Zum Tag der virtuellen Liebe Wie Corona das Dating-Verhalten der Menschen ändert

Guido F. Gebauer ist Gründer der alternativen Dating-Plattform "Gleichklang". Ihr Prinzip besteht darin, mithilfe psychologischer Tests den passenden Partner zu finden. Angesprochen sind im Besonderen auch Menschen mit bunten und vielfältigen Lebenssituationen. Gebauer sprach mit MDR KULTUR über die Auswirkungen der Corona-Krise, unterschiedliche Bedürfnissen von Jung und Alt und die Trends in der Dating-Branche.

Paar
Die Corona-Krise hat sich auch auf das Online-Dating-Verhalten ausgewirkt. Bildrechte: Colourbox.de

MDR KULTUR: Gab es durch die Corona-Krise einen Zulauf auf Ihrer Plattform?

Guido F. Gebauer: Zunächst hatten wir ganz kurzzeitig Mitte März, als sehr deutlich wurde, dass eine Krise vorliegt und Maßnahmen ergriffen werden, genau das Gegenteil erlebt. Da hatten wir fast eine Woche gespenstischer Stille, sodass wir uns auch schon fragten, ob wir als Dating-Anbieter von der Krise betroffen sein werden. Das hat sich dann relativ schnell aufgelöst und es kam zu einer leichten bis moderaten Steigerung des Dating-Verhaltens der Neu-Mitglieder und der Kommunikation unter den Mitgliedern. Und das hält bis jetzt eigentlich an.

Wie hat die Krisensituation das Kennenlernen einzelner Personen beeinflusst?

Ein Mann im rot-weiß karierten Hemd
Gleichklang-Gründer Guido F. Gebauer Bildrechte: Guido Gebauer/Thilo Nass

Wir haben eine Umfrage durchgeführt. Wir sehen tatsächlich, dass es zu Veränderungen geführt hat. Die Leute haben die Online-Kommunikation länger gehalten, ohne sich gleich direkt zu treffen. Die Verschiebung von direkten Treffen ist eine der wesentlichen Veränderungen, die sich ergeben haben. Das kann sich durchaus günstig auswirken. Denn: Je besser sich Menschen vorher kennenlernen, miteinander kommunizieren und sich austauschen, umso geringer ist letztendlich auch später das Risiko von Desillusionierung oder Enttäuschung – insbesondere dann, wenn schon intensiv mit verschiedenen Medien – einschließlich Video-Konferenz – kommuniziert worden ist.

Die Branche des Online-Datings boomt. Womit erklären Sie sich diesen Trend?

Ich erkläre ihn mir einerseits damit, dass 'online' mittlerweile überall im Leben – egal ob privat oder beruflich – eine erhebliche Rolle spielt und Menschen einen großen Teil ihrer Zeit online verbringen. Dadurch reduzieren sich natürlich automatisch Möglichkeiten, Menschen offline kennenzulernen. Gleichzeitig wächst die Motivation, jemanden online kennenzulernen. Und sofern ist das bei einer Gesellschaft, die immer mehr ins Internet geht, immer mehr Zeit in virtuellen Räumen verbringt, eigentlich nur folgerichtig, dass sich auch tiefer gehende zwischenmenschliche Kontakte – zumindest zum Kennenlernen – in diese Räume verlagern.

Gibt es in der Art der Nutzung von Dating-Plattformen einen Unterschied zwischen Jung und Alt?

Tatsächlich ist es so, dass ältere Menschen – das zeigen auch Studien – weniger zu One-Night-Stands, also unverbindlichen erotischen Kontakten neigen. Bei jüngeren Menschen treten diese wesentlich häufiger auf. Das ist sozusagen ein echter Alterseffekt. Und da sehen wir sogar in unseren Auswertungen einen sehr hellen Lichtblick für Menschen höheren Alters. Menschen höheren Alters schaffen es eher, aus einem virtuellen Kontakt tatsächlich eine dauerhafte Beziehung zu machen als Menschen jüngeren Alters, die eher mehr Kontakte virtueller Art brauchen bis es zu einer darüber hinaus gehenden Beziehung kommt.

Wie wird sich die Dating-Branche Ihrer Meinung nach in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

Es ist natürlich spekulativ. Ich glaube grundsätzlich, dass beides bestehen bleibt, sowohl das Analoge als auch das Digitale. Das klassische Online-Dating ist ja auch eine Verbindung zwischen beiden. Der Kennenlernprozess läuft digital. Es besteht aber bei der sehr großen Mehrheit das Interesse, sich später in der analogen Welt kennenzulernen. Trotzdem wird sich verstärkt auch eine weitere, rein digitalisierte Welt entwickeln als eine Option. Da sehen wir bereits Entwicklungen in Japan zum Beispiel. Dort werden virtuelle Wesen geschaffen, die dann als Dating-Partner zur Verfügung stehen. Man datet also nicht mehr mit realen Menschen, sondern mit auf künstlicher Intelligenz beruhenden virtuellen Wesen. Ich glaube, dass sich das verstärken wird. Das gibt offenbar Menschen ebenfalls sehr viel Motivation, Rückmeldung und Bestätigung, sodass sie dafür empfänglich sind.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juli 2020 | 08:40 Uhr