Zwei Mädchen spazieren durch den Wald.
Was hat Gehen mit Erkenntnis zu tun? Bildrechte: Colourbox.de

Rituale Was Osterspaziergänge mit Erkenntnis zu tun haben

Spaziergänge sind eine beliebte Ostertradition. Für viele ist das Gehen in der Natur ein Ritual – ganz unabhängig davon, ob er oder sie religiös ist oder nicht. Doch was hat Gehen mit Erkenntnis zu tun? Um diese Frage zu beantworten, war unsere Autorin Doris Kothe mit einem Theologen und einem Spaziergangforscher unterwegs.

von Doris Kothe, MDR KULTUR-Autorin

Zwei Mädchen spazieren durch den Wald.
Was hat Gehen mit Erkenntnis zu tun? Bildrechte: Colourbox.de

Die Ostergeschichte, die von der Auferstehung Jesu erzählt, ist eine Geschichte, in der auffällig viel gegangen wird – und dieses Gehen ist am Ende mit einer Erkenntnis verbunden. Ob es Maria Magdalenas Gang zum Grab Jesu ist oder der Weg zweier Jünger nach Emmaus: In der Bewegung erkennen Maria und die Jünger den auferstandenen Jesus. Wie sind die Zusammenhänge zwischen Gehen und Erkenntnis?

Bertram Weisshaar ist Künstler und Landschaftsplaner – und einer der wenigen Spaziergangforscher des Landes.  "Wenn man über mehrere Tage wandert, dann ist das so, wie wenn man Fenster aufmacht", sagt er. "Wie wenn die Haut dünner wird und viel offener, sensibler für die Umgebungseindrücke."

Weisshaar ist von Aachen nach Zittau gewandert. 1.200 Kilometer, auf denen er längst vergessene Geräusche aus der Kindheit hört, grasende Rinder und Ziegen zum Beispiel: "Es kommen Dinge wieder in die Welt zurück, die immer irgendwie da waren, aber wenn man zu viel fährt, tauchen sie in der eigenen Welt nicht mehr auf."

Atheistisches Pilgern

Der Forscher lässt beim Gehen auch die zerstörte Natur nicht aus: Braunkohletagebaue, Abraumhalden. Sein Wandern bezeichnet Weisshaar als "atheistisches Pilgern". Gehen führt zu Erkenntnissen, aber die kommen nicht automatisch. Eine Stunde Spazierengehen bringt nicht unbedingt eine gute Idee: "So funktioniert es leider nicht. Gehen ist eine Einladung an den Zufall, man muss eben auch offen sein."

Unterwegs waren auch die Jünger Jesu nach dessen Hinrichtung am Kreuz. Sie machten sich auf und begegneten – ganz unerwartet – dem Auferstandenen. Maria von Magdala als erste, als sie das Grab Jesu aufsucht. Dort trifft sie auf einen Unbekannten, in dem sie erst nach einer Weile den auferstandenen Jesus Christus erkennt. Im Lukasevangelium wird dann auch noch von zwei weiteren Jüngern erzählt, die nach Emmaus gehen. Auf der Straße kommen sie mit diesem seltsamen Mann ins Gespräch, der noch nichts von der Hinrichtung Jesu gehört haben will.

Gehen steht am Anfang der Erkenntnis

Peter Zimmerling
Peter Zimmerling Bildrechte: IMAGO

Erst als er das Brot teilt, erkennen sie Jesus in ihm. In beiden Geschichten steht am Anfang der Erkenntnis das Gehen. Peter Zimmerling, Theologe an der Uni Leipzig, sagt dazu: "Das soll wahrscheinlich bedeuten, dass Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mitten im Alltag, in ihrer Bewegung, begegnet. Nicht in einem besonders feierlichen Moment der Stille, etwa in der Kirche, sondern mitten in der Lebenswirklichkeit, mit allen Spannungen und Schwierigkeiten."

Aber warum ist es ausgerechnet das Gehen, das zur Erkenntnis hilft? Zimmerling sagt, gerade bei tieferen Erkenntnissen bedürfe es eines Weges, eines Anlaufs. "Das geht nicht so: Ich nehm‘s mir jetzt vor, und dann hab ich die Erkenntnis", so der Theologe.

Gehen und Aufbruch

Gehen kann zum Aufbruch werden – der im Übrigen immer wieder aufs Neue gewagt werden kann. Zimmerling erzählt, dass er nach dem Tod seines Vaters den Glauben an die Auferstehung verloren hatte. Er verbrachte ein Osterfest in der Oberlausitz bei den Herrnhutern. Nach dem Gottesdienst am Ostermorgen ging die Gemeinde auf den Friedhof. Dort wurden die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres verlesen.

"Die Sonne ging auf und ich habe mir erlaubt, den Namen meines Vaters im Geiste mit zu nennen", so Zimmerling. "Das hat mir geholfen, zum Auferstehungsglauben zurückzufinden." Ob Glaube, Erkenntnis oder die gute Idee: Sie entstehen auf dem Weg, für die, die sich aufmachen. Nicht nur zu Ostern.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. April 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen

Abonnieren