Eine Sängerin auf einer Bühne
Stephanie Krone als "Katja Kabanowa" in Radebeul. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Opernkritik "Katja Kabanowa" – Janáčeks selten aufgeführtes Meisterwerk in Radebeul

Leoš Janáček Oper "Katja Kabanowa" nach dem Drama "Das Gewitter" von Alexander Ostrowski wird nur selten aufgeführt. Jetzt ist sie an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul zu erleben, inszeniert von Sebastian Ritschel. MDR KULTUR-Kritiker Boris Michael Gruhl findet, es war höchste Zeit, dass man dieses Meistwerk wieder erleben kann.

Eine Sängerin auf einer Bühne
Stephanie Krone als "Katja Kabanowa" in Radebeul. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Katja Kabanowa ist eine junge Frau, die nur noch in poetischen Träumen ihre jugendliche Unbeschwertheit beschwören kann. Denn sie lebt in der Enge einer russischen Provinzstadt an der Wolga um 1860 in liebloser Ehe mit einem schwachen Mann, der ebenso wie sie von seiner herrschsüchtigen Mutter dominiert wird. Während er geschäftlich unterwegs ist, kann Katja der Versuchung nicht widerstehen, sich mit Boris zu treffen, einem jungen Mann, dessen geistige Interessen ebenso wie ihre weit über die engen Grenzen des Lebens hier hinaus gehen.

Der darauf folgenden Not ihres Gewissens kann Katja nicht entkommen. Wie eine Naturgewalt bricht in einem Gewitter ihre Ehrlichkeit aus ihr heraus, sie gesteht ihrem Mann und dessen Mutter dass sie mit Boris zusammen war. Auch er ist letztlich schwach, entflieht und Katja folgt ihren inneren Stimmen und den Klängen des Flusses. Dieser nimmt sie auf – sie nimmt sich das Leben: Sterben, wenn man das Leben fühlt, davon hatte sie gesungen.

Feinfühlige Musik, die Einsamkeit widerspiegelt

Die Elbland Philharmonie Sachsen unter der Leitung von Ekkehard Klemm bringt Janáčeks Partitur mit bestem Gespür für die so sensiblen, lyrischen Feinheiten dieser Komposition zum klingen, deren Dramatik nicht brutal auftrumpft, sondern immer zum klingenden Widerschein der in ihren Einsamkeiten unglücklichen Menschen wird. Dieses feinsinnige Musizieren, lässt einen schon mal an die melancholische Zuneigung denken, die später Tschechow seinen einsamen Menschen zukommen lässt.

Ekkehard Klemm gibt da mit dem Orchester eben nicht nur ein klingendes Fundament, er lässt aus feinsten Pianopassagen, wie der des Vorspiels, Bilder aufsteigen, die sich dann in der Bildhaftigkeit dessen, was wir auf der Bühne sehen, widerspiegeln.

Szenenbild aus 'Katja Kabanowa' in Radebeul
Szenenbild aus "Katja Kabanowa" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Poetisches Bühnenbild

Bühnengestalter Stefan Wiel nimmt diese Dramatik, diesen Fluss der Musik auf. Da gibt es ein zunächst sehr poetisch wirkendes Bild des Flusses mit scheinbarer Weite einer idealisierten Natur. Ein Trugbild. Das ist in gewisser Weise auch wie ein Film in den Köpfen dieser allesamt vor sich selbst und der sie umgebenden Enge fliehen wollenden Menschen. Das Gegenbild ist das der Realität, ein Tunnel aus harten Holzbalken, auswegloser Kerker der Gefühle. 

Im Regen des Gewitters wird aus dem Fluss eine Dreckpfütze. Nicht mal die Kraft der Natur kann hier reinigen. Emotionen sind fehl am Platze, eine Tote unter den lebenden Leichnamen und doch ein Zeichen der Hoffnung, zwei junge Menschen wagen es, zu fliehen.

Inszenierung zeigt keine nur guten oder nur bösen Menschen

Regisseur Sebastian Ritschel nimmt mit höchster Aufmerksamkeit diese zeitlose Unerbittlichkeit der Musik aber auch ihre poetischen Hoffnungsklänge auf. Er nimmt die Räume der Bilder an als die Räume innerer Gefangenschaften der Menschen oder auch als Lichtblicke, diese aufzubrechen. Er arbeitet in der Führung und Zuordnung der Personen mit den dramatischen Prinzipien von Nähe und Distanz.

Es gibt keine vordergründige Aktualisierung, etwa durch Zeitgeistkostüme. Hier hat Stefan Wiel als Ausstatter stilisierte Kostüme geschaffen, ausschließlich in den Farben schwarz und weiß. Bei Katja und bei Boris überwiegen unter den schwarzen Verhüllungen weiße Stoffe. – Und das findet seine Korrespondenz in der Inszenierung, die keine guten oder bösen Menschen zeigt. Die Empathie gilt allen, und gerade das ist nicht immer leicht auszuhalten. Und eben auch eine Frau wie Kabanicha, eine Witwe, hat nicht nur keifende Töne, sondern auch sanfte in der Wärme ihres dramatischen Mezzosoprans.

Szenenbild aus "Katja Kabanowa" - Premiere der Landesbühnen Sachsen in Radebeul
Szenenbild aus "Katja Kabanowa" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Starke Solistinnen und Solisten

Stephanie Krone singt die Titelpartie der Katja Kabanowa. Diese wahrhaft fordernde Partie hat die zarten Töne ihrer Sehnsüchte und Träume, hat die Melancholie der Einsamkeit, aber auch kraftvolle Auf- und Ausbrüche – am Schluss gar den Anflug erlösenden Wahns einer Ophelia, die den versöhnlich lockenden Stimmen des Flusses folgen muss.

Alle Partien stellen hohe Ansprüche: Sebastjan Podbregar singt den Boris – seine Dramatik bleibt immer lyrisch grundiert. Mit starkem charakterlichem Ausdruck gibt Kay Frenzel die Widersprüchlichkeit des Ehemannes der Katja, ebenso beindruckt Paul Gukhoe Son als Kaufmann Dikoj und Karatzyna Wlodarzyk und Edward Lee sind die jugendlichen Hoffnungsträger, die es schaffen dürften, über diesen Fluss des toten Lebens zu gelangen. Insgesamt kann man nur staunen über dieses Ensemble an den Landesbühnen mit tollen Leistungen im Spiel und im Gesang.

Angaben zur Oper "Katja Kabanowa" an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul: Oper in drei Akten von Leoš Janáček (Musik und Libretto)
nach dem Drama "Das Gewitter" von Alexander Ostrowski
in deutscher Übersetzung von Alena Wagnerová und Ute Becker

Adresse:
Landesbühnen Sachsen
Meißner Str. 152
01445 Radebeul

Mitwirkende:
Musikalische Leitung: Ekkehard Klemm
Es spielt die Elbland Philharmonie Sachsen
Inszenierung und Licht: Sebastian Ritschel
Ausstattung Stefan Wiel

Nächste Aufführungen:
30. Mai 2019, 19:00 Uhr, Landesbühnen Sachsen Radebeul (Hauptbühne)
9. Juni 2019, 19:00 Uhr, Landesbühnen Sachsen Radebeul (Hauptbühne)
24. Januar 2020, 20:00 Uhr, Landesbühnen Sachsen Radebeul (Hauptbühne)
26. Januar 2020; 15:00 Uhr, Landesbühnen Sachsen Radebeul (Hauptbühne)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2019, 13:10 Uhr

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