Thomas Bauer-Friedrich
Thomas Bauer-Friedrich ist Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in halle Bildrechte: imago/Felix Abraham

Debatte Wie gehen ostdeutsche Museen mit DDR-Kunst um?

Auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall wird diskutiert, wie man mit dem künstlerischen Erbe der DDR-Zeit umgehen soll. MDR KULTUR hat darüber mit Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg, gesprochen.

Thomas Bauer-Friedrich
Thomas Bauer-Friedrich ist Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in halle Bildrechte: imago/Felix Abraham

Auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer wird diskutiert, wie man mit dem künstlerischen Erbe der DDR-Zeit museal umgehen soll. Im Herbst 2017 wurde lebhaft debattiert, wieviel Platz ihr im Dresdner Albertinum eingeräumt werden solle. Deren Leiterin wurde vorgeworfen, DDR-geprägte Kunst systematisch aus den Ausstellungsräumen zu verbannen.

Walter Womacka (1925-2010) - Am Strand II o.J., unsigniert, Öl - Leihgabe von Hanny Womacka für die Daueraustellung des Freundeskreises Walter Womacka e.V.
"Am Strand" von Walter Womacka Bildrechte: Thomas Fröhlich/Galerie Holger John

Auch  im halleschen Kunstmuseum Moritzburg ist der Umgang mit DDR-Kunst ein Thema. Dort findet am 18. April eine Diskussion mit Leitern ostdeutscher Museen zum Thema "Zum Umgang mit der Kunst in der sowjetischen Besatzungszone/DDR" statt. Im Gespräch sind Thomas Bauer-Friedrich (Moritzburg-Direktor, Halle), Hilke Wagner (Leiterin des Albertinums Dresden), Alfred Weidinger (Direktor des Museum der bildenden Künste Leipzig) und Ortrud Westheider (Leiterin des Museums Barberini in Potsdam).

MDR KULTUR war mit Thomas Bauer-Friedrich vom Kunstmuseum Moritzburg zum Thema im Gespräch:

MDR KULTUR: Was ist denn eigentlich Kunst aus der DDR? Welche Künstler zählen dazu? Die Aushängeschilder, die die Propaganda gemacht haben, die Außenseiter, die Gegenkulturvertreter, die Einzelgänger?       

Thomas Bauer-Friedrich, 2015
Thomas Bauer-Friedrich Bildrechte: dpa

Thomas Bauer-Friedrich: Deswegen nenne ich es auch bewusst Kunst in oder aus der DDR und nicht einfach DDR-Kunst, denn wir zeigen nicht DDR-Kunst sondern die vielfältigen Facetten und Möglichkeiten, die es ja fürwahr auch gab, in der DDR Kunst zu üben. Und insofern gehören für mich natürlich ganz selbstverständlich die sogenannten offiziellen Positionen wie Willi Sitte, wie Willi Neubert, wie Tübke, Mattheuer dazu. Aber natürlich auch all die vielfältigen, verschiedenen anderen Positionen einer sogenannten nichtoffiziellen oder alternativen Kunstausübung, die in Auseinandersetzung mit der westeuropäischen, westlichen Moderne ihre eigenen Positionen gefunden haben. Abstrakte Positionen, Pop-Art-Künstler, so Wasja Götze hier aus Halle, Hans Ticha genauso wie aus Dresden Karl-Heinz Adler mit seinen konstruktiven Arbeiten. Also das breite Bild der Möglichkeiten der Kunstausübung in der DDR. Das ist das, was wir in unserer Ausstellung zeigen.

Und die Ausgereisten: Gerhard Richter, Einar Schleef … Zählen die auch noch dazu?

A. R. Penck
A. R. Penck Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv/Fernsehen der DDR

Auch die gehören dazu, zumindest mit diesen Arbeiten, die im Kontext des Kunstsystems entstanden sind. Wir haben eine Arbeit, ein Selbstporträt aus den späten 70er-Jahren von Penck in unserer Präsentation. Wir haben ein Werk von Einar Schleef in die Präsentation aufgenommen, um auf diese Art und Weise natürlich auch auf die Ausdünnung des Kunstsystems in der DDR aufmerksam zu machen. Wir haben auch überall kontextualisiert, was mit den Künstlern, mit ihren Biografien geschehen ist.

Wie ist das, wenn sich ein Kunstmuseum mit der DDR-Zeit beschäftigt? Muss man dann nicht auch Kunstwerke zeigen, die vielleicht nicht den hohen künstlerischen Wert haben aber eben Zeitgeschichte, Kontext, die propagandistische Absicht des staatlich verordneten Realismus deutlich machen?

Das ist für mich ein ganz, ganz klares "Ja". Das war auch mein großes Plädoyer, als wir intern darüber diskutiert haben, wie wir diesen neuen Präsentationsbereich einrichten werden. Denn mir geht es nicht darum, weiter diese alte schwarz-weiß-Malerei zu betreiben und in Form von Sonderpräsentationen mal die einen und mal die anderen zu zeigen … dann ist alles wieder weg.

Aber ich finde, wir sind in der Verantwortung, die Werke zu zeigen. Sie nicht wegzusperren und das Publikum einzuladen, sich ein eigenes Urteil zu bilden, mit uns gemeinsam, wie in Form einer solchen Podiumsdiskussion zu diskutieren.

Willi Sitte
Willi Sitte Bildrechte: dpa

Deswegen sind in unserer Sammlungspräsentation auch ganz selbstverständlich Arbeiten wie "Der Chemiearbeiter am Schaltpult" von Willi Sitte zu sehen, bis hin aber auch zu einer ganz malerischen Position im gleichen Umgang, nämlich "Industrie- und Arbeiterdarstellung" von Gerhard Schwarz, auch er aus Halle stammend, der eine Buna-Landschaft gemalt hat. Die kann man auf der einen Seite ganz aufgrund ihrer malerischen Qualität genießen. Gleichzeitig steckt natürlich auch aufgrund ihrer Farbigkeit - es ist eine große, braune, fast monochrome Malweise oder Darstellung - eine Umweltkritik drin. Es ist eine Wirtschaftskritik in dem damaligen System gewesen.

Sie sind selber in Dessau geboren und in der DDR groß geworden. Wie erklären Sie sich, dass diese Debatte um DDR-Kunst im Museen noch 2018 so emotional geführt wird?

Ich glaube, die Debatte im letzten Herbst in Dresden, oder auch über Dresden hinaus in unserer Region, hat ja gezeigt, dass letztendlich die Frage des Umgangs mit der Kunst nur ein Vorwand oder ein Vehikel war.

Bernhard Franke, Jungintelligenz in der Chemie
"Jungintelligenz in der Chemie" von Bernhard Franke, entstanden Ende der 60er-Jahre Bildrechte: imago/Werner Schulze

Es ist natürlich nach wie vor - leider muss ich sagen, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer - immer noch eine starke Ost-West-Debatte, die damit verbunden ist. Die Zugänge sind unterschiedliche, die Sichtweisen unterschiedliche.

Das Publikum, aber auch wir als Verantwortliche in den Direktorenpositionen sind unterschiedlich, auch emotional mit diesem Thema verbunden. Und das ist meine große Hoffnung oder mein Apell auch an die Diskussion am Wochenende, dass es auf einer sachlichen Ebene diskutiert wird. Ich denke, es wird die nächsten Jahre auch noch emotional und bewegt bleiben. Aber vielleicht können wir als Kunstmuseen auch einen kleinen Beitrag dazu leisten zum Thema Identitätsbildung. Denn das hat für mich etwas ganz starkes mit diesem Thema zu tun. Und zu einer Versachlichung über solche Diskussionsprozesse zu kommen.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2018, 20:20 Uhr

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