Autorin Olga Tokarczuk posiert lächelnd für ein Foto.
Die Autorin Olga Tokarczuk erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Roman "Die Jakobsbücher" Olga Tokarczuks Plädoyer für ein vielstimmiges Europa

"Die Jakobsbücher" ist das Opus Magnum der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Die Geschichte über den jüdischen Sektenführer Jakob Frank aus dem 18. Jahrhundert ist heute aktueller denn je und zeigt, welche Macht Populismus haben kann. Gleichermaßen ist es ein Plädoyer für ein Europa der unterschiedlichen Kulturen.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR-Literatur-Kritiker

Autorin Olga Tokarczuk posiert lächelnd für ein Foto.
Die Autorin Olga Tokarczuk erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Irgendwas hat dieser Jankel Leibowicz an sich, dass ihm die Menschen reihenweise verfallen und ihm jeden Schabernack durchgehen lassen. Mühelos gelingt es ihm Frauen und Männer zu verführen, ihnen Streiche zu spielen, sie um den Finger zu wickeln. Auch der Gelehrte Nachmann und der Ex-Rabbi Reb Mordke fallen dem Charme dieses Mannes, der sich selbst den Namen Jakob Frank gibt, zum Opfer. Und schließlich machen sie aus ihm mithilfe von sehr verworrener kabbalistischer Denkakrobatik einen Messias und Sektenführer.

Der Richtige, zur richtigen Zeit

In "Die Jakobsbücher" erzählt Olga Tokarczuk vom Aufstieg und Fall dieses vermeintlichen Messias; von Franks Reisen, seinen Wechseln aus dem Judentum zum Islam und zum Christentum und schließlich auch von seinem Ende in Offenbach am Main, von den Intrigen und Ränkespielen im Hintergrund, die den Aufstieg von Frank und seinem Gefolge begünstigen; und von der polnischen Adelsrepublik.

Olga Tokarczuk
Unser Kritiker meint: Allein für "Die Jakobsbücher" hat Olga Tokarczuk den Literaturnobelpreis verdient. Bildrechte: dpa

Franks Geschichte nimmt in der polnischen Adelsrepublik ihren Anfang, einer Zeit, die in der polnischen Geschichtsschreibung gerne verklärt wird. In "Die Jakobsbücher" zeigt Tokarczuk aber ein Polen, dessen Bevölkerung unter der Leibeigenschaft ächzt, von Seuchen heimgesucht wird. Die Juden leben in ständiger Angst vor Pogromen und nur ein kleines Fünklein genügt, um das Pulverfass zum Explodieren zu bringen. Jakob scheint einfach nur der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. An einer Stelle sinniert Nachmann, dass die Bevölkerung nur auf jemanden wie Jakob gewartet hat.

Eine durch und durch europäische Geschichte

"Die Jakobsbücher" ist gerade gegen Ende hin ein düsteres Buch. Es gibt Kriege, Seuchen und Jakob entpuppt sich nach und nach als Despot. Die Geschichte, die Olga Tokarczuk erzählt, ist aber auch eine durchweg europäische. Jakobs Weg führt ihn nicht umsonst durch halb Europa. Die Figuren müssen immer wieder herausfinden, in welcher Sprache sie jetzt am besten miteinander kommunizieren können. Damit entlarvt die Autorin auch die nationalistische Mär von den geschlossenen Grenzen und den einstmals homogenen Kulturen. In Europa wurde schon immer mit vielen Stimmen gesprochen und über viele Grenzen hinweg gereist.

Und mit mindestens genauso vielen Stimmen erzählt Tokarczuk auch ihre Geschichte. Die Haupterzähler Nachmann – ein Weggefährte Jakobs – und Jenta, seine Großmutter, die als Geist durch die Geschichte führt, erzeugen ein widersprüchliches Bild von diesem Jakob. Sicher ist nur: Er ist auch ein eiskalter Populist, der sich bei den einfachen Leuten als einfacher Mann zu geben weiß, beim Adel dann aber auch vornehme Zurückhaltung walten lassen kann. Später wird er immer despotischer.


Parallelen zu modernen Populisten sind allerdings nicht immer beabsichtigt. Auf polnisch erschienen die Jakobsbücher schon 2014, da waren Populisten wie Salvini oder Trump noch Randerscheinungen. Damals vollzog sich allerdings in Polen selbst ein Rechtsruck, die nationalistische PiS-Partei gelangte an die Macht und Tokarczuks alternative Geschichtsschreibung brachte ihr Morddrohungen und einen Status als Quasi-Staatsfeindin ein.

Empathie für Europa

Tokarczuks Buch ist aber auch eines, das an vielen Stellen immer wieder Visionen für das Zusammenleben formuliert. Klar ist: Ohne Empathie, ohne Verständnis für das Gegenüber, geht nichts. Und Bücher können helfen, dieses Verständnis zu erlangen, sinniert eine der Figuren einmal: "Läsen die Menschen die selben Bücher, lebten sie in der selben Welt – aber so leben sie in einer jeweils andern."

Infos zum Buch

 Cover des Buches "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk.
Bildrechte: Kampa Verlag

"Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk
aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
erschienen im Kampa Verlag
1184 Seiten
42 Euro
ISBN 9783311100140

Beeindruckend ist dabei nicht nur die schiere Fülle und Komplexität, mit der die verschiedenen Geschichten in den Jakobsbüchern verwoben sind, sondern auch, mit wie viel Liebe zum Detail: Die zahlreichen Illustrationen und rückwärts zählende Seitenzahlen lassen das Buch selbst fast schon mittelalterlich wirken. Beim ausgesprochen großen Figurenpersonal – manche von ihnen wechseln zur Hälfte dann mit der Religion auch noch die Namen – ist es ähnlich schwer den Überblick zu behalten, wie in einem Tolstoi-Roman. "Die Jakobsbücher" verdient es definitiv mit solchen Werken in einem Atemzug genannt zu werden. Der Roman ist ein großes, kluges Epos mit dem Herzen am rechten Fleck. Und natürlich: Den Nobelpreis hat Olga Tokarczuk alleine für "Die Jakobsbücher" mehr als verdient.

Mehr Literatur

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 10:20 Uhr

Abonnieren