Papst Franziskus
Papst Franziskus Bildrechte: IMAGO

Ältestes Gebet der Christen Papst Franziskus will Vaterunser ändern

Papst Franziskus will die Vaterunser-Bitte "Und führe uns nicht in Versuchung" ändern lassen, denn er hält die Übersetzung für falsch. Die Evangelische Kirche hingegen will an der gängigen Übersetzung festhalten. Warum, erklären der evangelische Theologe und Bibel-Experte Christoph Kähler und EKM-Landesbischöfin Ilse Kunkermann im Gespräch mit MDR KULTUR.

Papst Franziskus
Papst Franziskus Bildrechte: IMAGO

Papst Franziskus hat die Übersetzung des Vaterunsers in mehreren Sprachen kritisiert. Er bezieht sich dabei auf die Zeile: "Und führe uns nicht in Versuchung", wie sie im Deutschen und auch Italienischen lautet. In einem Interview mit einem italienischen Fernsehsender erklärte er am Mittwochabend, dies sei "keine gute Übersetzung". Die Worte "Lass mich nicht in Versuchung geraten" würden es besser treffen.

Als Argument führte er an, dass "nicht Gott, den Menschen in Versuchung führt, um dann zuzusehen, wie er fällt", sondern nur Satan einen Menschen in Versuchung führen könne. Ein Vater mache so etwas nicht, sondern helfe einem, sofort wieder aufzustehen. Der Papst begrüßte die Umformulierung, die die französische Kirche bereits vorgenommen hat. In französischen Messen wird seitdem die Bitte: "Und lass uns nicht in Versuchung geraten" gebetet.

Gott nicht nur als lieblicher Vater

Der evangelische Theologe Christoph Kähler, der die Überarbeitung der Luther-Bibel anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 geleitet hat, plädiert dafür, den Text nicht zu ändern.

Ich verstehe, dass der Seelsorger Franziskus ein Anliegen hat, diesen Text für Menschen die Angst haben, die Leid ertragen müssen, angenehmer oder erträglicher zu machen. Aber vom Text her würde ich sagen, wir müssen diesen Text gut genug erläutern, aber ihn bitte nicht ändern.

Christoph Kähler, evangelischer Theologe

Kähler schlägt vor, sich andere Stellen in der Bibel anzuschauen. Für ihn sollte Gott nicht nur als lieblicher Vater verklärt werden. Es gebe eben auch schlimme Lebenssituationen, die auch in der Bibel ihren Platz haben. Es gehe darum, gemeinsam über das Gebet zu sprechen und herauszubekommen, wie man die Zeile verstehen kann, sodass sie sich auch in das eigene Leben integrieren lässt.

Die Übersetzung, die bei Luther steht, ist die wörtliche Übersetzung. Und die werden wir sicher nicht ändern.

Christoph Kähler, Evangelischer Theologe

Evangelische Kirche will an Übersetzung festhalten

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will an der gängigen Übersetzung festhalten. Sie verteidigt den Text, da er so auch in der Luther-Bibel von 2017 steht. "Dabei bleiben wir auch", teilte sie auf ihrer Facebook-Seite mit.

Im Gespräch mit MDR KULTUR sprach sich auch Ilse Junckermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM), gegen eine Änderung des deutschen Vaterunser aus: "Ich bin dafür, die Übersetzung so zu lassen, wie sie ist. So steht sie auch im griechischen Urtext. Aber Jesus hat nicht Griechisch, sondern Aramäisch gesprochen, und im Aramäischen gibt es eine Verbform, die wir gar nicht haben. Es kann also durchaus sein, dass Jesus so formuliert hat, wie es der Papst meint, 'lass nicht zu, dass wir in Versuchung geraten'."

Das Vaterunser gilt als erstes Gebet der Christen und wird weltweit gesprochen. Es ist in den Evangelien des Matthäus und des Lukas in der Übersetzung nach Luther überliefert.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Dezember 2017 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 16:22 Uhr