich keinesfalls einmischen.

Das Gespräch für MDR KULTUR führte Vladimir Balzer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Januar 2022 | 08:10 Uhr

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