Szenenfoto ''Die Passagierin''.
Szenenfoto ''Die Passagierin'' Bildrechte: Bühnen Gera / Ronny Ristok)

Oper nach dem Buch der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz "Die Passagierin" am Theater Gera ist ganz große Oper

Spät entdeckt: "Die Passagierin" von Mieczysław Weinberg entstand 1968 nach dem Roman der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz. Die Oper wurde erst 2006 konzertant und 2010 szenisch uraufgeführt. Jetzt hat sich das Theater Gera an die berührende Auschwitz-Thematik herangewagt. Die Geschichte ist tragisch, die Musik ergreifend und zum Teil bedrückend, die Sänger leisten bis in die Nebenrollen Großes. Unser Kritiker ist begeistert – auch wenn der Nachgeschmack ob der Thematik bitter bleibt.

von Michael Ernst, MDR KULTUR

Szenenfoto ''Die Passagierin''.
Szenenfoto ''Die Passagierin'' Bildrechte: Bühnen Gera / Ronny Ristok)

MDR KULTUR: "Die Passagierin" ist immer noch eine Rarität auf den Opernbühnen. Was muss man über das Stück und seinen Verfasser denn wissen?

Michael Ernst: Allein das ist eine lange und tragische Geschichte. Mieczysław Weinberg ist ein in Warschau geborener Jude, der beim deutschen Einmarsch 1939 in Polen nach Moskau floh, dann beim Überfall auf die Sowjetunion weiter gen Osten nach Taschkent ging, rasch sehr eng mit Schostakowitsch zusammenkam, 1953 festgenommen wurde und entweder durch mutige Fürsprache von Schostakowitsch oder wegen Stalins Tod wieder freikam. Er stieß auf den Roman "Die Passagierin", den die Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz nach eigenem Erleben geschrieben hat, schuf 1968 die Oper - und erlebte deren Aufführung nicht mehr.

Weil Weinberg 1996 in Moskau gestorben ist, zehn Jahre vor der konzertanten Uraufführung der "Passagierin". Worum geht es nun in diesem auf realem Geschehen basierenden Werk?

Das Gesicht einer Frau, auf das die Umrisse eines Geländers projiziert sind
Szene aus "Die Passagierin" Bildrechte: TPT Theater und Philharmonie Thüringen GmbH/Ronny Ristoki

Zofia Posmysz hat Ende der 50er-Jahre auf einer Straße in Paris die Stimme einer Frau gehört, die sie an eine Aufseherin aus dem KZ erinnerte. Und fortan stand die Frage, was wäre, wenn sie dieser Frau tatsächlich begegnen würde? In ihrem Roman (und so auch in der Oper) kommt es zu dieser Begegnung auf einem Ozeandampfer, der die Aufseherin Anna-Lisa Franz und ihren Mann, der deutscher Botschafter werden soll, nach Brasilien bringt. Eine Passagierin erinnert die Frau an Magda, eine Gefangene aus dem KZ. Erst daraufhin erzählt sie dem Ehemann von ihrer Vergangenheit – und das Publikum bekommt diese beiden Geschichten von der Überfahrt und aus dem Lager serviert.

Die Oper entstand im Jahr 1968, wie klingt denn diese Musik?

Ergreifend! Bedrückend, betörend, das ganze Spektrum an Emotionen. Weinberg wird oft als Apologet von Schostakowitsch abgetan, was er überhaupt nicht ist. Die beiden haben eine Zeit lang eng zusammengearbeitet – beider Werk ist aber absolut eigenständig. "Die Passagierin" ist mal ganz große Oper, mal kammermusikalisch sensibel, mal brachial melodisch, vor allem in einem Walzer, der sehr unter die Haut geht. Das hat das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter ihrem GMD Laurent Wagner übrigens ziemlich grandios umgesetzt.

Inszeniert hat der Intendant, was ist Kay Kuntze zu dieser Oper eingefallen?

Szene aus der Oper  "Die Passagierin" am Großen Haus Gera.
Szene aus der Oper "Die Passagierin" Bildrechte: Theater und Philharmonie Thüringen GmbH/Ronny Ristok

Er hat gemeinsam mit seinem Ausstatter Martin Fischer das getan, was schon zur UA bei den Bregenzer Festspielen funktioniert hat genauso wie bei der Frankfurter Produktion von Anselm Weber, die 2017 im Beisein von Zofia Posmysz an die Dresdner Semperoper übernommen worden ist. Auf der Drehbühne sieht man ein angedeutetes Schiff mit vielen Treppen und Geländern, im Innern dann das Lagergelände, aus dem es schier kein Entkommen gibt. Eine tödliche Kasernenhofatmosphäre als Kontrast zum Luxusdampfer – und beides ineinander gespiegelt, das hat große Wirkungskraft.

In seiner Regie hat Kuntze ganz auf den Inhalt vertraut – grauenhafte Brutalität der SS-Schergen gegen die mit ihren kahlgeschorenen Köpfen völlig ausgeliefert wirkenden Frauen. Und andererseits die Sucht der Täterin nach Absolution: Ich habe doch nur meine Pflicht getan. Durch die vermeintliche Konfrontation mit einer Überlebenden sieht sie sich als Opfer.

Wie haben denn die Sängerinnen und Sänger ihre Parts bewältigt?

Da müsste ich jetzt mehr als ein Dutzend Namen aufzählen, es gab wirklich keine Abstriche am Spielerischen oder Sanglichen. Bleiben wir also bei den wirklichen Hauptpartien, obwohl auch in den vermeintlichen Nebenrollen Großes geleistet wird. Anne Preuß als Gefangene Marta singt und spielt ergreifend, ihr Ausgeliefertsein, ihr Leiden geht zu Herzen, ohne manieriert zu sein. Eine große Stimme, viel Kraft, auch sensible Empathie – da hat sie sehr überzeugt. Die reisende Ex-Aufseherin hat Annette Schönmüller im ständigen Wechsel von Schiffspassage und KZ-Erzählung gegeben, eine treffliche Charakterstudie. Ihr Mann, der bundesdeutsche Diplomat, wurde von János Ocsovai verkörpert, nicht immer ganz textverständlich, anfangs etwas operettig, aber sehr glaubhaft. Alejandro Lárraga Schleske hat den Tadeusz, Martas Verlobten, gegeben, der mutig Bachs Chaconne geigt, als er dem Lagerkommandanten dessen Lieblingswalzer vorspielen soll. Seine widerständige Humanität hat er auch in der Stimme.

Und so wären noch zahlreiche Mitwirkende zu nennen. Am besten aber, man lässt dieses große Werk selbst auf sich wirken - und verzichtet angesichts der vielen Opfer des deutschen Weltmachtstrebens auf Beifall.

Das Gespräch führt Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Termine: Die nächsten Vorstellungen der "Passagierin" von Mieczysław Weinberg gibt es am 10. und 17. März, am 2. April sowie am 17. und 19. Mai im Großen Haus von Gera

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. März 2019 | 09:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2019, 09:45 Uhr

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