Operettenkritik Mutige Gratwanderung: "Der Zigeunerbaron" am Theater Magdeburg

Die Operette "Der Zigeunerbaron" von Johann Strauß gehört zu den großen Kassenschlagern. Aber funktioniert so ein Werk überhaupt noch in Zeiten, in denen Klischees über Minderheiten wie Sinti und Roma eher peinlich sind? Das Theater Magdeburg hat sich an eine Neuinszenierung gewagt. MDR KULTUR-Theaterkritiker Matthias Käther war bei der Premiere dabei und geriet ins Schwärmen.

Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg
Gelungene Inszenierung einer umstrittenen Operette: "Der Zigeunerbaron" am Theater Magdeburg Bildrechte: Nilz Böhme

Wie merkwürdig das wirre und irre Libretto auch sein mag, dieses Alterswerk des Walzerkönigs Johann Strauß hat es in sich. "Der Zigeunerbaron" ist seine musikalisch komplexeste und feingesponnenste Operette, wahnsinnig gut instrumentiert, vollgestopft mit großen Ensembles, ganz viele emotionale Farben und Schattierungen, musikalisch ein großer Wurf, weil das glücklicherweise zunächst gar nicht als Operette gedacht war, sondern von der Wiener Hofoper bestellt, Strauß hat also alles gegeben, und obwohl dann noch ein paar weitere Operetten folgen, kann man schon sagen, das ist sein musikdramatisches Meisterwerk.

Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg
"Der Zigeunerbaron" ist ein musikalisches Meisterwerk von Johann Strauß Bildrechte: Nilz Böhme

Heute umstrittene Operette

Doch das Werk steht in neuerer Zeit auch immer wieder in der Kritik als klischeehaft und kriegsverherrlichend. Nicht ganz zu Unrecht, aber wir dürfen nicht vergessen – vor den Greueln der beiden Weltkriege sah man im 19. Jahrhundert kein Problem darin, das Kriegerische unproblematisch zu inszenieren, das gibt es auch in weitaus anerkannteren Opern wie dem "Troubadour" oder der "Regimentstochter". Die Sinti und Roma sind hier erstaunlich positiv gezeichnet, sie sind im Grunde die einzig ehrlichen und echt leidenschaftlichen Menschen in dem Werk, und musikalisch kommen sie äußerst liebevoll und gar nicht klischeehaft rüber, es lohnt sich durchaus, nicht nur auf den Text zu hören, sondern auch auf die Noten.

In Anführungszeichen präsentiert

Trotzdem ist es schwer, diese Operette heute eins zu eins auf die Bühne zu bringen. Die Regie hat sich hier eine ganze Menge einfallen lassen, vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Regisseur Tobias Heyder hat eine mutige Gratwanderung versucht, nämlich einerseits das Werk so wenig wie möglich zu beschädigen und es trotzdem quasi in Anführungszeichen zu präsentieren, als Stück im Stück – super Idee, die auch über weite Strecken aufgeht, auch wenn es scheint, dass sich der Abend manchmal in einer surrealen Welt verheddert, wo niemand mehr so recht weiß, was echt ist oder nicht.

Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg
Wabernde Nebel und protzige Uniformen – das Bühnenbild von Pascal Seibicke Bildrechte: Nilz Böhme

Die Operette wird in einem leicht abgeranzten Kabarett geprobt, das aussieht eine Bar aus der Czardasfürstin nachts um Vier – ein Haufen Operettenpomp wird aufgeboten, bleibt aber doch trotz lebendigem Ballett, wabernden Nebeln und protzigen Uniformen sonderbar abgehalftert und verlebt, also tolle Bühne von Pascal Seibicke. Die wichtigste Erfindung der Regie ist aber die kleine Rolle des "Conte Carnero", der schon im Original satirisch überzeichnet ist, zur "Conférencière" auszubauen. Susi Wirth spielt den schön androgyn, wenn auch mit schrecklicher Singstimme, und fasst die Handlung größtenteils knapp zusammen. Das ist wunderbar, denn so schafft die Regie Platz für einen musikalisch fast vollständigen "Zigeunerbaron", erfreulich viel Musik und knappe Sprechpassagen.

Szenenbild aus "Der Zigeunerbaron" Theater Magdeburg
In Magdeburg ist die komplette Operette zu hören – was selten vorkommt Bildrechte: Nilz Böhme

Denn was bei dieser Operette oft so belächelt wird, ist meist nur ein zusammengehauenes Stück mit Schweinefürst-Couplet hier und Schlachten-Geschwindmarsch da. Viele große, weitausholende, durchkomponierte Passagen fallen dem Rotstift zum Opfer, genau wie einige der witzigsten Couplets. Hier muss man wirklich schwärmen, was für ein Mut und eine musikalische Leistung, in Magdeburg einen unverstümmelten, musikalisch fast vollständigen Zigeunerbaron zu zeigen und so dem Komponisten wirklich gerecht zu werden. Das ist gestern Abend auch ein bisschen gegen den Publikumsgeschmack durchgesetzt worden, viele schauten nach dem zweiten Akt auf die Uhr und wirkten ziemlich ungehalten, nun noch einen weiteren Akt sehen zu müssen. Doch dazu kann man nur gratulieren.

Musikalisch gelungen

Über weite Strecken wurde gut gesungen, einziger Schwachpunkt war vielleicht der dänische Tenor Anders Kampann als "Sandor Barinkay" in der Titelrolle, eine schöne, aber eigentlich in diesem Operettenschlachtgetümmel viel zu leise Stimme. Er profitierte deutlich von der leicht reduzierten Orchesterfassung – aber er fiel vielleicht auch nur deshalb im Volumen aus dem Rahmen, weil der Rest des starken Ensembles etwas in den Hintergrund trat. Stephanos Tsirakoglou war als "Schweinefürst" souverän, stimmstark aber nie zu albern, Hyejin Lee hatte den schwierigen Part der koloraturfreudigen "Arsena" und hat sich in dieser Rolle wacker geschlagen, und Star des Abends war eindeutig der dunkle Sopran von Noa Danon als "Saffi", der es gelungen ist, ihrer Rolle ein opernhaftes Pathos zu verleihen, das dem Werk gut bekommen ist.

Dirigent Pawel Poplawski hat das Werk am Dirigentenpult gut zusammengehalten und vorangetrieben – das ist schon eine heroische Leistung in Corona-Zeiten, das Publikum vergessen zu lassen, dass ihm nur ein verkleinertes Orchester zur Verfügung steht, aber genau das ist ihm gelungen.  

Angaben zum Stück "Der Zigeunerbaron"
Operette in drei Akten von Johann Strauß
Theater Magdeburg

Musikalische Leitung: Pawel Poplawski
Regie: Tobias Heyder
Bühne: Pascal Seibicke
Kostüme: Janine Werthmann
Choreografie: Kerstin Ried
Dramaturgie: Thomas Schmidt-Ehrenberg
Mit: Susi Wirth, Marko Pantelić, Johannes Wollrab, Anders Kampmann
Stephanos Tsirakoglou, Hyejin Lee,
Emilie Renard, Karina Repova, Benjamin Lee, Katharina von Bülow,
Noa Danon, Bartek Bukowski

Kommende Termine:
1. November, 16 Uhr
7. November 19:30 Uhr
29. November, 18 Uhr

Oper und Operette in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Oktober 2020 | 13:10 Uhr