"Seriencamp 2020" online abrufbar Digitales Serienfestival: Das sind die spannendsten Produktionen

Pünktlich zum "Lockdown light" kommt ein Festival daher, das sich ganz der Welt der Serien verschrieben hat: Vom 5. bis 22. November findet das "Seriencamp" statt – coronabedingt komplett digital. Rund 80 Beiträge sind online und kostenfrei verfügbar.

Szene aus der Serie "Moah".
Etwa 80 Serien zeigt das Seriencamp zwei Wochen lang online. Eine davon ist das französische Experiment "Moah", das ohne auch nur einen gesprochenen Satz auskommt. Bildrechte: Seriencamp/MOAH

DOK Leipzig ist vorbei, Netflix durchgeguckt, die neuen Corona-Maßnahmen sind da – und ein Festival, das sich ganz und gar der Welt der Serien verschrieben hat. Klingt nach einem guten Timing? Ist es auch. Die sechste Ausgabe des "Seriencamps" findet coronabedingt komplett digital statt.

Lockte das Internationale Festival für Serien- und TV-Kultur in vergangenen Jahren noch Tausende Serienfans an die Hochschule für Film und Fernsehen in München, zeigen die Macher von 5. bis 22. November rund 80 Beiträge im kostenlosen Streaming-Portal – große Sponsoren wie "Amazon Prime Video" oder "Magenta TV" machen das möglich.

Serien-Festival für Publikum und Branche

Das Programm richtet sich gleichermaßen an Publikum und Branche. Das zeigt sich auch in der Auswahl: Neben Serien, die erst noch Abnehmer für den deutschen Markt finden müssen, laufen auch große Produktionen, die im kommenden Jahr anlaufen oder bereits bei Streaming-Anbietern wie Sky oder Magenta TV zu sehen sind.

Das Seriencamp bietet einen Überblick über die rasante Entwicklung in der Serienlandschaft – was Formate, aber auch Inhalte betrifft. Den Überblick zu behalten fällt da schwer. Diese Festival-Serien sollten Sie jedoch keinesfalls verpassen:

Große Namen: "Roadkill" und "Fargo"

Sie erinnern sich an "Fargo"? Die TV-Adaption von Ethan und Joel Coens Kult-Thriller aus dem Jahr 1996 geht in eine lang ersehnte 4. Runde. Das Seriencamp zeigt erste Einblicke in die vierte Staffel, die zurück ins Kansas City der 50er-Jahre versetzt.

Auch die BBC-Serie "Roadkill" kommt starbesetzt daher: Der Polit-Thriller spielt in einem Großbritannien, das den Brexit längst hinter sich hat. Hugh Laurie ("Dr. House") als konservativer Politiker Peter Laurence brilliert in der Rolle des charismatischen Unsympathen, der so manche Leiche im Keller versteckt.

Szene aus der Serie "Roadkill".
"Dr. House"-Darsteller Hugh Laurie schlüpft in "Roadkill" in die Rolle eines umstrittenen britischen Politikers. Bildrechte: MagentaTV/Roadkill

Coming of Age: "Capital Roar" und "Limboland"

Szene aus der Serie "Capital Roar".
"Capital Roar" spielt im Kolumbien der 90er Jahre. Bildrechte: Seriencamp/CAPITAL ROAR

In der Serienauswahl sind erstaunlich viele präsent, die zeigen: Auch wenn die Lebenswelten andere sind, gibt es doch viele Parallelen unter Heranwachsenden überall auf der Welt.

"Capital Roar" zum Beispiel wirft die Zuschauer, umhüllt von einem großartigen grungigen Soundtrack, ins Bogotá der 90er- Jahre. Die Klamotten sind cool und wild, demgegenüber stehen Pablo Escobars Todeskommandos, die das Land mit Gewalt überziehen, die Paramilitärs tun es ihnen gleich. In all dem Chaos wächst der junge Simón auf. Nach dem Tod seines Vaters muss er an einer neuen Schule Fuß fassen. Seine Rettung: die Musik.

Vergleichsweise harmlos, aber nicht minder unterhaltsam sind die Problemchen der jungen Däninnen in "Limboland". Katrine, Freja und Nadja tanzen Limbo in Richtung einer ungewissen Zukunft – einmal quer durchs Auf und Ab in der Liebe und durch die Anlaufschwierigkeiten in Uni und Berufsleben. Dank des trockenen dänischen Humors wird das Ganze nicht mal schmalzig, sondern ziemlich unterhaltsam. Wer Lena Dunhams "Girls" mochte, wird auch an "Limboland" Freude haben.

Szene aus der Serie "Limboland".
Drei junge Däninnen auf der Suche nach einem selbstbestimmten Sinn des Lebens? Wer "Girls" mochte, wird "Limboland" lieben. Bildrechte: Seriencamp/LIMBOLAND

Kurz und gut: "The Square Root"

Wer experimentelle Serien mag, sollte auch einen Blick in die kanadische Serie "The Square Root" werfen. Der Ausgangspunkt: eine Beziehung, die in die Brüche geht. Klingt erst mal banal, ist es aber nicht. Jede Folge ist nur wenige Minuten lang und setzt den Fokus auf jeweils eine Figur und ihre Gedanken – kurz vor dem Moment einer wichtigen Entscheidung. Daraus ergibt sich ein rauschender, innerer Monolog, der die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen lässt. Eingefangen in verträumten, surrealen Bildern muten die einzelnen Folgen fast an wie in sich stimmige Musikvideos.

Serienkunst und Corona: "Centrum", "Cancelled", "Quarantime"

2020 kommt auch die Serienwelt nicht um das Thema Coronavirus herum. "Quarantime" etwa, eine deutsche Komödie über ein junges Start-up, lässt seine Protagonisten in den ersten Shutdown rasseln. Der Betrachter blickt durch die Webcams, ist dabei, in sämtlichen Konferenz-Calls mit wackeligen Kameras, knarzenden Mikrofonen und unsteten Gemütern.

"Centrum" zeigt den Covid-19-Alltag mehrerer Jugendlicher in einem Kopenhagener Vorort. Regisseur Jonas Risvig hat das Projekt komplett ohne Budget realisiert. Er schaut seinen Protagonistinnen und Protagonisten über die Schulter – trotz Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen kommt er ihnen dabei so nah, dass das Ergebnis fast wie ein Dokumentarfilm anmutet.

Szene aus der Serie "Centrum".
Wie vertreibt sich die dänische Jugend die Langeweile in Corona-Zeiten? "Centrum" zieht den Betrachter direkt ins Geschehen. Bildrechte: Seriencamp/CENTRUM

Noch eine Serie, die mitten im Lockdown entstanden ist: "Cancelled". Regisseur Luke Eve und seine Frau, Schauspielerin Maria Albiñana, haben das Beste aus dem Stillstand gemacht und sind kurzerhand selbst in die Hauptrollen geschlüpft. Der Plot: Die Pandemie legt Spanien lahm, kurz vor knapp muss das Paar die geplante Hochzeit absagen. Entstanden ist eine Dramedy mit Wiedererkennungswert. "Cancelled" wurde mit einfachen Mitteln und mit Smartphones gedreht. Das schadet nicht, sondern sorgt für noch mehr Authentizität. Die kurzen Episoden sind nicht nur beim Seriencamp, sondern auch auf Facebook zu sehen.

Szene aus einer Serie.
Wenn die Schwiegermutter zur Hochzeit anreist, diese aber coronabedingt abgesagt werden muss, kann es im heimischen Bett schon mal eng werden. Bildrechte: Seriencamp/CANCELLED

Steinzeit-Serie ohne Worte: "Moah"

Die "Gilmore Girls" reden Ihnen zu viel? Dann lohnt sich der Blick in diese Serie: Moah, ein Mann im besten Alter, hat es nicht leicht. Mit den Frauen will es nicht so recht klappen, täglich plagen Moah Existenzängste. Mit einer kleinen Besonderheit: Er lebt in der Steinzeit.

Die etwa 20-minütigen Folgen kommen ohne ein gesprochenes Wort aus. Kommuniziert wird mit herzerweichenden, innigen Blicken, mit Grunzen oder Brüllen –ganz Steinzeit-like. "Moah" schwimmt irgendwo zwischen völliger Absurdität, Slapstick und Romanze. Geben Sie diesem Experiment aus Frankreich eine Chance!

Für Horror-Fans: "Hausen"

Die deutsche Film- und Medienlandschaft tut sich immer etwas schwer mit dem Genre Horror, doch das scheint sich gerade zu ändern. Netflix ist mit "Dark" und seinen zahlreichen düster-verworrenen Handlungssträngen vorgeprescht, Sky legt mit einer ersten eigenproduzierten Horrorserie nach:

Serie Hausen
Hausmeister Jaschek (Charly Hübner) und sein Sohn Juri (Tristan Göbel) in "Hausen". Bildrechte: Sky

Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber ("In den Gängen") hat mit "Hausen" eine verstörend-beklemmende "Haunted House"-Geschichte geschaffen. Er vereint Horrorelemente, Mystery, dunkles Märchen und düsteres Kammerspiel in der Geschichte um einem unheimlichen Plattenbau, dessen Wände ein böses Eigenleben entwickelt haben. Das Gebäude wird zum Protagonisten – neben einem großartigen Charly Hübner. Der soll als neuer Hausmeister Ordnung in den Wohnblock bringen, dessen Gemäuer, röchelnd, ächzend und schwarz blubbernd, jedes Wort seiner Bewohner mithört – und darauf reagiert. 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2020 | 17:40 Uhr