Glückliche Mutter mit ihrem Kind
Eine Ostfrau bringt mühelos Kinder, Beruf und Haushalt unter einen Hut. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Zum Internationalen Frauentag Dreiteilige Doku geht dem Mythos "Ostfrau" auf den Grund

Selbstbewusst, unabhängig und erfolgreich, so lauten die Attribute der Ostfrau. Ihr Mythos hat auch 30 Jahre nach der Wende nichts an Ausstrahlung verloren. Die dreiteilige Dokumentation "Ostfrauen" von Antje Schneider und Lutz Pehnert ist kurzweilig, handwerklich gut gemacht, inhaltlich klar ausgerichtet: Frauen in der DDR konnten alles sein. Heute reden sie nicht vom Emanzipiert-Sein, sie sind es. Das System DDR wird im Film jedoch nicht kritisch hinterfragt.

von Claudia Bleibaum, MDR KULTUR-Redakteurin

Glückliche Mutter mit ihrem Kind
Eine Ostfrau bringt mühelos Kinder, Beruf und Haushalt unter einen Hut. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Der 8. März ist Internationaler Frauentag. Im Osten kennt diesen Tag jeder, im Westen nicht unbedingt. In Berlin ist der 8. März seit diesem Jahr sogar ein Feiertag. MDR und RBB zeigen eine dreiteilige Dokumentation mit dem Titel "Ostfrauen". Sie widmet sich verschiedenen Aspekten des Themas:

"Wege zum Glück" (1/3) fragt nach der Besonderheit der Ostfrauen in Bezug auf die Erwartungen und Träume ans Leben. "Wege zur Macht" (2/3) porträtiert ostdeutsche Politikerinnen und "Weg vom Herd" (3/3) zeigt die zentrale Bedeutung der Arbeit für die Frauen im Osten: Arbeit, die ihnen Selbstvertrauen und durch finanzielle Unabhängigkeit die Freiheit gibt, selbst im Leben zu entscheiden.

Der Mythos der Ostfrau hat immer noch Ausstrahlung

DDR - Models zeigen die neueste Damenmode.
DDR - Models zeigen die neueste Damenmode Bildrechte: imago/Frank Sorge

Es klingt wie ein Slogan: "Selbstbewusst, unabhängig und erfolgreich". Attribute der Ostfrau, der Mythos, der auch 30 Jahre nach der Wende an Ausstrahlung nichts verloren hat. Im Gegenteil: Eine aktuelle Erhebung, die Teil der Recherche für die Dokumentation ist, zeigt, dass die Ostfrauen auch im vereinten Deutschland erfolgreich sind, sagt Studienleiter und Produzent Olaf Jacobs: "Die Zahlen zeigen ganz deutlich, dass das zumindest anders ist, als bei den Menschen mit einer westdeutschen Biographie. Wir haben die großen gesellschaftlichen Bereiche angeguckt, wir haben nach Politik geschaut, nach Justiz und nach Wirtschaft."

Was schon auffällig war, dass natürlich insgesamt nach wie vor die Ostdeutschen stark unterrepräsentiert sind in den deutschen Eliten, innerhalb dieser Gruppe der Ostdeutschen ist dann aber der Frauenanteil höher, als bei denen mit westdeutscher Biographie.

Olaf Jacobs, Produzent

Wissenschaftler sprechen von einem "Gleichstellungsvorsprung". Zur Wende waren Frauen in der DDR gleichberechtigter als Westfrauen und blieben es. Auch als viele ihren Job verloren, kämpften sie weiter um ihre finanzielle Unabhängigkeit.

Das Wort "Emanzipation" ist im Osten weniger geläufig

Die dreiteilige Dokumentation macht sich mit 18 Protagonistinnen auf die Suche nach Antworten. Mit dem Wort Emanzipation können viele Ostfrauen wenig anfangen.

Ostfrauen über Emanzipation: "Das Wort Emanzipation ist bestimmt nicht bei uns gewachsen, ich weiß es nicht, es war nicht meins, wir waren es einfach."
Rosemarie Sochor, Lehrerin aus Thüringen

"Bei uns hieß es dann immer: ne 'Emanze'. Das wollte ich nicht sein, das war mir zu wenig Frau."
Käthe Niederkirchner, Kinderärztin und ehemalige Volkskammerabgeordnete

"Ich hab über Emanzipation in der DDR nicht wirklich tief nachgedacht. Ich habe mich als Frau in der DDR nie wirklich benachteiligt gefühlt."
Regine Sylvester, Journalistin

30 Jahre nach Wende immer noch Ostfrau versus Westfrau

Arbeit
Eine Ostfrau bei der Arbeit Bildrechte: IMAGO/Ulrich Hässler

Die westdeutsche Frauenbewegung und die emanzipierte Ostfrau finden auch 30 Jahre nach der Wende nicht zueinander, dabei gäbe es gemeinsam eine Menge zu tun im vereinten Deutschland. Auch die MeToo-Debatte wird in Ost und West anders geführt. Aber diesen Diskurs spart die Dokumentation weitestgehend aus. Ebenso die kritische Auseinandersetzung mit dem System DDR. Im Vordergrund steht die gleichberechtigte, finanziell unabhängige Frau, die sich auch ihre Männer aussuchte.

Gunda Röstel, Unternehmerin und frühere Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen sagt: "Ich hätte keinen anderen Mann geheiratet, ehrlich gesagt. Wenn ich nicht gedacht hätte, das geht mit dem, dass wir das gemeinschaftlich machen, und dass wir auch eine gemeinschaftliche Verantwortung tragen, und dass nicht nur ich es bin, die die Kinder in den Kindergarten bringt oder abholt oder Windeln wechselt oder nachts auch mal aufsteht."

Frauen in der DDR konnten alles sein

FDJ
Junge Frauen in der FDJ (Freie Deutsche Jugend) Bildrechte: IMAGO/Ulrich Hässler

Die DDR brauchte jede Arbeitskraft und baute die soziale Infrastruktur mit Kinderbetreuung, Babyjahr und Ehekredit und Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Regiert wurden aber auch diese Frauen von Männern, die ihre Macht festhielten bis zum Schluss. Die ostdeutsche Frau als Erfolgsmodell kann gar nicht kritisch hinterfragt werden, das System schon. Aber das ist ein anderes Thema.

"Ostfrauen" - die drei mal 45 Minuten von Antje Schneider und Lutz Pehnert sind kurzweilig, handwerklich gut gemacht, inhaltlich klar ausgerichtet. Frauen in der DDR konnten alles sein: LPG-Vorsitzende, Lehrerin, Kosmetikerin, Designerin, Journalistin und heute sind sie Politikerinnen. Sie sind patent, haben Kinder und Karriere, Haushalt und einen Mann unter einen Hut gebracht. Ostfrauen sind anpassungsfähig und fleißig, wissen, was sie wollen und was sie bis heute erfolgreich macht.

Eine Masse an Erfahrung und Anregung fürs ganze Land

Frauen sitzen an einem Tisch.
Frauen einer Ortsgruppe des DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) bei einem Treffen Bildrechte: imago/photo2000

Luzie Schmollack, Mathematikstudentin, ist eine der wenigen jungen Frauen, die zu Wort kommen: "Emanzipation heißt ja auch einfach, dass man für sich selbst einsteht, und sich nicht dadurch beeinflussen lässt, was andere und die Gesellschaft von einem wollen. Also dass man klar macht, ok, das ist das, was ich brauche in meinem Leben, das ist das, was ich will in meinem Leben, und dann versucht man das auch irgendwie zu bekommen."

Die Dokumentation "Ostfrauen" trifft einen Nerv, was in der DDR war, was die Ostdeutschen an Erfahrung einbrachten und was bisher zu wenig gewürdigt wird, sagt Produzent Olaf Jacobs: "Es ist ja interessant, dass gerade die Ostfrauen wirklich eine Masse Erfahrung und Anregung fürs ganze Land mitbringen und dass das in diesem Bereich ein stärkeres Aufeinander-Zu-Bewegen als in anderen Bereichen war."

Auch deshalb ist es schade, dass die Ostfrauen nicht bundesweit im Ersten, sondern erstmal nur im Sendegebiet im MDR und RBB gezeigt werden. Aber es gibt ja Mediatheken.

Informationen zur Doku "Ostfrauen" - 3-teilige Dokumentation von Antje Schneider und Lutz Pehnert
Ein Projekt des RBB und MDR

Im Fernsehen:
Ostfrauen - Wege zum Glück | 08.03.2019 | 20:15 Uhr
Ostfrauen - Wege zur Macht | 08.03.2019 | 21:00 Uhr
Ostfrauen - weg vom Herd | 12.03.2019 | 22:05 Uhr

Alle drei Teile der Doku sind am 8. März ab 18 Uhr in der MDR-Mediathek abrufbar.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. März 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2019, 04:00 Uhr

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