Buch-Tipp Nach Abwicklung in Leipzig: Geschichten von Karstadt-Verkäuferinnen

Kürzlich erst hat die Galeria Karstadt Kaufhof GmbH die Schließung von 62 seiner 172 Filialen in Deutschland bekannt gegeben, darunter auch die Kaufhäuser in Dessau-Roßlau und in Chemnitz. Bis zu 6.000 Angestellte der Warenhauskette werden ihren Arbeitsplatz verlieren, viele von ihnen werden Frauen sein und ihr Schicksal ruft unwillkürlich ein Déjà-vu hervor. Denn bereits im Februar 2019 musste in Leipzig das Karstadt-Kaufhaus schließen. Die Schriftstellerin Olivia Golde hat die Abwicklung der Filiale begleitet, mit Verkäuferinnen gesprochen und ein Buch darüber geschrieben. "Karstadt waren wir. Chronik einer angekündigten Leerstelle" heißt es. MDR KULTUR-Autorin Bettina Baltschev hat es gelesen und die Autorin getroffen.

Eine Menschenkette steht 2018 rund um das Karstadtgebäude in Leipzig.
Eine Menschenkette steht 2018 rund um das Karstadt-Gebäude in Leipzig. Bildrechte: dpa

Dass das Lied, das so oft im Leipziger Karstadt erklang, ausgerechnet "Time to Say Goodbye" war – als Begleitmusik einer riesigen Fontäne im Lichthof – es ist im Rückblick eine seltsam komische Koinzidenz. Auch deshalb klingt es wie ein trotziger Entschluss, wenn Olivia Golde am Anfang ihres Buches schreibt: "Sie schließen nicht – sie brechen ab. Ich gehe mit meinem Notizheft ins Kaufhaus. Wir brauchen jemanden, der die Zeit anhält." Und in der Tat gelingt es der jungen Leipziger Schriftstellerin mit "Karstadt waren wir. Chronik einer angekündigten Leerstelle", die Zeit anzuhalten. Zunächst im Jahr 2018, als kurz vor Weihnachten die Schließung des Leipziger Karstadt Kaufhauses angekündigt wird.

Schmerzhafte Schließung

In den nächsten Wochen kommt Olivia Golde immer wieder und spürt dort: "etwas Bleiernes hinter der Stirn", wie sie schreibt. Auch am 8. Februar 2019, dem Tag der Schließung, hält sie nicht durch, wie sie erzählt: "ich beschreibe ja auch hin und wieder Kundinnen und Kunden, die dort rein gehen und eine ganz andere Verbindung zu dem Kaufhaus haben und die auch diesen Schmerz ganz nah mit teilen."

Ich glaube, es war zu schmerzhaft, den Schmerz nur beobachten zu können und überhaupt keine Möglichkeit der Linderung und Anteilnahme zu haben.

Olivia Golde, Schriftstellerin
Auf dem Cover von „Karstadt waren wir“ sitzen vor allem junge Frauen zusammen. 4 min
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Als im Februar 2019 das Leipziger Karstadt-Kaufhaus schließen musste, war das ein Erdbeben für die Stadt. Die Leipziger Schriftstellerin Olivia Golde hat die "Chronik einer angekündigten Abwicklung" verfasst.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 26.06.2020 06:00Uhr 04:23 min

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Die Zeit in den 80er-Jahren anhalten

1914 als mondänes Warenhaus Althoff errichtet, wurde es in der DDR als Centrum Warenhaus und ab 1990 als Karstadt geführt. Zwei der Karstadt-Frauen waren bereit, gemeinsam mit Olivia Golde die Zeit in den 80er-Jahren anzuhalten: "Das sind einfach zwei Menschen, die von Herzen gern anderen Menschen dabei geholfen haben, zu finden, was sie suchen und sich wünschen."

Ich bin da wirklich auf eine unglaubliche Liebe und Hilfsbereitschaft und Freude an dieser Tätigkeit getroffen, die ich mir so davor gar nicht hätte vorstellen können.

Olivia Golde

Kein Sachbuch im klassischen Sinne

Doch auch wenn "Karstadt waren wir" an der Realität der Frauen anknüpft, ein Sachbuch im klassischen Sinne ist es nicht. So finden sich in dem Buch "acht fristlose Porträts von Frauen", kurze fiktive Biografien von entlassenen Verkäuferinnen. Da ist zum Beispiel eine gewisse Irmgard Krow, die jeden Tag zur Arbeit fährt, obwohl da keine Arbeit mehr ist. Marlies Frege geht in den Zoo und klettert über den Zaun eines Geheges, um ein wildes Tier zu zähmen. Und Carmen Weger kümmert sich drum, dass es irgendwie weiter geht.

Auszug aus "Karstadt waren wir":

Carmen Weger kennt alle Sorgen der anderen. Carmen ist praktisch veranlagt. Sie wird organisieren, dass man sich auch danach noch trifft und nicht aus den Augen verliert. Man hatte sich ja täglich gesehen, es ist eine eigene Art von Familie. Sie hat ein Album, da ist alles eingeklebt seit 1990, die selbstorganisierten Ausflüge zur Ostsee, die Geburtstagsfeiern, die Anekdoten und Witze, Weihnachten im Karstadt etc.

Essay über die Arbeit von Verkäuferinnen

Es ist nicht nur der Stil, mit dem diese poetische Chronik besticht, Olivia Golde verhält sich auch zu dem, was sie sieht. Unter der Überschrift "Bedarfskomplexe" findet sich ein kurzer Essay über die Arbeit von Verkäuferinnen unter den Bedingungen des Marktes, in dem es heißt: "Die Kündigung entlarvt die Sinnlosigkeit individueller Anstrengung." Und schließlich erlaubt sich Olivia Golde, einige utopische Alternativen zur Schließung des Karstadt-Kaufhauses zu formulieren. Eine davon: Das Warenhaus wird von den Verkäuferinnen besetzt und in Selbstverwaltung fortgeführt, der Kapitalismus zerfällt.

Allein in dem Bewusstsein zu leben, dass das, wie es in Leipzig ausgegangen ist, nicht ist, wie es ausgehen muss, sondern dass der Lauf der Dinge in ganz viele Richtungen gehen kann.

Olivia Golde

Literarische Reaktion auf den Verlust

Noch ist es nicht so weit, dass Utopien Wirklichkeit werden. Wenn nun 62 weitere Filialen der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH etwa in Dessau-Roßlau oder Chemnitz schließen, wiederholt sich die Geschichte des Leipziger Warenhauses anderswo. Olivia Golde hat mit "Karstadt waren wir. Chronik einer angekündigten Leerstelle" eine eindrückliche Form gefunden, mit literarischen Mitteln auf den Verlust eines Kaufhauses zu reagieren, das weit mehr ist als nur eine weitere Kathedrale des Konsums.

Mehr zum Buch Olivia Golde: "Karstadt waren wir. Chronik einer angekündigten Leerstelle"
Verlag Trottoir Noir, 157 Seiten

Veranstaltungstipp: Die Präsentation des Buches wird am Sonntag, 19 Juli 2020, um 16 Uhr im Schillerpark in Leipzig stattfinden, gleich um die Ecke vom ehemaligen Karstadt-Warenhaus in der Petersstraße.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Juni 2020 | 07:40 Uhr