Dialogues des Carmélites, Dialogues des Carmelites, Oper, Nordhausen, Francis Poulenc
Zinzi Frohwein (vorne) singt die Blanche. Bildrechte: Theater Nordhausen/Roland Obst

Opernkritik: "Dialogues des Carmélites" in Nordhausen Karmelitinnen-Drama mit psychologischer Tiefenwirkung

Eine ambitionierte Premiere des Nordhäuser Theaters in seiner Jubiläumsspielzeit. Die Vorlage ist ein reales Ereignis, der Tod der Ordensschwestern von Compiègne unter der Guillotine 1794. André Sittner zu der Premiere.

von André Sittner, MDR KULTUR-Musikexperte

Dialogues des Carmélites, Dialogues des Carmelites, Oper, Nordhausen, Francis Poulenc
Zinzi Frohwein (vorne) singt die Blanche. Bildrechte: Theater Nordhausen/Roland Obst

Am Theater Nordhausen hatte mit Francis Poulencs "Gespräche der Karmelitinnen" am Samstag eine Oper Premiere, die man nicht so häufig auf den Spielplänen findet. Das Stück spielt während der Schlusstage der Französischen Revolution, einige Wochen vor dem Ende des "Grand Terreur".

Zeitlose Inszenierung

Dialogues des Carmélites, Dialogues des Carmelites, Oper, Nordhausen, Francis Poulenc
Manos Kia als Marquis de la Force, Zinzi Frohwein als Blanche und Kyounghan Seo als Chevalier de la Force (vlnr) Bildrechte: Theater Nordhausen/Roland Obst

Es geht um die junge Adelige Blanche de la Force, die inmitten einer Pariser Massenpanik zur Welt kommt, die Mutter stirbt kurz darauf und die junge Blanche trägt dauerhaft panische Angstzustände mit sich herum. Um sich davon zu befreien, tritt sie unter dem Namen "Blanche von der Todesangst Christi" in den Karmel, das Nonnenkloster ein. Sie findet aber auch dort Angst und Zweifel, so bei der alten, todkranken Priorin, die auf dem Sterbebett mit Gott hadert. Sie wird verstört durch die eigentlich lebenslustige Novizin Constance, die sich aber einen jungen Tod mit Blanche zusammen wünscht und schließlich brechen die Wirren der Revolution über das Kloster herein. Und erst ganz am Schluss stellt sich Blanche ihrer Angst.

Inszeniert hat die Oper Katharina Thoma, der von der Kritik regelmäßig bescheinigt wird, recht tief in die Werke einzudringen. In Nordhausen hat sie hat weder den Fehler gemacht, alles historistisch aufzuziehen, noch den, konkrete andere aktuelle Bezüge herzustellen. Sie lässt das Geschehen behutsam zeitlos, wie sie überhaupt versucht, die Problematik allgemeingültig zu fassen, mit ganz spartanischen Mitteln, die aber wirken.

Das Kloster ist nicht explizit als katholisches zu erkennen, das Kreuz taucht nur als Grabstein auf, ansonsten dominieren rechtwinklige Gestänge, die auch mal ein Triptychon-Altarbild andeuten, aber ansonsten eher für die strenge Regelhaftigkeit des Lebens dieser Gemeinschaft stehen. In dem Moment, als die Revolution das Kloster erreicht, gerät diese Gradlinigkeit etwas aus den Fugen. Ansonsten lebt diese Oper von der Personenführung. Sie besteht ja eigentlich hauptsächlich aus Gesprächen. Die einzige größere Aktion ist tatsächlich erst die Hinrichtung.

Vielschichtige Figuren

Man merkt, dass Thoma eine musikalische Ausbildung hat. Da gibt es nicht das gängige Wälztheater, sie führt die Personen von der ersten Szene an, diesem Kammerspiel im Hause La Force, als es darum geht, ob Blanche ins Kloster geht oder nicht. Dann großartig: diese Qualen und Verzweiflung der sterbenden Priorin, Judith Christ hat das toll gemacht. Sie will eigentlich die junge Blanche zu Gott führen, zweifelt aber selbst an ihm.

Es gibt weiterhin die junge Constance, die zwischen herzlicher Fröhlichkeit und Todessehnsucht schwankt, die strenge Subpriorin, die den Nonnen das Märtyrergelübde abnimmt, es selbst aber nicht erfüllen kann und daran verzweifelt, die neue Priorin, die bei ihrer Antrittsrede durch Einfältigkeit enttäuscht und bei den Schwestern für Stirnrunzeln sorgt, dann aber im Konflikt zur großen menschlichen Trösterin und wahren Anführerin der Gemeinschaft wird.

Und da ist schließlich Blanche selbst, die das Klosterleben nicht versteht, und merkt, dass ein gewisser Eifer allein nicht reicht - die dann die Klostergemeinschaft sogar kurzzeitig verrät, indem sie flieht und doch am Schluss beim letzten Gang aufs Schafott dann doch zurückkehrt.

Subtile Darstellung und starke Bilder

Dialogues des Carmélites, Dialogues des Carmelites, Oper, Nordhausen, Francis Poulenc
Klare Linien bestimmen das Bühnenbild Bildrechte: Theater Nordhausen/Roland Obst

All das hat Thoma ohne Pathos, ohne Übertreibungen, subtil und feinfühlig dargestellt. Ebenso, wie die Verweise auf Aktualitäten nur ganz subtil sind: die Kommissare der Revolution erscheinen als Uniformierte eines totalitären Regimes, ihre Knechte als eine Art Freischärlergestalten, wie sie heute in allen Konflikten der Welt zu finden sind. Und der Mob bleibt gesichtslos, verschwommen hinter einem Vorhang - Terror ist Terror, ideologische Verblendung bleibt Verblendung, ob von rechts oder links.

Die Karmelitinnen müssen sich ja dann auch ihrer Tracht entledigen und bekommen von den Pseudo-Revolutionären Kleider. Die sind aber bewusst albern und unpassend, "prollig" würde man vielleicht sagen. Und dennoch bewahren die Frauen ihre Würde und ihre gemeinschaftlichen Regeln. Eine tolle Idee.

Ein großes Bild dann am Schluss, ein überdimensionales Schafott, das die ganze Person auslöscht, aus der Welt schlägt gleichsam. Als dann nur noch die fröhliche Constance übrig ist, tritt quasi aus der nicht sichtbaren Menge Blanche dazu, als letzte Märtyrerin und nimmt den Gesang der Ermordeten auf. Das sind in der Tat starke Bilder, die das Publikum auch beeindruckt haben.

Kurzfristiger Ersatz mit Bravour

Die musikalische Gestaltung war auch alles aller Ehren wert. Die musikalische Leitung lag bei Michael Helmrath, dazu ein gut aufgestelltes Ensemble. Die Damen haben das sehr gut gemacht - Judith Christ als alte Priorin wurde schon erwähnt, die Holländerin Zinzi Frohwein, die die schwere Partie der Blanche gut bewältigt hat, darstellerisch manchmal aber etwas zurückgenommen wirkte. Anja-Daniela Wagner mit starkem Auftritt auch stimmlich, als Subpriorin. Und vor allem die Französin Faustine de Monés - die ganz kurzfristig eingesprungen war und eine Glanzleistung ablieferte, sowohl sängerisch, als auch durch ihre Spielfreude.

Die Männer blieben etwas blasser, das sind aber auch allesamt Nebenrollen. Selbst Kyunghan Seo als Bruder von Blanche, der sie aus dem Kloster holen will, blieb eher dünn, auch sängerisch.

Michael Helmrath hatte das am Pult auch gut im Griff, diese kleingliedrige, zwar tonale, aber doch ständig modulierende und stimmungswechselnde Partitur. Das war fast immer eine gute Balance zwischen Sängern und Orchester, ein paar kleine Kiekser drin, ein paar Nachlässigkeiten bei den Bläsern - das ist aber haarspalterisch, das jetzt aufrechnen zu wollen.

Man hat mehrere Vorhänge gefordert und insbesondere auch die Regie beklatscht. Insgesamt ein beeindruckender Opernabend und auch für das Publikum im leider nicht voll besetzten Haus.

Für mich hat das wieder mal gezeigt, dass man auf einer vermeintlichen Provinzbühne oft weit weniger Provinz findet, als auf mancher großen.

André Sittner

Zur Aufführung: "Dialogues des Carmélites" Oper in drei Akten (12 Bildern) von Francis Poulenc
Dichtung vom Komponisten nach Georges Bernanos
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Vorstellungen:
02.02.2018 | 19:30 Uhr | Theater Nordhausen, Großes Haus
04.02.2018 | 18:00 Uhr | Theater Nordhausen, Großes Haus
18.02.2018 | 14:30 Uhr | Theater Nordhausen, Großes Haus
07.03.2018 | 15:00 Uhr | Theater Nordhausen, Großes Haus
24.03.2018 | 19:30 Uhr | Theater Nordhausen, Großes Haus

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2018, 09:30 Uhr

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