Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis "1000 Serpentinen Angst": Olivia Wenzels Roman über Rassismus

MDR-Volontärin Ann-Kathrin Canjé
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Halle und Hanau sind die jüngsten Beispiele für rassistisch motivierte Morde in Deutschland. Doch über die Täter zu reden, ist ebenso wichtig, wie den Menschen zuzuhören, die konkret von Rassismus betroffen sind. Auch in der Literatur. Wie es sein kann, in Ostdeutschland aufzuwachsen und ein Leben lang mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert zu sein, erzählt die Weimarer Autorin Olivia Wenzel in ihren Debütroman "1000 Serpentinen Angst", der für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert wurde.

Olivia Wenzel: "1000 Serpentinen Angst"
"1000 Serpentinen Angst" ist im März 2020 erschienen und im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020. Bildrechte: S. Fischer

Wer bei Serpentinen besonders an nie enden wollende Autofahrten aus Kindheitsjahren denkt und das unwohle Gefühl in der Magengegend, wird dieses in Olivia Wenzels Debüt wieder entdecken. Sie lädt in "1000 Serpentinen Angst" auf eine große, kraftzehrende Reise ein. Eine Reise, die stellenweise in Länder wie Marokko, die USA und Vietnam führt, aber hauptsächlich durch das Innenleben der Protagonistin verläuft. Das Ganze ist so turbulent, so aufwühlend geschrieben, dass sich der Magen ab und zu anfühlen kann, wie damals als Kind im Serpentinenstrudel. Nur dass die Serpentinen hier die Erinnerungsfetzen der namenlosen Protagonistin sind. So existenziell, dass beim Lesen oft der Atem wegbleibt.   

Rechtsradikalismus, DDR-Erbe und Freundschaft

Olivia Wenzel
Autorin Olivia Wenzel wurde 1985 in Weimar geboren. Bildrechte: imago images/tagesspiegel

Nazis tauchen in der Erzählung immer kurzzeitig auf. Doch die Geschichte spinnt sich nicht nur um rechtsradikale Menschen in Ostdeutschland, um die Hinterlassenschaften der DDR und die Frage nach Herkunft. Auch Freundschaft, die Suche nach Wahrheit und die Auseinandersetzung mit Angst sind immer präsent.

Olivia Wenzel liebt das Spiel mit Form und Sprache. Der Text ist stellenweise eine Art Zwiegespräch, ein Kreuzverhör. Eine zweite Stimme ist immer in Versalien geschrieben. Das verleiht dem Text beim Lesen etwas Dramatisches und hilft dabei, die Protagonistin zu verorten und die Fragen zu stellen, die wir uns heimlich auch fragen.

Tod des Zwillingsbruders

Die Erlebnisse und Gedanken der Protagonistin weben sich vor allem um ihre Familiengeschichte. Zu dieser gehört auch ein schmerzlicher Verlust. Viel zu früh verliert sie ihren Zwillingsbruder, der sich am Bahngleis ihres thüringischen Heimatortes vor einen Zug wirft. Sie erlebt das alles mit. Die aufblitzenden Erinnerungen im Roman drehen sich auch um ihren Bruder, die Gründe für seinen Selbstmord, ihre gemeinsame Kindheit. Und um die Frage, was nicht weiße Menschen aushalten müssen, wenn sie in einer ostdeutschen Provinz groß werden.

Alltagsrassismus der Gesellschaft

Wenzels direkte, bildreiche Sprache lässt diese Kindheitserinnerung vor unseren Augen lebendig wirken. Der Alltagsrassismus unserer Gesellschaft bekommt hier ein Gesicht, einen Beleg. Selbst die Großmutter der Protagonistin, die sich als eine der wichtigsten Bezugspersonen im Roman darstellt, schafft es nicht, ihre Rassismen zu überkommen. Und das, obwohl ihre eigene Enkelin schwarz ist.

Schmerzhaft, witzig, schön

Obwohl in "1000 Serpentinen Angst" Themen wie Angststörung, Identität und Rassismus oft schmerzhaft verarbeitet werden, ist der Roman auch grotesk und witzig. Und neben all den traumatischen Erinnerungen werden auch schöne Momente mit Freundinnen und Freunden der Protagonistin erzählt, die ihr Halt bieten und Hoffnung schenken.

Eigene Privilegien erkennen

Wenzels Debütroman ist vor allem deswegen so eine gute Lektüre, weil er verschiedene Spielarten der Literatur nutzt und uns besonders durch die Typografie immer wieder überrascht. Vor allem lädt er dazu ein, die eigenen Privilegien zu erkennen und zu hinterfragen.

Mehr zum Buch Olivia Wenzel: "1000 Serpentinen Angst"
Verlag: S. Fischer
352 Seiten
Preis: 21 Euro
ISBN: 978-3-10-397406-5

Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. April 2020 | 18:05 Uhr